Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

31 Kriege und 65,6 Millionen Flüchtlinge weltweit

Der Verkauf von Kriegsgütern brachte 2017 insgesamt 374,8 Milliarden US-Dollar ein

  • Von Olaf Standke
  • Lesedauer: 5 Min.

Die kommunistischen Rebellen auf den Philippinen haben eine Waffenruhe über die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel verkündet. Sie reagierten damit auf einen Befehl von Präsident Rodrigo Duterte, die Offensive der Regierungstruppen für diesen Zeitraum zu stoppen - damit die Einwohner des vorwiegend katholischen Inselstaates ohne Stress feiern könnten. Zuvor allerdings hatte er die Friedensgespräche mit dem im Untergrund operierenden Linksbündnis der Nationalen Demokratischen Front der Philippinen (NDFP), zu dem auch die Kommunistische Partei (CPP) gehört, abgebrochen. So schaffte es ein seit 48 Jahren andauernder, oft bereits vergessener Krieg kurzzeitig in die internationalen Schlagzeilen. Dabei wurden in diesem Konflikt nach Regierungsangaben schon 30 000 Menschen getötet. Doch nicht wenige der von der Hamburger Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) in diesem Jahr erfassten und analysierten 31 Kriege und bewaffneten Konflikte verlaufen unter dem Radar der Weltöffentlichkeit, ohne große Hoffnung auf eine friedliche Lösung.

So ist es schon die gute Nachricht der Wissenschaftler, dass ihre Zahl weltweit nicht gestiegen sei. Zwei Kriege wurden danach 2017 neu begonnen, drei bewaffnete Konflikte konnten aber auch beendet werden - in Burundi, Mosambik und im nordöstlichen indischen Bundesstaat Assam. Dagegen entwickelten sich die Ende 2016 begonnenen gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Kasai-Provinz der Demokratischen Republik Kongo zum Krieg, so wie die im Südwesten von Myanmar zuvor einseitige Gewalt gegen die muslimische Minderheit der Rohingya in Kämpfe zwischen Rohingya-Rebellen und der Armee Myanmars eskalierte.

»Krieg« definiert das Institut der Hamburger Universität seit Beginn seiner Erhebungen 1986 dabei als gewaltsamen Massenkonflikt, bei dem mindestens zwei bewaffnete Streitkräfte mit einem Mindestmaß an zentral gelenkter Organisation beteiligt sind und die militärischen Handlungen mit einer gewissen Regelmäßigkeit und Dauer stattfinden. Als beendet gelten Kriege, wenn die Kämpfe mindestens für ein Jahr eingestellt oder unterhalb dieser Schwelle fortgeführt werden. Der Nahe und Mittlere Osten ist weiter die gewalttätigste Region der Welt mit zwölf Kriegen und bewaffneten Konflikten; es folgen Afrika und Asien mit neun. In Lateinamerika und in Europa verzeichneten die Friedensforscher dagegen nur jeweils einen Krieg. In Kolumbien, wo der Friedensprozess zwischen den FARC-Rebellen und der Regierung in Bogota trotz aller Widerstände fortgeführt wurde, dauerten die Kampfhandlungen mit der kleineren Rebellengruppe ELN jedoch an. Ab dem 1. Oktober wurde dann ein Waffenstillstand vereinbart, so dass die Chance auf eine dauerhafte Beendigung des längsten Krieges auf dem Kontinent besteht.

Doch die größte mediale Aufmerksamkeit fand der Krieg gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) in seinen Kerngebieten in Irak und in Syrien. Nach langen opferreichen Kämpfen konnten nicht nur die größeren Städte Mossul und Rakka zurückerobert werden; der IS verlor auch die Kontrolle über einen Großteil des »Kalifats«, in dem er seit 2014 herrschte. Die mit Abstand meisten Todesopfer fordere der Krieg in Syrien, wo die Regierungstruppen von Präsident Assad mit Unterstützung der russischen Luftstreitkräfte ihre militärische Position entscheidend verbessern konnten. Nach betont konservativen Schätzungen des Londoner Instituts für Strategische Studien (IISS) kamen dort allein 2016 rund 50 000 Menschen ums Leben.

Das UN-Flüchtlingswerk bewertet die Folgen der Kämpfe zudem als weltweit größte Vertreibungskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. So sind derzeit in Libanon, in der Türkei, in Jordanien, Irak, Ägypten und Nordafrika 4,9 Millionen Syrer als Flüchtlinge registriert. Außerdem haben über 800 000 in Europa Asyl beantragt. Zudem sind 5,7 Millionen in ihrer Heimat auf der Flucht. Die Zahl der Flüchtlinge weltweit stieg nach UN-Berechnungen auf ein Rekordhoch von 65,6 Millionen Menschen.

Weitere opferreiche Kriegsgebiete finden sich neben Somalia, Nigeria, der Demokratischen Republik Kongo, Südsudan und Jemen vor allem in Afghanistan - wo laut IISS im Vorjahr rund 17 000 Tote zu beklagen waren und bis Anfang Dezember 400 000 neue Binnenflüchtlinge registriert worden sind - sowie in Irak, wo man 2017 schon bis Oktober 12 548 zivile Todesopfer erfasst hat.

Nach IISS-Analysen gab es seit 2007 einen dramatischen Anstieg der Todesfälle in bewaffneten Konflikten - von knapp 36 000 auf etwa 180 000 im Jahr 2014; 2016 waren es noch immer 157 000, die Hälfte davon in Nahost und in Nordafrika. Gerade dort haben USA und NATO in diesem Jahrhundert diverse Kriege begonnen oder Milizen unterstützt, um ihre geostrategischen Interessen durchzusetzen.

Dabei würden immer mehr Konflikte in Städten ausgetragen - mit verheerenden Folgen für die Einwohner, so das Jahrbuch »Armed Conflict Survey«. Eine Sonderrolle kommt dem sogenannten Drogenkrieg in Mexiko zu, der im Vorjahr 23 000 Todesopfer gefordert hat. Laut Schätzungen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz ist der Anteil der Zivilisten an den weltweiten Kriegstoten von fünf Prozent im Ersten Weltkrieg auf 90 bis 95 Prozent in den bewaffneten Konflikten der Gegenwart gestiegen.

Nach Untersuchungen des Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung entstanden über die Hälfte der aktuellen Konflikte aufgrund ideologischer Differenzen und werden mit dem Ziel geführt, das politische System zu verändern oder an die Macht zu kommen. In anderen geht es um Ressourcen, regionale Vorherrschaft, Autonomie, Sezession und Territorium, wobei die Konflikte nicht selten mehr als einen Gegenstand haben. Armut, Vertreibung und Diskriminierung forcieren sie stets. Nachweislich wirken dabei Waffenlieferungen als Brandbeschleuniger.

Das Institute for Economics and Peace (IEP) berechnet alljährlich die wirtschaftlichen Kosten der weltweiten Gewalt und ihrer Folgen. Für 2016 kamen die Experten auf mehr als 12,5 Billionen Euro, knapp 13 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung oder umgerechnet 1750 Euro pro Person. Dabei zeigen wachsende Rüstungsausgaben und -exporte, dass am Krieg massiv verdient werden kann. Das Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI hat in seiner jüngsten Studie errechnet, dass der Verkauf von Kriegsgütern und militärischen Dienstleistungen im vergangenen Jahr 374,8 Milliarden US-Dollar einbrachte. Die Umsätze der 100 größten Waffenhersteller sind 2016 erstmals seit fünf Jahren wieder angestiegen. 82 Prozent der Anteile gehen auf Rüstungsproduzenten in den USA und Westeuropa zurück; Russlands Anteil liegt bei sieben Prozent.

Und das Geschäft mit dem Tod dürfte weiter boomen, weil sich auch wieder ein zunehmendes Wettrüsten zwischen Regional- und Großmächten entwickelt und die Lage vor allem in Nahost und auf der Koreanischen Halbinsel verschärft hat. Nach Prognosen im soeben veröffentlichten Report Jane's Defence Budgets dürften die weltweiten Rüstungsausgaben 2018 erneut um 3,3 Prozent auf 1,67 Billionen US-Dollar ansteigen, so viel wie seit Ende des Kalten Kriegs nicht mehr. Wobei die USA mit den von Präsident Donald Trump angepeilten 700 Milliarden Dollar weiter einsamer Spitzenreiter sein werden. Das Institut für Wirtschaft und Frieden spricht davon, dass »im letzten Jahrzehnt ein historischer Rückgang im Weltfrieden verzeichnet« werden musste. Er droht sich fortzusetzen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln