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Im Laufschritt

Tom Strohschneider war fünf Jahre lang nd-Chefredakteur.

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 4 Min.

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Anfang dieses Jahrtausends stellte sich ein junger Mann im nd-Politikressort als Praktikant vor. Er hatte seinen Zivildienst hinter sich, bei dem er für den Sozialverband Volkssolidarität Essen zu alten Leuten gebracht hatte. Unter seinen Abnehmern waren ein paar Seniorinnen und Senioren, die in der DDR eine mehr oder weniger große Nummer gewesen waren. In einem Land, in dem der Zivi als Schulkind aufgewachsen war. Allerdings hatte er andere Geschichten erlebt als diejenigen, die ihm manche seiner Kunden erzählten.

Nun also wollte der junge Mann, der Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie studiert hatte, zur Zeitung. Zu einer linken Zeitung. Und, da er aus dem Osten stammt, zu einer linken Zeitung aus dem Osten. Der Praktikant hieß Tom Strohschneider, ich war sein Ressortleiter. Etliche Jahre später war er mein Chefredakteur, ich einer der Stellvertreter. Nun bin ich sein Nachfolger. Lebenswege nehmen zuweilen unerwartete Richtungen.

Wir haben viel zusammen erlebt. Gleich sein erster Artikel fürs »neue deutschland« behandelte Auseinandersetzungen am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung. Es ging um geschichtspolitische Kontroversen, Parteienstreit und Forschungsfinanzierung - ein großes Kaliber für einen Praktikanten. Einer der nächsten Texte brachte uns gemeinsam vor die Schranken der Justiz: Ein Lokalpolitiker vom rechten Rand fühlte sich verunglimpft und stellte Strafanzeige. Wir saßen als Beschuldigte im Gerichtssaal; am Ende plädierte selbst der Staatsanwalt auf Freispruch und Meinungsfreiheit. Immerhin: kein schlechter Einstieg ins Berufsleben.

Wenn sein Interesse für ein Thema erst einmal entfacht ist, lässt Tom nicht mehr los. Das war so bei der Sozialforumsbewegung vor 10, 15 Jahren; bei der Entstehung der Linkspartei; bei der Euro-Schuldenkrise vor allem in Griechenland und dem Aufschwung der linken Gegenbewegung. Dass sich da ein schneller, kluger Kopf äußert, blieb anderswo nicht lange verborgen. Die Wochenzeitung »Freitag« warb ihn 2008 ab; die Kollegen kannten Tom Strohschneider aus gemeinsamen Projekten mehrerer Redaktionen zu den Sozialforen und fanden zu Recht Gefallen an ihm.

Schon zuvor hatte Tom ein Blog gestartet, »Lafontaines Linke«, mit dem er das Entstehen der Linkspartei, die schwierige Annäherung von PDS und WASG begleitete. Wir betrieben die Plattform dann zu zweit, auch in der Zeit, als wir nicht für die gleiche Zeitung arbeiteten. »Lafontaines Linke« gehörte zeitweilig zu den 20 meistgelesenen politischen Blogs in Deutschland; das darauf aufbauende gleichnamige Buch wurde zu unserer Erheiterung in der konservativen »FAZ« als bestes Buch über die Linkspartei eingestuft.

Nach vier Jahren beim »Freitag« und einem kurzen Zwischenspiel bei der »taz« kam Tom 2012 zum »nd« zurück - das Angebot, die Redaktionsleitung zu übernehmen, zu konzipieren, zu lenken, die Fühler in die Zukunft des Zeitungmachens auszustrecken, war von erheblichem Reiz. Er hat da - gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen - viel erreicht. Immer im Spannungsfeld zwischen der Tradition eines geschichtsbeladenen einstigen Zentralorgans und dem Anspruch, linke Haltung und Debatte zusammenzuführen mit den Möglichkeiten und dem Druck des modernen, internetgetriebenen Mediengeschäfts. Die Zeitung hat ihr Gesicht spürbar verändert. Ihr Internetauftritt veränderte sich rasant; das Online-Ressort wurde aus seinem Nischendasein geholt und ist längst ein wichtiger, auch ein viel diskutierter Teil der Redaktion.

Tom hat gedrängt und gezogen, oft ungeduldig, manchmal unduldsam. Wenn andere noch eine Nachricht zu Ende lesen, hat er schon die Analyse im Kopf. Und die Frage, welche Geschichte darin steckt, die zu erzählen sich lohnen würde. Was ihm zu langsam geht, macht er eben selbst - und schreibt in aller Herrgottsfrühe eine lange Hintergrunderörterung.

Es gibt Menschen, die vorneweg laufen müssen. Die die anderen mitziehen. Das kostet Kraft; mehr, als die dahinter glauben. Tom hat in seiner Zeit als Chef beim »nd« immer gezerrt: an den begrenzten Möglichkeiten, an den Zeigern der Uhr. Er tanzte auf vielen Hochzeiten gleichzeitig; hat scharfsinnige Betrachtungen verfasst, die große Beachtung fanden; hat auf vielen Debattenpodien gesessen; hat den Paternoster im nd-Gebäude zur Kulisse eines Videoblogs gemacht; hat - nur scheinbar nebenbei - thematische Sonderhefte aus dem Boden gestampft. Er hat von anderen viel verlangt, von sich selbst vielleicht zu viel.

Vor einigen Wochen entschloss er sich auszusteigen aus der nie ruhenden Mühle der Tageszeitung. Aus einem Leben im Laufschritt. Innezuhalten, durchzuatmen. Zum Jahreswechsel endet der Form nach sein Arbeitsvertrag. Ein Verlust für das »neue deutschland«, ganz zweifellos, aber immerhin kümmert er sich um die monatlich erscheinende und dem »nd« beiliegende wirtschaftspolitische Zeitung »OXI«. Er bleibt im nd-Universum, wenn auch auf einer etwas entfernteren Umlaufbahn.

Lebenswege nehmen zuweilen unerwartete Richtungen. Man begegnet einander, läuft ein Stück gemeinsam, entfernt sich, findet sich wieder, verliert sich erneut. Wer weiß, wie es weitergeht.

Einstweilen lesen wir voneinander.

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