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Faktencheck und Spielfilmgüte

Ein Rückblick auf zwölf Monate am Fernsehbildschirm - und ein Ausblick auf die nächsten zwölf

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 5 Min.
Wenn Realität Fiktion wird und Fiktion Realität, wenn niemand weiß, was noch wahr ist oder falsch, wenn die Wirklichkeit bisweilen mehr schäumt als Träume, dann verhält sich das neue Jahrtausend, wie sich jemand halt verhält, der kurz vor der Volljährigkeit steht: prinzipientreu planlos, meinungsfest chaotisch, uneinsichtig schwankend, kurzum: völlig verwirrt. So ließe sich auch das laufende Fernsehjahr beschreiben. Ein Jahr, das alte Gewissheiten taumeln lässt, weil neue agieren wie die Axt im Walde dessen, was irgendwann mal Wahrheit hieß.

Auch am Bildschirm (jeder Größe) sind alternative Fakten schließlich so zügig auf dem Vormarsch, dass Tatsachen in der Defensive sind. Mit nachrichtlicher Kompetenz, analytischer Tiefe und dokumentarischer Brillanz wie in Florian Hubers »Mensch Schröder«, Stefan Lambys »Bimbes« oder Hubert Seipels »Abgehört und abgenickt« belegten die Öffentlich-Rechtlichen zwar unverdrossen ihre Seriosität. Zugleich aber stellen sie sie mit Taskforces à la »Tageschau-Faktenfinder« oder »ZDFcheck17« gewissermaßen gleich wieder infrage - und fallen dennoch auf Joko und Klaas rein, die dem Zweiten beim Übertragen der Goldenen Kamera ein Double von Ryan Gosling untergejubelt haben.

Es blieb nicht die einzige Simulation. Bullenkönig Dietrich Matteschitz simuliert mit seinem Netzkanal Addendum die Suche nach Ehrlichkeit und Alice Weidel mit ihrem Abgang bei Maischberger Spontaneität. ProSiebenSat1-Chef Thomas Ebeling verliert für den Anflug von Aufrichtigkeit, sein Publikum fett und faul zu finden, den Job, und Neo blamiert sich mit factual Entertainment namens »Diktator«. Viel Fake im Fach vermeintlicher Sachlichkeit. Und so sorgte die Fiktion zuweilen für wahrhaftigeren Realismus. Hans-Christian Schmids ARD-Vierteiler »Das Verschwinden« zum Beispiel erzählt den Drogensumpf der Provinz glaubhafter als jede Dokumentation. Wirklichkeit kann so fesselnd sein, wenn man Thema und Figuren ernst nimmt.

Genau davon konnte bei Schmids Kollegen Sönke Wortmann keine Rede sein, als er die »Charité« des Dreikaiserjahrs 1888 zum Leben erweckte. Im März versank die opulente Nummernrevue großer Ärzte knietief im Quark kleiner Liebeleien und lag damit nur knapp überm Bodensatz der Sat1-Mittelaltersülze »Ketzerbraut« oder des Kostümballes »Das Sacher« aus dem Hause ZDF. Der Lohn: Topquoten, Fortsetzung, herrje. Dabei kann Historytainment gehaltvoll sein. Damit sind aber nicht die Biopics zum 500. Reformationstag mit den Herren Brückner, Striesow, Knižka als unser aller Luther gemeint, sondern bewegende Zeitgeschichte wie Matthias Glasners Romanverfilmung »Landgericht« (ZDF), die zwei NS-Opfern zubilligt, in Freiheit an ihrer Moral zu scheitern. Wer gut ist, wer nicht, blieb auch in Oliver Hirschbiegels Agentenkunststück »Der gleiche Himmel« Auslegungssache und daher ähnlich sehenswert wie der ARD-Klamauk »Willkommen bei den Honeckers« mit Martin Brambach als ausgetrickstem DDR-Chef im Exil.

Überhaupt: Spielfilme. Sie waren oft von solcher Güte, dass selbst ein Heino Ferch als detektivischer Snob der Suter-Verfilmung »Allmen« glänzte. Die Reihe ist ähnlich mitreißend wie Fahri Yardim und Christian Ulmen als verpeilte »Jerks« oder Frederick Lau und Kida Khodr Ramadan als Gangster in »4 Blocks«. Wie Olli Dittrich als Schlagerpersi᠆flage Trixie Dörfel oder Maximilian Brückner als Bürgermeister von »Hindafing«, wie Baran bo Odars intensives Provinzdrama »Dark« oder Tom Tykwers funkensprühendes Zwischenkriegsporträt »Babylon Berlin«. Was diese Werke gemeinsam haben? Keines davon läuft zur Hauptsendezeit großer Kanäle, sondern spätnachts oder online.

Wer sich zugleich inspirationslose Schonkost von der nächsten Krimi-Butterfahrt des Ersten nach Barcelona über die ZDF-Feministin »Zarah« oder einen »Bad Cop« auf RTL bis hin zur Rückkehr Josef Matulas ansieht, muss eingestehen: Gute Serien werden importiert wie die belgische Psycho-Sensation »Zimmer 108« (Arte) oder gestreamt wie der bizarre Horror-Reigen »Room 104« (Sky). Und ganz egal ob Humor (»Santa Clarita Diet«), Drama (»Gypsy«), Biopic (»Wormwood«), Western (»Godless«), Action (»El Chapo«), Doku (»The Keepers«) oder Film (»The Meyerowitz Stories«) - Netflix zeigt dabei in jedem Genre das größte Gespür für Zeitgeist mit Stil, während Amazon für die erste deutsche Eigenproduktion »You Are Wanted« lieber Matthias Schweighöfer engagiert hat als einen, der mehr als nur Oberflächen poliert.

Das dürfte sich im kommenden Jahr kaum ändern - auch wenn »Pastewka« Ende Januar von Sat1 zu Amazon wandert und dort weiter an Qualität gewinnt. Bei HBO endet Game of Thrones mit der 8. Staffel und im Herbst lässt Sky Wolfgang Petersens »Boot« zu Wasser. Mit »Dogs of Berlin« startet Netflix die zweite Serie aus Deutschland und taucht dafür atmosphärisch in die urbane Subkultur ein, während gleich zu Jahresbeginn etwas echt Seltsames geschieht: MTV kehrt zurück ins Free-TV, und alle Welt fragt sich: für wen denn bloß? Wohl eher für die nostalgisch gesinnte Generation 50+ als für Digital Natives, die sich fern vom linearen Programm pudelwohl fühlen.

Dort bietet ihnen die ARD die vierte Staffel von »Weissensee«, zwei Anwaltsserien, ansonsten viel Sport und nach zwei umstrittenen Mystery-»Tatorten« maximal zwei Experimente. Das ZDF setzt »Ku’damm« anno 59 fort und versteckt Jan Böhmermann ohne Oli Schulz weiter bei Neo. RTL gönnt sich mit Daniel Donskoy als falschem Pfarrer »Sankt Maik« ein frisches Gesicht und dreht für Crime David Schalkos Remake von »M - Eine Stadt sucht einen Mörder«. ProSieben startet die Erfindershow »Das Ding des Jahres« und setzt auch sonst auf Joko mit oder ohne Klaas. Sat1 macht Henning Baum vom Bullen zum »Staatsfeind«, leiht sich Carsten Maschmeyer als Existenzgründer von Vox, und die Fiktion, davon dürfen wir ausgehen, wird auch überall sonst zusehends nahtlos in Realität übergehen. Was unterhaltsamer ist, zeigt - nein, nicht die Quote. Aber der Überlebenskampf des Fernsehens alter Art.

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