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  • Kultur
  • ARD-Produktion "Die Puppenspieler"

Alle Schreckensgestalten dieser Welt

Ulrich Matthes als Borgia-Papst in »Die Puppenspieler«

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.

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Wer Ulrich Matthes verstehen will, also nicht nur bestaunen, sondern echt ergründen, muss an seinen Augen vorbei. Es ist ein Blick, in dem sich all die Niedertracht des Menschen bündelt, aber auch das, was ihn so erhaben macht in seiner Mischung aus Humor und Würde, Abscheu und Demut, Liebe natürlich und Hass - der Mann ist schließlich Schauspieler. Filmschauspieler zumal. Einer der Besten sogar, und zwar keiner, der es sich leicht macht, das Publikum zu unterhalten.

Seinem Josef Goebbels etwa hat er in Oliver Hirschbiegels »Untergang« zu einer teuflischen Grandezza verholfen, die sein Racheengel des Tukur-Tatorts »Im Schmerz geboren« noch steigern konnte. Der schmierige Aberwitz vom Oberst der Regener-Verfilmung »Neue Vahr Süd« konkurriert allenfalls mit sich selbst als kopfloser SED-Bonze der Mauerfallgroteske »Bornholmer Straße«. Was immer Ulrich Matthes vor der Kamera anpackt - auch trotz und dank dieser Augen wurde es verlässlich zu ganz großem Filmtheater. Bislang zumindest.

Denn nun ist der vielfach prämierte Bühnenstar aus Berlin Teil eines Historienschinkens, dessen Banalität mit leichter Unterhaltung noch um Tonnen zu schwer beschrieben wäre. »Die Puppenspieler« heißt der Zweiteiler, mit dem die ARD zum Jahresabschluss alles in zwei abendfüllende Filme packt. Sie handeln vom Mittelalter am Rande der Renaissance, was längst so oft als Filmkulisse dient, dass man sie wie die »Lindenstraße« in Köln-Bocklemünd fest installieren könnte. Zeitgenössisch dreckig dekoriert muss der seltsam coole Klosterschüler Richard ansehen, wie seine seltsam toughe Mutter als Hexe verbrannt wird. Zum Manne erwachsen schwört der Ziehsohn des Kaufmanns Jakob Fugger (Herbert Knaup) Rache, gerät in den Lauf der Weltgeschichte, verliebt sich ins schönste Mädchen der Epoche und blablabla.

Berechenbarer, effekthascherischer, liebloser kann das alte Fernsehen den Kampf um neue Zuschauer kaum verlieren. Umso mehr fragt sich, warum Rainer Kaufmann für die unfreiwillige Komik dieses todernsten Quotenfabrikats seriöse Darsteller (Darstellerinnen sind nur als Accessoires von Belang) wie Edin Hasanovic, Rainer Bock und eben Ulrich Matthes gewinnen konnte, der hier den Borgia-Papst Alexander VI. gibt. »Wenn man ein Millionenpublikum mit solch einem Stoff erreichen will«, erklärt er zwischen zwei Einsätzen als König in Schillers »Don Carlos« am Hamburger Schauspielhaus, »schafft man das in der Regel nicht mit ironischen, selbstreflexiven Brechungen«.

Soweit das Genre. Und er selbst? Sein Blick blitzt zwischen Freundlichkeit und Angriffslust: »Tolle Verkleidung, großer Spaß!«. Fachlich sei das Menschliche an der Macht, wie sie der »Intrigenkönig von charmanter Boshaftigkeit« verkörpert, ohnehin interessant. Aber er wollte halt auch gern »öfter Unterhaltungsjux und Tollerei« wie diesen machen. Wenn man ihn denn ließe. »Ich genieße zwar den Status, Dinge abzulehnen, die mir zu eindimensional sind«, sagt der 58-Jährige nach mehr als einem halben Leben im Geschäft, »habe aber wenig Einfluss darauf, was man mir anbietet.« Denn das sind spätestens seit seinem Goebbels »alle Schreckensgestalten dieser Welt«. Ein »leider« erspart er sich und uns. »Da stört mich die eigene Larmoyanz.«

So bleibt ihm die Bühne als Ort maximaler Verwandlung. Auf diesem Sehnsuchtsort seiner Vielschichtigkeit darf er sogar mal den biederen Titelheld in Arthur Millers »Tod eines Handlungsreisenden« mimen. Im Film dagegen hagelt es weiter Typen wie jenen Auftragskiller, der Anfang Februar im Ersten auf Corinna Harfouch als »Die vermisste Frau« angesetzt wird. Wieder so eine Schreckensgestalt. Ulrich Matthes jedoch füllt sie mit einer Mischung aus Zynismus, Empathie und Trübsinn, deren Aberwitz zum Niederknien ist. Dem Ziel des Journalistensohns mit abgebrochenem Lehramtsstudium, »was Ulkiges mit dicker Hornbrille und schiefer Nase« zu spielen, kommt er damit zwar ein bisschen näher. Noch aber ist der Weg lang. Das deutsche Fernsehen ist da stur.

ARD, 27. und 28. Dezember, jeweils 20.15 Uhr.

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