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documenta - kopflos in der Sinnkrise

Hessen: Drei Monate nach Ende der Kasseler Kunstschau ist die genaue Höhe des Millionendefizits noch immer unklar

  • Von Göran Gehlen, Kassel
  • Lesedauer: 4 Min.

Ausgerechnet in einer ihrer größten Krisen benötigt die documenta in Kassel eine neue Leitung: Ein Geschäftsführer und ein künstlerischer Leiter werden gesucht. Der Kunstwissenschaftler und langjährige documenta-Beobachter Harald Kimpel bezeichnet die Situation als schwierig, sagt aber: »Krisen sind ein Lebenselixier der documenta.« Es werde einen Nachfolger für Kurator Adam Szymczyk geben. »Die Schwierigkeit wird es nicht sein, eine Person zu finden, sondern es wird die Schwierigkeit der Person sein, mit der gegenwärtigen Lage umzugehen.«

5,4 Millionen Euro Defizit hat die 14. Auflage der weltweit bedeutendsten Ausstellung für zeitgenössische Kunst voraussichtlich erwirtschaftet. Genau weiß man das jedoch auch drei Monate nach Ausstellungsende nicht. Erst im neuen Jahr stehe die Summe fest, die die Stadt Kassel und das Land Hessen als Gesellschafter zuschießen müssen, sagt Stadtsprecher Claas Michaelis.

Über das Vorgehen hüllen sich die Gesellschafter in Schweigen. Es steht nur die knappe Erklärung im Raum, dass das Defizit am zweiten documenta-Standort - also Athen - entstanden und in Personal-, Transport-, Raum- und Sicherheitspersonalkosten begründet sei. Details der Wirtschaftsprüfung sind unter Verschluss. Für 2018 steht fest: Bis zum Ende des Jahres soll eine Kommissionen aus Kunstfachleuten einen neuen künstlerischen Leiter vorschlagen. Und eine neue Geschäftsführung muss her, weil sich die bisherige Geschäftsführerin Annette Kulenkampff Ende Mai vorzeitig zurückzieht.

»Diese Situation ist diesmal besonders prekär, weil die documenta nicht nur in einer organisatorischen Krise, sondern auch in einer Sinnkrise steckt«, sagt Kimpel. Eine künstlerische Leitung müsse schleunigst gefunden werden, die das Ausufernde der documenta 14 mit zwei Standorten einfange, »ohne dass es nach Retro aussieht«. Gesucht werde jemand, der die optimale Qualität des Ausstellungsmachens mitbringe und für mehrere Jahre abkömmlich sei. Ein Engagement als documenta-Leiter ist zeitlich begrenzt. Dadurch sei eine erfolgreiche Suche schwierig, aber nicht unmöglich: »Eine documenta zu machen, ist eine Ehre, die sich niemand entgehen lässt«, erklärt Kimpel.

Von Verunsicherung und verpassten Chancen, die documenta wieder in ruhiges Fahrwasser zu bringen, spricht Volker Schäfer vom documenta forum. Der Verein, den documenta-Gründer Arnold Bode ins Leben rief, hat die Aufgabe, die Ausstellungsidee weiterzuentwickeln. Seit das Defizit bekannt wurde, habe es alle anderen Fragen überlagert. Es sei zu wenig über den künstlerischen Wert der documenta 14 gesprochen worden und was man für die nächste documenta in 2022 lernen könne.

Aus der Verortung des finanziellen Defizits nach Athen sei bei den Gesellschaftern eine Stimmung entstanden, nach der die nächste documenta sich eher an geografischen Vorbedingungen als an der künstlerischen Freiheit ausrichten müsse, erklärt Schäfer: »Stattdessen ist zu wünschen, dass nach der Kür einer künstlerischen Leitung die derzeitigen Gesellschafter Stadt Kassel und Land Hessen und hoffentlich auch als Dritter der Bund sich über die - auch finanzielle - Realisierbarkeit verständigen.« Eine weitere Baustelle, die durch die Defizit-Debatte in den Hintergrund getreten ist, sei das geplante documenta-Institut in Kassel. Es soll die Geschichte der documenta aufarbeiten, sich interdisziplinär der Archivierung widmen, der Erforschung der Wirkungsgeschichte der documenta und der Vermittlung der künstlerischen Aussagen. Einen Vorschlag für einen Standort in Kassel gibt es mittlerweile. Doch zur Frage, wie das Land Hessen und die Stadt Kassel sich dieses außerordentlich wichtige Projekt konzeptionell vorstellten, erfahre selbst die interessierte Öffentlichkeit nichts, sagt Schäfer.

Für einen Neuanfang der Kunstausstellung spricht sich der frühere documenta-Geschäftsführer Roman Soukup aus: Er schlägt vor, die gemeinnützige GmbH in eine Stiftung umzuwandeln, um sie unabhängig von politischen und wirtschaftlichen Interessen zu machen. Die Ausstellung könnte dann mit den Ausschüttungen des Stiftungskapitals finanziert werden. »Es ist vielleicht die einzige Chance, die documenta in einer verkleinerten Form und Größe, für die kommenden Generationen zu erhalten. Und von den Begehrlichkeiten des Marktes, der Politik und der Wirtschaft unter einem documenta-Kurator, der von den Künstlern geliebt wird, unabhängig zu machen«, sagt er. dpa/nd

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