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Der normierte Alltag

Vor 100 Jahren gründete sich das Deutsche Institut für Normung - seitdem wird zertifiziert, was die Wirtschaft auf Wettbewerbskurs hält

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.
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Auch der Abstand der Metallstäbe im Grillrost ist normiert.
Auch der Abstand der Metallstäbe im Grillrost ist normiert.

Bis 1973 existierten in Deutschland rund 60 verschiedene Zeitungsformate. Erst dann brachte das Deutsche Institut für Normung (DIN) mit der DIN 16604 das Chaos in Form. Eins der seitdem gängigen Formate ist das Rheinische, in dem auch das »neue deutschland« gedruckt wird. Bekannter dürften allerdings die Papierformate für Schreibblöcke, Hefte oder Poster sein, hierzulande wird die meiste Geschäftspost auf DIN A4 erledigt. Doch das vielleicht wichtigste Standardmaß, das das Institut in Berlin vergeben hat, geht auf einen schrecklichen Unfall zurück. »Eine Norm, auf die ich stolz bin und deren Erfolgsgeschichte tagtäglich hilft, Leben zu retten«, berichtet Institutsmitarbeiterin Sabrina Mann.

Zum Auslöser wurde eine Flugschau auf der US-Luftwaffenbasis Ramstein, die im Sommer 1988 in einer Katastrophe endete. Nach einer Kollision stürzten drei Maschinen ab. Die Folge: 70 Tote und eintausend Verletzte. Die hohe Zahl der Opfer war auch eine Folge der schlechten Zusammenarbeit US-amerikanischer, deutscher und französischer Rettungskräfte - aufgrund unterschiedlicher technischer Ausstattungen. So passten die Rettungstragen der einen Helfer nicht in die Wagen der anderen. Als Erfahrung daraus wurde zwei Jahre später das europäische Komitee für Rettungssysteme gegründet, das DIN führt das Sekretariat. 1999 erhielt Europa erstmals einen Krankenwagen mit einheitlicher medizinischer Grundausstattung und austauschbaren Krankentragen. Seit 2014 muss jeder Krankenwagen in der Europäischen Union der Norm entsprechen.

England und die USA hatten bereits vor 1900 mit der Standardisierung von Produkten begonnen. Auch einige Branchen in Deutschland normierten. Am 22. Dezember vor 100 Jahren - mitten im Ersten Weltkrieg - gründeten an technischen Regelungen interessierte Kreise in Politik und Wirtschaft den »Normalienausschuss der deutschen Industrie« als zivilrechtliche Einrichtung. Der Ausschuss war Teil des »Hindenburg-Programms«, mit dem die Oberste Heeresleitung die Kriegswirtschaft ankurbeln wollte. Die Rüstungsproduktion sollte effizienter werden. Granaten, Lafetten und Schrauben wurden genormt, um etwa Produkte von Krupp auch in Produkten von Thyssen nutzen zu können. Die DIN 1 war denn auch folgerichtig jene für Kegelstifte - ein Verbindungselement im Maschinenbau. Die Wirtschaft erhoffte sich zudem von der »Deutschen Industrienorm« DIN eine größere Unabhängigkeit von der staatlichen Wirtschaftspolitik.

Ob Schrauben, Stecker oder Software: DIN-Normen regeln heute die Welt von Gewerbe, Industrie, Handel und Dienstleistung. Das Institut für Normung beziffert den gesamtwirtschaftlichen Nutzen in Deutschland auf 15 bis 20 Milliarden Euro pro Jahr. Doch der eigentliche Wert ist größer: Ohne Normen könnten moderne Volkswirtschaften und Gesellschaften nicht mehr funktionieren.

Das DIN ist ein gemeinnütziger Verein, der sich hauptsächlich aus dem Verkauf von Normen, anderen Verlagsprodukten und Dienstleistungen - etwa für das westeuropäische Rettungssystem - finanziert. Mehr als 50 000 Normen sind online abrufbar, die meisten »spezifizieren« Produkte. Nur wenige Normen setzen allerdings echte Qualitätsstandards. DIN A4 sagte daher auch nichts über die Güte des Papiers aus, sondern regelt nur Größe und Dicke.

In der DDR hatte die Regierung dagegen lange auf eigene Normen durch das Deutsche Amt für Maß und Gewicht (DAMG) gesetzt und diese als staatliche Rechtsvorschriften durchgesetzt. Erst in den späten 1980er Jahren suchte das DDR-Amt den Anschluss an kapitalistische, westliche Normen, um den Export anzukurbeln. In der sich globalisierenden Wirtschaft stießen nationale Normen ohnehin bald an Grenzen. So wurden aus DIN der europäische Standard EN und die internationale Norm ISO, die von der Internationalen Organisation für Normung in Genf geführt wird.

Wer etwa dem Rat seines Zahnarztes folgt, profitiert täglich davon. Konkret geht es um die Büschelauszugsprüfung: Die einzelnen Borstenbündel einer Zahnbürste sollen nach »DIN EN ISO 20126« mindestens einer Kraft von 15 Newton widerstehen, damit sie im Bürstenkopf bleiben und nicht verschluckt werden können. »In der Praxis funktioniert das gut«, loben die DIN-Normer in Berlin. Bevor Borsten ausfielen, seien sie meist schon so verbogen, dass man zu einer neuen Zahnbürste greife.

Firmen und Institutionen steht es grundsätzlich frei, sich einer Norm zu unterwerfen. In der Praxis geht ohne DIN-EN-ISO aber praktisch nichts mehr. Dabei werden heute die meisten Spezifikationen nicht für handfeste Produkte, sondern für Prozesse vergeben. So lassen Unternehmen, die etwas auf sich halten, anspruchsvolle Kunden bedienen oder staatliche Fördergelder anzapfen wollen, beispielsweise ihr Qualitäts- und Umweltmanagementsysteme nach »DIN EN ISO 19011« zertifizieren. Um ein solches Zertifikat zu erhalten, muss der gesamte Produktions- und Verwaltungsprozess durchforstet und entsprechend umgemodelt werden.

Nicht immer stößt dies auf Begeisterung. So beklagt beispielsweise der Bund Deutscher Architekten (BDA) - er ist noch älter als DIN - die »Überfülle an einzuhaltenden DIN-Normen« beim Bauen, bei der Barrierefreiheit und dem Brandschutz. Sie erschweren es demnach, preiswerte Wohnungen zu erstellen.

Das Institut für Normung sieht sich selber aber keineswegs als Verhinderer, sondern als Innovationstreiber. »Internationale Normen können von großem Nutzen bei der Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung sein.« Das war die Botschaft einer Veranstaltung kürzlich in Bonn. Ziel sei es, freiwillige internationale Standards und alltagstaugliche Lösungen zu definieren, um das Pariser Abkommen umzusetzen.

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