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Der Windflüchter

Weltmeister Marko Baacke starb fast beim Skispringen. Seither kennt er die Angst.

  • Von Jirka Grahl
  • Lesedauer: 8 Min.

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Der perfekte Sprung ist ein Rausch. Du schnellst vom Tisch in den Hang rein und alles wird anders. Schön. Leicht. Anfangs ist es auch beängstigend, denn kurz fühlt es sich an, als ob die Luftströmung abreißt. Du erschrickst, aber du musst Nerven bewahren. Denn hier entscheidet sich, ob du ein guter Skispringer wirst. Die Ängstlichen brechen hier ab und erleben nie die Magie. Du aber, du stürzt nicht, du kippst nicht vornüber, nein: Es kommt eine Welle, über die du hinausgetragen wirst. Die Luft schiebt dich von unten anstatt dich zu bremsen. Alles wird leicht. Als wenn dich die Hand Gottes im Nacken greift und nach vorn zieht. Und dann geht’s richtig ab!

Februar 2001. Als es für Marko Baacke erstmals richtig abgeht, hat kaum jemand damit gerechnet, am wenigsten er selbst. Mit grade einmal 21 Jahren hat ihn der Trainer zur Nordischen Ski-WM nach Lahti mitgenommen. Der junge Athlet soll sich in Finnland ausprobieren. Beim Sprung von der Großschanze passt der Wind besonders gut: Baacke kommt ins Fliegen und segelt auf 123,5 Meter. Er darf als Zweiter auf die Langlaufstrecke. Bei minus 20 Grad läuft Baacke das Rennen seines Lebens. Als er mit vereistem Kinn ins Ziel schnauft, hat er den großen Finnen Samppa Lajunen hinter sich gelassen - und alle anderen auch. Marko Baacke von der TSG Ruhla ist jetzt Weltmeister in der Nordischen Kombination, als erster Deutscher nach Herrmann Weinbuch 1985. Ein Traum.

Einer der ersten, die ihn im Ziel umarmen, ist Weinbuch, der damals schon als Bundestrainer arbeitet. »Marko war ein Riesentalent«, schwärmt Weinbuch auch im Dezember 2017. Er ist noch immer Bundestrainer, er hat seit Baacke noch viele Spitzenathleten erlebt. »Weder im Laufen noch im Springen war Marko ein Übertalent, aber überall gut. Und er zeigte immer dann Topleistungen, wenn es drauf ankam. Von solchen gibt’s nur wenige.« Baacke glaubt heute, dass seine Unbekümmertheit der große Vorteil war: »Alle anderen waren mit dem Leistungsdruck beschäftigt, ich hingegen war jung und frei: ›Finnland, WM, boah, geil!‹«

November 2001. Eine neue Saison, der erste Winter als Weltmeister - Gelegenheit zu beweisen, dass sein Titel kein Zufall war. Er ist in Finnland, an der Schanze von Kuusamo. Dieser Bakken ist ein Monster: Riesig erhebt sich der stählerner Turm auf dem Gipfel des Rukatunturi, Polarwinde machen die eisverkrustete Schanze zu einer der gefährlichsten der Welt. Doch nur hier liegt schon so früh genug Schnee zum Trainieren. Künstlich vereisbare Anlaufspuren gibt es 2001 noch nicht.

Die gesamte Weltelite ist da, auch die Deutschen. Für Baacke läuft das Training an diesem Novembermorgen schlecht, Trainer Weinbuch weiß noch heute viele Details dieses Tages zu benennen. Die heftigen Winde. Wie er durchsagte, der Marko solle doch jetzt besser aufhören, sein Sprung eben sei miserabel gewesen. Wie er aber den Marko doch seine eigene Entscheidung treffen ließ: Und Baacke wollte noch mal runter.

Den Sturz werden viele später als hart, aber nicht außergewöhnlich bezeichnen. Eine Böe erwischt Baacke, er fällt auf den Hang und überschlägt sich. Schnell steht er wieder auf. Stürze gehören dazu. Erst im Teamcontainer spürt Baacke, dass etwas nicht stimmt. Der Bauch schmerzt höllisch. Mit Blaulicht geht es ins nahe gelegene Krankenhaus, das hektisch einen Helikopter anfordert: innere Blutungen, angerissene Milz, geplatzte Niere - Baacke muss zu Spezialisten in die Universitätsklinik Oulu.

»Ich habe alle halbe Stunde seine Eltern angerufen«, erinnert sich Trainer Weinbuch heute an den schwerwiegendsten Sturz seiner Trainerlaufbahn. »Am Anfang habe ich gesagt, keine Sorge, nix Schlimmes. Aber nach ein paar Stunden hatte sich alles geändert. Ich musste sagen: Für Marko geht es um Leben und Tod.«

Die Notoperation glückt, Baacke überlebt. Er hat fünf Liter Blut verloren, seine Milz und eine Niere. Eine Narbe zieht sich von der Brust bis zum Schambein. Und auch sein Gemüt hat Kratzer abbekommen. Aber der ehrgeizige Weltmeister fängt schon nach fünf Wochen an, diese Kratzer auszumerzen: Baacke trainiert wieder, er will zurück in den geliebten Sport. Schon sein Vater war in der DDR ein Spitzenkombinierer. Psychologische Hilfe? Nein danke. Er doch nicht. Er muss nur weitermachen. Skilaufen, Skispringen - weiter wie bisher.

Mai 2002. Baacke springt von Jugendschanzen. Wie jeder verunsicherte Springer will er über kleinere Bakken langsam wieder Selbstvertrauen aufbauen. Peu à peu geht’s aufwärts. Alle unterstützen Baacke und so klappt es. Schon im Winter 2002/2003 ist er im Weltcup zurück. Nur Kuusamo lässt er aus. Auf der Schanze agiert er vorsichtig. Kein Risiko, lieber im Langlauf Plätze gut machen. Zwischen Rang 13 und 37 sortiert er sich dabei ein - unspektakulär, aber was will er mehr? Baacke wähnt sich auf dem rechten Weg.

Bis er 2003 beim Sommertraining wieder mehr riskieren will. Lahti. Finnland. Die Schanze seines WM-Erfolges. Baacke will wieder Großes leisten. Er gleitet in die Spur, rauscht mit 90 km/h abwärts, er schnellt über den Tisch, er legt sich auf seine Ski. Er fliegt. Und fliegt. Auf überragende 130 Meter. Die Teamkollegen staunen: Ist Baacke wieder der Alte?

Ja! Du hast es noch drauf. Irre! Die Welle. Der Rausch. Die himmlische Hand, sie hat dich am Schlafittchen gepackt. Dennoch ist jetzt alles anders: Dir ist heiß, als du unten ankommst. Puls auf 180. Die Trainer loben dich, du aber sagst, dass du heute nicht mehr springen willst. »Klar, wegen deines Sturzes damals!« antworten sie. Du aber denkst: Nein, das hier ist was anderes. Es ist zu viel. Zu viel Risiko. Es hat nichts mit der Angst vor dem Sprung in die Tiefe zu tun. Es ist Angst um das eigene Leben. Die Furcht vorm Tod, dem du schon mal so nah gekommen bist.

Winter 2003/2004. Marko Baacke will nicht aufgeben. Zwar hat ihm der Traumsprung vom Sommer in Lahti die Augen geöffnet: Ein Skispringer muss etwas riskieren, um ganz vorn zu landen. Und dieses Etwas kann unter Umständen das eigene Leben sein. Er will nicht sterben, aber er sieht sich als Kämpfer - als einen, der nicht so leicht aufgibt. Wer hart arbeitet, kann alles schaffen, oder? In Lahti ist Baacke nicht mehr gesprungen. In Trondheim wagt er sich wieder auf die Schanze. Ein paar Trainingssprünge ohne Risiko steht er durch. Am Wettkampftag aber bläst Wind. Heftiger Wind. Marko Baacke haut ab, fährt mit dem Lift wieder runter, lässt sogar seine Ski oben stehen. Später wird das Springen wegen eines Sturzes tatsächlich abgebrochen. Baacke ist da längst weg.

Bald fehlen ihm Weltcuppunkte und er steigt in den zweitklassigen B-Weltcup ab. Der Ex-Weltmeister ist nun in einem Team mit Junioren unterwegs. Die Schanzen des B-Weltcups sind zwar weniger berühmt, aber nicht weniger schwierig zu springen. Irgendwo in der italienischen Provinz begreift Marko Baacke, dass seine Karriere auf der Zielgeraden angelangt ist.

Das Heulen des Windes kann furchtbar sein. Du liegst im Hotelzimmer und weißt, morgen musst du hoch auf die Schanze. Der Sturm drückt gegen das Fenster. Dein Herz rast. Plötzlich bist du zurückgeworfen: ein Raum voller Apparate. Menschen in weißen Kitteln. Wie sie starren! Eine fremde Sprache. Was wollen sie? Furcht kriecht langsam deinen Rücken hoch. Die wollen nichts Gutes, die sollen verschwinden. Du willst nicht sterben. Weg! Schließlich weißt du, was zu tun ist: Morgen wirst du nicht zur Schanze fahren. Du drehst dich auf die Seite schließt die Augen. An Schlaf ist dabei nicht zu denken.

Dezember 2017: Mehr als 13 Jahre ist es nun her, dass Marko Baacke aufgehört hat. Nicht allzu oft hat er sich seither auf so lange Gespräche über seinen Sturz und die Zeit danach eingelassen. Der Sturz von Kuusamo ist noch immer bedeutsam: Als der Tag, an dem die Angst in das Leben eines unerschrockenen jungen Mannes trat: »Ich bin vorher immer volles Risiko gegangen, immer Vollgas. Einer ist vor mir gestürzt? Egal, passiert. Runter! Heute bin ich viel konservativer, ängstlicher geworden. Situationen beim Autofahren, bei einem Waldspaziergang - ich habe es lieber, wenn ich alles abchecken kann, was geht.« Mit einem Psychologen hat er in den letzten Jahren immer wieder am Thema Angst arbeiten müssen: posttraumatische Belastungsstörungen.

Die Nordische Kombination ist noch immer Alltag für Baacke. Er trainiert den Thüringer Nachwuchs in Oberhof. Er sagt, dieser Sport sei noch immer sein Leben. Mittlerweile ist er sich sicher, dass ihm der dramatische Verlauf seiner Karriere heute von Nutzen ist und auch denen, für deren Sicherheit er verantwortlich ist. Mit 37 Jahren steht Baacke als Trainer regelmäßig am Fuß der Schanzen und sieht den jungen Wilden zu, wie sie gen Tal segeln. Er ist derjenige, der die Hand oder die Fahne senkt, um zu sagen: Alles ist gut, spring! Er weiß, wie es den Jungs geht, wenn der Wind heftig weht und die Schneeflocken dicht an dicht treiben. Er weiß davon zu berichten, wie hart ihr Sport sein kann. Und wie unglaublich schön.

Die Ängstlichen brechen hier ab und erleben nie die Magie. Du aber, du stürzt nicht, du kippst nicht vornüber, nein: Es kommt eine Welle, über die du hinausgetragen wirst. Als wenn dich die Hand Gottes im Nacken greift und nach vorn zieht. Und dann geht’s richtig ab!

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