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Die Tränen der Louise Weiss

Daniel Schönpflug: »Kometenjahre« ist das Werk eines Historikers und liest sich wie ein Roman

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 5 Min.

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Ein faszinierendes Buch, auch wenn es Einwände gibt (doch dazu später): Daniel Schönpflug, Professor für Geschichte an der FU Berlin und Koordinator des Wissenschaftskollegs zu Berlin, stützte sich beim Schreiben nicht nur auf zahlreiche Werke von Historikerkollegen über das Jahr 1918, sondern auch auf Biographien und, mehr noch, auf Selbstdarstellungen seiner handelnden Personen in Form von Autobiographien, Memoiren, Tagebüchern und Briefen. Handelnde Personen: Sie sind authentisch und zugleich Kunstgestalten, allein schon, weil der Autor sie in ein Beziehungsgeflecht rückt, das sie selber so nicht erkannten.

Denn: Wir können nicht hinausschauen über unsere Zeit. Wenn wir uns auch mühen, größere Zusammenhänge zu überblicken, stecken wir doch gleichzeitig fest in unserem Alltag mit all unseren privaten Befindlichkeiten, Wünschen, Beschwernissen, die Historiker normalerweise nicht interessieren. Hier aber wird dieses Persönliche so wichtig genommen, wie es für den einzelnen Menschen ja auch ist.

Wie ein Romancier ganz vom Individuellen her nähert sich Daniel Schönpflug dem Jahr 1918, wie ein Wissenschaftler hat er dabei aber das Weltganze im Blick. Geopolitische Interessen und Konflikte, die auch für die Gegenwart interessieren und in der Öffentlichkeit viel zu zaghaft analysiert werden, sind hier vor historischem Hintergrund angesprochen und können vom Leser weitergedacht werden. Anregende Lektüre für Menschen, die sich in einer globalisierten Welt wissen.

Man muss dem Autor Bewunderung zollen, wie er auf packende Weise aus verschiedenen Schicksalen und Lebenssituationen eine Collage schafft. Da wird man durchaus an Florian Illies’ »1913. Der Sommer des Jahrhunderts« erinnert. 2012 ebenfalls bei S. Fischer erschienen, lag dieses Buch auf vielen Weihnachtstischen, wo sich auch Schönpflugs »Kometenjahre. 1918: Die Welt im Aufbruch« gut ausnehmen dürfte.

Dabei ist der Blick des Historikers viel weiter gespannt - von Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Irland bis nach Indochina, den Nahen Osten, die USA. Zu Beginn erleben wir, wie Matthias Erzberger, Staatssekretär des Deutschen Reiches, am Nachmittag des 7. November 1918 durch das zerstörte Frankreich fährt, um mit seiner Unterschrift die Kapitulation zu erklären und einen Waffenstillstand zu erwirken; am 26. August 1921 werden wir Zeugen seiner Ermordung sein, weil er einem »Schandfrieden« zugestimmt hat.

Aber das ist nur eine von vielen Schicksalslinien im Roman. Zwei Seiten später begegnen wir dem amerikanischen Offizier Harry S. Truman, der noch nicht ahnt, dass er einmal US-Präsident sein würde, dann Wilhelm von Preußen, dann Alvin C. York, der einer der höchstdekorierten Soldaten der US-Army war, bei seinem gefährlichsten Kriegseinsatz. Marina Yurlowa aus einer Kosakenfamilie rückt ins Bild, Thomas E. Lawrence in Damaskus und Rudolf Höß, der in seiner Autobiographie behauptete, ebendort gewesen zu sein. Wir erleben, wie die französische Journalistin Louise Weiss 1918 zur Herausgeberin der Zeitschrift »L’Europe Nouvelle« wurde, folgen den Gedanken von Käthe Kollwitz, die im Krieg einen Sohn verlor, und - im Kontrast dazu - von Virginia Woolf in Richmond, die fern von all den Wirren mit ihrem Schreiben und schon mit ihren Depressionen kämpfte.

Nguyen Tat Thanh treffen wir als Tellerwäscher in London, und ich, zum Beispiel, wusste in diesem Moment nicht, dass er später unter dem Namen Ho Chi Minh berühmt wurde. Wir begegnen Gandhi und Gropius, George Grosz und Paul Klee, Terence MacSwiney, dem irischen Freiheitskämpfer, und Soghomon Tehlirian, der für das Massaker an den Armeniern Rache übte. Arnold Schönberg wird mit Judenhass konfrontiert. So geht es auch Alma Mahler, die zwischen Walter Gropius, Franz Werfel und Oskar Kokoschka steht. Höß, der spätere Kommandant von Auschwitz, schließt sich einem Freikorps an.

Momente der Geschichte in persönlichem Erleben: Es ist ein Geschenk, sich auf diese Weise in eine ferne Zeit einfühlen zu können. Allerdings vornehmlich über solche Menschen, die Selbstzeugnisse hinterlassen haben. Jene im Dunkeln bleiben auch dort. Dass mit den »Harlem Hellfighters« schwarze Soldaten im Triumph durch New York marschieren, was der Bürgerrechtsbewegung Auftrieb gab, ändert nichts daran. Dies mag, wie gesagt, dem künstlerischen Verfahren geschuldet sein, hat aber eine Ursache auch im Blickwinkel des Autors.

Das Jahr 1918 allein aus der Sicht der Kosakin Yurlowa zu beleuchten, die in der zaristischen Armee kämpfte und später in die USA emigrierte, ist ein Mangel. Mit dem Wort »Aufbruch« verbindet Daniel Schönpflug nicht die Utopie einer Welt ohne Ausbeutung, und mit der Novemberrevolution 1918 in Deutschland ist er schnell fertig.

Ich verstehe ja, Chaos, gar Blutvergießen sind unsereins ein Graus, die wir in sicherer Lage unser Schöpfertum zu entfalten und unser, ach so begrenztes, Leben zu genießen trachten. Aber Elfenbeintürme geraten schnell ins Wanken. Und die europäische Idee wird mit westeuropäisch-transatlantischem Denken schon nicht mehr erreicht. Wenn mancher Leser also der Lektüre noch etwas hinzufügen oder entgegnen möchte, spricht es allerdings für die anregende Wirkung dieses Buches. Es ist im Zusammenhang mit einer Fernsehserie entstanden, die ab 2018 von mehreren Sendern ausgestrahlt wird. Lesen Sie es lieber, bevor die große Vermarktungswelle beginnt.

»Hoffnung auf ein geregeltes Leben und eine gesicherte Versorgung« - damit sei das Ende des Krieges für die heimgekehrten Soldaten wie auch für Zivilisten verbunden gewesen, schreibt Daniel Schönpflug. »Allem Leiden, allem Umbruch und aller Unsicherheit zum Trotz wagen es viele Menschen in jenem ersten Frühling nach dem Krieg, Alternativen zu denken und Visionen für eine bessere Zukunft zu entwerfen.«

Da spürt man seine Sympathie mit den Tatkräftigen, besonders mit Louise Weiss, die den Friedensschluss nicht als »Schritt zum Ausgleich, sondern als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln« erkennt. Eine Reise nach Riga und Moskau (über die man gern mehr erfahren hätte) hinterlässt Enttäuschung. »Sie haben eine Bürgerliche vor sich«, sagte sie und traf auf Misstrauen. Auf Seite 278 sehen wir sie in einer Patisserie im Quartier Saint-Augustin vor einer heißen Schokolade sitzen. Von Tränen überwältigt. »Louise Weiss weint um ihre Träume von Revolution, von einem neuen Europa, einer neuen Welt von Friede und Freiheit, von denen die Wirklichkeit so wenig übriggelassen hat.«

Daniel Schönpflug: Kometenjahre. 1918: Die Welt im Aufbruch. S. Fischer Verlag. 319 S., geb., 20 €.

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