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  • Kultur
  • Sexualgesetz in Schweden

Feminismus macht Vögeln fröhlicher

Alle Welt regt sich über Schwedens neue Sexualstrafgesetze auf. Und doch kennt niemand deren Wortlaut.

  • Von Richard Schuberth
  • Lesedauer: 6 Min.

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Schweden will das Selbstverständlichste der Welt, die Freiwilligkeit sexueller Handlungen, gesetzlich absichern, und diese Welt spottet und schäumt nun, was nicht nur darauf schließen lässt, dass es so selbstverständlich dann doch nicht ist, sondern jene berüchtigten Übersetzer von Fakten in Desinformation, die Medien, etwas am Sensationswert gedreht haben.

Ja, geht es noch?, raunt es aus den sozialen Medien. #metoo – eine der wirksamsten und deshalb unangenehmsten Kampagnen – überschlage sich ins Groteske. Feministische Reglementierungswut wolle gerade jene Sache, deren Befreiung von gesellschaftlichem Zwang immerhin zu den größten Errungenschaften des späten 20. Jahrhunderts gehörte, wieder in ein System von Schuld und Sühne zwingen, will sie entsaften, und den Notar zum Spanner machen. Nur eine Frage der Zeit, dass der hochkulturelle Boulevard die philosophische Expertise Robert Pfallers einholt, der mit dem üblichen hedonistischen Dauergrinsen vor dem neuen Puritanismus warnen wird, in welchem echte Hedonisten nur zu gerne überwintern, bloß um Pfaller als ihren Interessenvertreter abzuschütteln, ehe der Frühling ins Land zieht.

Die »Welt«, das Sprachrohr des romantischsten Landes ebendieser, fällte ihr letztinstanzliches Urteil: »Seit gestern ist Schweden das unromantischste Land der Welt, gleich hinter Saudi-Arabien und dem Iran.« Was nicht nur ein eigenartiges Licht darauf wirft, was man in Deutschland unter der Logik des Superlativs, sondern auch unter Romantik versteht: das Brechen freien Willens mit ehrlichen Absichten. Es reicht nicht, dass man den Vergewaltiger um sein romantisches Image gebracht hat, nun will man auch seinen charmanten brother in libido, den Verführer, vom tollen Hecht zum zudringlichen Aal degradieren. Casanova, der Frauenliebhaber, und Don Juan, der Frauenverächter, auf eine Stufe gestellt? Eben nicht, denn Giacomo Casanova hätte den schwedischen Gesetzesentwurf voll unterstützt, gerade weil er sein Renommee als Verführer gesteigert hätte. Wie das? Die Antwort etwas später.

Zunächst: Natürlich kennt niemand, der sich über den schwedischen Gesetzesentwurf aufregt, dessen Wortlaut. In einer Umfrage haben ihm zwei Drittel der Befragten, typisch schwedische Romantikmuffel eben, zugestimmt. Zudem haben ihn bereits alle Oppositionsparteien begrüßt. Sein wichtigster Punkt lautet: »Wenn eine Person weder mit Worten noch mit eindeutigen Gesten seine Zustimmung zu sexuellen Handlungen gegeben hat, wird die Nötigung dazu illegal.« Mit im Paket sind unromantische Maßnahmen wie die Erhöhung der Mindeststrafe für schwere Vergewaltigung sowie für Vergewaltigung von Kindern von vier auf fünf Jahre Gefängnis.

Der Unterschied zur bisherigen Regelung besteht darin, dass die Ausleuchtung der Grauzone zur Nötigung erweitert wird und zur Entlastung von Menschen, die das entschiedene Nein aufgrund von psychischem Druck, Einschüchterung oder Angst nicht über die Lippen bringen, die Beweislast stärker auf den Bedränger, die Bedrängerin verlagert wird. Denn das Gesetz gilt unabhängig vom Geschlecht der beteiligten Personen. Was nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass international stets über 90 Prozent der Opfer von Vergewaltigungen und sexueller Nötigung Frauen sind, allein in westlichen Ländern zwischen 8 (in Deutschland) und 25 Prozent (in den USA) der Frauen bereits einmal im Leben sexuelle Gewalt erleben mussten und die Dunkelziffer nach offiziellen Schätzungen zwei- bis dreimal so hoch liegt.

Auch auf leise Kritik stieß das geplante Gesetz in Schweden, und zwar nicht von den Hysterikern bedrohter patriarchaler Freiheiten, sondern von vernünftigen Menschen. Manche monierten zu Recht, dass das bloß symbolische Maßnahmen seien, die nicht viel am Sachverhalt ändern würden. Ihnen konterte man ebenfalls zu Recht, dass es doch zur Veränderung der Mentalität beitragen könnte und zur Reflexion darüber, dass die Grenze des freien Willens vielleicht doch nicht erst bei physischem Widerstand und heftigem Nein beginne. Ein Anwalt bezweifelte die Judizierbarkeit der Novelle und riet ironisch zur schriftlichen Einverständniserklärung.

Das war das Stichwort, auf das die deutsche Yellow Press gewartet hatte. Der Journalist André Anwar lancierte als Postillon du scandale einen Artikel mit der Headline »Männer müssen Sex-Genehmigung bei Frauen einholen« in der »Braunschweiger Zeitung«, in den »Stuttgarter Nachrichten«, in der »Augsburger Allgemeinen« und in der »NOZ«. Die dpa übernahm es, Focus Online verbreitete die frohe Botschaft schließlich unter dem Siegel approbierter journalistischer Seriosität. Suggeriert wurde damit, dass jeglicher Sex, der nicht nachweislich nach einer offiziellen Einverständniserklärung erfolge, einer Vergewaltigung gleichkäme. Eine verzerrte Interpretation, die Frauenliebhaber und manchen Knacki zur Weißglut trieb und den gepflegten Herrenwitz aus dem Altersheim befreite. In der Tat klang das so, als sei es vom deutschen Online-Satiremagazin »Der Postillon« erfunden worden. Was wiederum dessen Chefredakteur Stefan Sichermann auf den Plan rief, dem es sichtlich gar nicht passte, dass die Wirklichkeit komischer ist als er, und die deutsche Öffentlichkeit erlebte das einmalige Paradox, dass auf weiter Flur einzig ein Satiremagazin mit tiefem aufklärerischem Ernst den Wahnwitz eines medialen Leerlaufs zu stoppen versuchte.

Das Argument, das schwedische Gesetz erleichtere es vermeintlichen Opfern, Unschuldigen sexuelle Nötigung anzuhängen, ist nicht stimmig, denn diese Möglichkeit bestand auch zuvor. Und wie sehr der Vorwurf der Falschanzeige Teil der patriarchalen Matrix ist, beweist eine britische Studie aus dem Jahr 2005, welche die Bestandsaufnahme von 8 Prozent falscher Anschuldigungen auf die Voreingenommenheit der zumeist männlichen Polizeibeamten zurückführte, die ihre subjektiven Meinungen – und somit ihr prinzipielles Misstrauen gegenüber dem Opfer mit zu Protokoll gaben. Nach unabhängiger Analyse reduzierte sich die Zahl der Falschanzeigen auf 3 Prozent.

Bemerkenswert ist, dass die verquere mediale Darstellung des schwedischen Vorstoßes die tiefe sexuelle Unsicherheit sowohl der freigeistigen Empörer wie der Sexualpuritaner offenbart, welche am Sex weniger das mögliche Machtgefälle stört als überhaupt der Kontrollverlust und die Sekrete – und die sich bereits zu früh freuten, dass der eklige Geschlechts- durch Amtsverkehr berechenbarer wird.

Dass #metoo und die Schweden erotische Kultur zerstören, deren Ambivalenzen reglementieren, den Spaß bremsen, die Kunst der Verführung kriminalisieren wollen, ist nicht nur Unfug, sondern die Angst derer, welche verführen mit überrumpeln verwechseln. In Wirklichkeit machen sie Verführer und Verführerinnen empathischer – ja vielleicht sogar fantasievoller. In Zeiten der allgemeinen Verunsicherung meldet sich das Bedürfnis nach Orientierung, Regelwerk und Kohärenz machtvoll zurück. Diesen ängstlichen Puritanismus plustern die durch #metoo aufgescheuchten patriarchalen Netzwerke als idealen Gegner auf, den sie als Spaßbremsen denunzieren können. Doch eine dritte Kraft, ein sexpositiver Feminismus, fährt diesem falschen Antagonismus als Querfront in die Parade. Indem er den Beweis erbringt, dass in der Erotik, im Spiel, in seiner forcierten Dreckigkeit, ja sogar in der Dialektik von sich zieren und drängen alles erlaubt ist, außer der Grenzübertritt ohne Erlaubnis.

Giacomo Casanova mag ein Schlingel, Manipulator, ein geiler Sack und Hochstapler gewesen sein, seine Eitelkeit als Verführer wäre jedoch zutiefst gekränkt worden, wenn er sich die Zustimmung seiner Lustgenossinnen hätte erzwingen müssen (in seinen Memoiren gibt es natürlich auch Episoden, die diese idealisierende Sicht in Frage stellen, aber sei’s drum ...). Seine Verführungskunst lag nun darin, dass er durch Charme und Witz seine »Opfer« im Vorspiel des Vorspiels bereits so gekonnt manipuliert hatte, dass Nötigung nicht vonnöten war und sie sich ihm im Bewusstsein oder der Illusion – wer weiß? – ihrer vollen Souveränität hingaben. Ein Spiel, das sich von beiden Partnern zu beherrschen lohnt. In Casanova hätte das schwedische Sexualstrafrecht einen begeisterten Fürstreiter gefunden, ebenso wie die Erkenntnis, dass Feminismus Vögeln fröhlicher macht.

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