Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Geschrippt

Eines der letzten ungelösten Rätsel der Menschheit ist die sich nun bereits über Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte hinziehende vollständige Unfähigkeit des Berliners, Brot zu backen, das diese Bezeichnung verdient. Man versteht bis heute nicht, warum dem Berliner dies nicht gelingen will. Zugegeben: Er kann schon kein Bier brauen, das nicht nach Sauerampfer und Achselschweiß schmeckt; er weiß nicht, was Höflichkeit und Humor sind; warum also soll er auf einmal Brot backen können? Woher soll er’s plötzlich gelernt haben, wo er doch jahrzehntelang vollauf mit Aufrechtgehenlernen, Sprücheklopfen und Nasebohren ausgelastet war?

Liebe Berliner! Wir wissen es ja: Die Backkunst erfordert viele Talente und Gaben, die ihr nicht habt (Feinsinn, Geschmack, Qualitätsbewusstsein, Geduld, Leidenschaft), und die Bereitschaft, von Menschen aus anderen Weltgegenden zu lernen, die Dinge besser können, als ihr sie könnt (also von Menschen aus allen Weltgegenden).

Selbst andere Regionen in Deutschland beweisen täglich aufs Neue, dass die Herstellung von essbaren Backwaren kein Hexenwerk ist. Was möglicherweise daran liegen mag, dass im Süden der Republik Getreide zum Backen verwendet wird und nicht, wie in Berlin, Sägespäne, Pappmaché und Emulgatoren. Und ja: In Berlin hergestellte »Brezeln« haben nur dann ein Recht auf diese Bezeichnung, wenn deren Ärmchen nicht die Konsistenz und den Geschmack von Schaumstoff haben.

Doch der Berliner ist ein innovationsfeindlicher Menschentypus: Er ignoriert fröhlich keckernd, dass es Bibliotheken gibt, in denen alles verfügbare Wissen über die Geheimnisse des internationalen Backhandwerks (Salz, Malz, Hefe, Wasser, Mehl) ohne allzu viel Aufwand zu finden wäre. Er zieht es stattdessen vor, in dem Brandenburger Regenloch, das er »Hauptstadt« nennt, zu hocken und sich auch künftig ungerührt jene aufgeschäumte Pappe in den Schlund zu stecken, für die er die abstoßenden Bezeichnungen »Schrippen« und »Stullen« erfunden hat, die ja nicht zufällig nach Züchtigungstechnik und Strafmethode klingen: »Feldwebel Kamischke! Stillgestanden! Bis morgen ist hier alles durchgeschrippt, sonst lasse ich Sie stullen, bis Blut fließt! Zackzack!«

Doch obgleich es kaum essbares Brot in Berlin gibt, liegen in den dort rotzfrech als »Bäckereien« und »Back-Shops« firmierenden Geschäften zahlreiche brötchen- und brotlaibförmige Fladen, Klumpen und Klopse verschiedener Größe, die der gutgläubigen eingeborenen Berliner Bevölkerung als Nahrungsmittel verkauft werden, obgleich der Berliner sie mithilfe seines Chemiebaukastens zusammengeknetet hat.

Als Zugezogener mag man sich das zwar nicht vorstellen, aber: Der Berliner kauft das Zeug täglich. Einige wollen gar schon davon gehört haben, dass der Berliner den Klumpatsch, den er da täglich fertigt und kauft, tatsächlich verzehrt.

Brot und Brötchen bitte künftig dort kaufen: »Soluna - Brot und Öl«, Gneisenaustraße 58, Kreuzberg

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln