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Ostdeutsche zwischen Täter und Opfer

Auf Spurensuche in Sachsen: Wendeerfahrungen, Rassismus und der Aufstieg der AfD

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Rassismus in Sachsen: Ostdeutsche zwischen Täter und Opfer

Jana Hensel wirkt ein bisschen aufgeregt. Die Autorin kommt recht spät und setzt sich dann in die letzte Reihe, dorthin, wo sie von niemandem gesehen werden kann, aber selbst alles im Blick hat. Vorn auf der kleinen, provisorisch eingerichteten Bühne in der Chemnitzer Stadtbibliothek haben bereits der Literaturkritiker Michael Hametner, der Hörfunkjournalist und Autor Jörg Schieke und die Schriftstellerin Diana Feuerbach Platz genommen, um über Hensels neuen Roman »Keinland« zu diskutieren. Es ist der 9. November, der Tag der Pogromnacht wie des Mauerfalls, draußen ist es kalt.

In dem Buch geht es um die aus der DDR stammende Journalistin Nadja, die sich nach der Wende in den Juden Martin verliebt - eine Geschichte »über Schuld, Erinnerung, Herkunft und Grenzen«, so der Wallstein-Verlag. Das Besondere an der Diskussion: Sowohl die drei Kritiker auf der Bühne als auch Hensel selbst stammen aus Ostdeutschland. Die Autorin wurde in Borna geboren, hat in Leipzig studiert und lebt jetzt in Berlin. Man könnte sagen: Sie weiß, wovon sie spricht, sie hat den Blick einer Ostdeutschen. Ein Blick, der immer stärker in Verruf gerät, spätestens nach der Bundestagswahl, bei der die AfD in Ostdeutschland überdurchschnittliche Ergebnisse erzielte und hier in Sachsen sogar stärkste Kraft wurde. Die Ostdeutschen, das sind in der öffentlichen Diskussion seitdem nur noch die Nazis, die Wutbürger.

Jana Hensel ist keine Wutbürgerin. Die 41-Jährige sitzt auf ihrem Stuhl in der letzten Reihe und hört der Diskussion gespannt zu. Bevor sie selbst nach vorn geht, um ihr Buch vorzustellen, fragt sie vorsichtig, ob sie ein Glas Wasser zur Verfügung habe. Sie spricht mit ruhiger, sanfter Stimme, wirkt ernst, aber freundlich. Als das Handy eines Zuhörers klingelt, unterbricht sie kurz ihren Vortrag, wartet geduldig, dann macht sie weiter. Eben noch hatte Jörg Schieke kritisiert, Hensel spiele in ihrem Roman zwei Traumaerfahrungen, die der Juden und die der Ostdeutschen, gegeneinander aus. Jetzt verteidigt sich die Autorin: »Das sind natürlich zwei verschiedene Verlustgeschichten, eine identitäre und eine existenzielle.« Die lebhafte Diskussion zeigt, wie brandaktuell die Thematik ist. Denn der Roman wirft eine wichtige Frage auf, nämlich die nach dem ostdeutschen Opfermythos. Inwiefern sind die Ostdeutschen, die jetzt oft als rechte Täter in den Medien auftauchen, auch Opfer der Geschichte, und haben diese beiden Rollen etwas miteinander zu tun?

Jana Hensel denkt auch viel darüber nach. In einem »Zeit«-Artikel vor der Bundestagswahl behauptete sie, der Erfolg der AfD in den neuen Bundesländern habe »mehr mit uns zu tun, als wir glauben«. Hensel vertritt die Position, die Ostdeutschen hätten nach der Wende viel durchgemacht, und diese Schicksalsschläge führten jetzt zum Erstarken der Rechten: »Der Großteil der Menschen lebt in weniger Wohlstand als diejenigen im Westen. Diese Verwerfungen finden ihren Ausdruck in radikaleren politischen Ansichten. Im Protest gegen die etablierten Parteien artikuliert sich das Gefühl, zu schwach für neue Herausforderungen und nochmalige Veränderungen zu sein. Aber diese Schwäche ist keine irrationale Angst, sondern sie ist für nennenswerte Teile der Gesellschaft Realität.«

Es ist die ostdeutsche Brille, die Hensel aufhat, auch an diesem Abend in Chemnitz. Und die sie wohl auch nicht absetzen kann, was mit ihrer Biografie zu tun hat: Die ersten Jahre verbrachte sie noch in der DDR, zur Wendezeit war sie in der Pubertät. Die Veränderungen bekam sie hautnah mit, sie erlebte, wie Menschen ihre Arbeit verloren, die Städte leerer wurden und viele Lebensläufe plötzlich nichts mehr wert waren. Ein solcher Blick schafft Verständnis.

Szenenwechsel, Leipzig, ein Tag zuvor: Im linksalternativen Stadtteil Connewitz ist es am Vorabend des 9. November ruhig. Nur ein paar junge Leute stehen vor dem UT Connewitz, dem ältesten noch erhaltenen Lichtspieltheater der Stadt, und warten auf Einlass. Drinnen steht Peter Wensierski im Scheinwerferlicht und bereitet sich auf seinen Auftritt vor. Die Wände sind unverputzt, Schilder mit den Aufschriften »Knaben« und »Mädels« weisen den Weg zu den Toiletten, die Türen sind eng - ein charmantes Ambiente.

Doch es ist nicht immer so charmant in Connewitz. Wensierski, ein westdeutscher Journalist, geboren in Nordrhein-Westfalen und in den 80er-Jahren DDR-Korrespondent der ARD, zeigt alte Videos. Darin zu sehen: ein wild gewordener Mob, der ein alternatives Wohn- und Kulturprojekt in Connewitz attackiert. Neonazis rennen durch die Straßen, brüllen Parolen, zünden Pyrotechnik. Die Bilder von 1990 erinnern stark an den Angriff auf Connewitz vor knapp zwei Jahren, als 200 militante Rechte zum ersten Geburtstag von Legida den Stadtteil erneut auseinandernahmen. So viel verändert hat sich seit der Wende offenbar nicht, möchte man an dieser Stelle meinen.

Wensierski berichtet auch von anderen Ereignissen, die für die historische Entwicklung der ostdeutschen Neonaziszene prägend waren: vom Angriff auf die Berliner Zionskirche 1987 während eines Punkkonzerts und vom Tod des Berliner Fußballhooligans Mike Polley, der beim Auswärtsspiel in Leipzig 1990 von einer Polizeikugel getroffen wurde. Diese Ereignisse politisierten die Hooligans, die ohnehin der rechtsextremen Szene nahestanden, zunehmend. Man sieht: Die Neonazis, die 1991 in Hoyerswerda und ein Jahr später in Rostock-Lichtenhagen Unterkünfte von Geflüchteten und Vertragsarbeitern angriffen, sind nach der Wende nicht einfach so durch irgendwelche Schicksalsschläge vom Himmel gefallen. Es gab sie schon vorher.

Die Wahrheit ist ja auch: Bereits in der DDR wurden Vertragsarbeiter aus befreundeten Staaten, etwa Kuba und Mosambik, nicht selten Ziel gewaltsamer Angriffe, die von der DDR-Staatsführung aber nicht konsequent verfolgt wurden. Der MDR berichtete jüngst in einer Reportage über den Fall des Vertragsarbeiters Antonio Manuel Diogo, der in einem Zug von Neonazis zerstückelt und hinausgeworfen wurde. Nach Ansicht der SED wurde Diogo jedoch von einem Zug überrollt. Einen anderen bekannten Vorfall gab es in Merseburg, wo zwei Kubaner nach einem Streit mit rassistisch ausfallend gewordenen DDR-Bürgern in die Saale geworfen wurden. Der Historiker Harry Waibel spricht von insgesamt rund 725 rassistisch motivierten Angriffen in der DDR.

Doch hat nun die SED-Politik dazu beigetragen, dass der Neonazismus im Osten stärker wurde? Wensierski vermutet das: »Es gab nach dem Zweiten Weltkrieg sowohl in der BRD als auch in der DDR keine wirkliche Aufarbeitung von Faschismus.« Zwar habe sich die DDR als antifaschistisch bezeichnet, aber »in den Herzen der Menschen ist das nicht angekommen«. So habe sich rechtes Gedankengut tief in der ostdeutschen Gesellschaft festsetzen können. Von Generation zu Generation sei es, teils unbewusst, weitergegeben worden. »Und die Leute, die zur Wendezeit junge Hooligans waren, die sind heute 40 oder 50 Jahre alt und potenzielle AfD-Wähler.« Eine Zuhörerin, die den Angriff auf Connewitz noch selbst miterlebt hat, bestätigt: »Man musste schon blind sein, um das Neonazi-Problem in der DDR zu übersehen.«

Sind die Ostdeutschen also doch Täter, nicht Opfer, und wenn, dann Opfer der SED-Politik? Oder ist es ein schlimmer Fehler, die vielen Menschen, die bei der Bundestagswahl ihr Kreuz bei der AfD setzten, mit den Neonazis in Peter Wensierskis Videos in eine Entwicklungslinie zu bringen? Auch in der Linkspartei und im »neuen deutschland« tobt seit der Wahl ein Streit darüber, ob man AfD-Wähler zurückgewinnen könne oder sogar müsse, was sicher auch mit der Frage zu tun hat, ob diese Wählerschaft ein gefestigtes neonazistisches Weltbild aufweist oder nur aus Protest die AfD gewählt hat. Manchmal scheint es, als stünden sich in der Debatte zwei Fronten unversöhnlich gegenüber.

Auch in Sachsen prallen manchmal Welten aufeinander. In der Großen Fleischergasse am Innenstadtring befindet sich ein alter DDR-Bau. Hier arbeitet Irena Rudolph-Kokot, deren Büro in dem verwinkelten Gebäude nicht leicht zu finden ist. Mit ihren blonden Rasta-Zöpfen passt die Politikerin und Aktivistin eigentlich überhaupt nicht in dieses Grau-in-Grau hinein.

Aber mit Widersprüchen kennt sich Rudolph-Kokot aus. Im Gespräch mit dem »nd« sagt sie: »Wir müssen unterscheiden zwischen denen, die tatsächlich wirtschaftliche Einschnitte hinnehmen mussten, die aus Protest die AfD gewählt haben, mit denen wir reden müssen. Und denen, die nur hetzen.« Doch wo ist die Grenze? »Also mit Björn Höcke würde ich nicht diskutieren.« Klar, viel rechter als Björn Höcke kann man in der AfD auch kaum sein.

Wie Rudolph-Kokot schon andeutet, geht es in besagtem Streit auch darum, ob man »mit Rechten reden« solle oder nicht. Ein Buch mit diesem Titel plädiert dafür: »Die Republik lebt vom Streit, von Rede und Gegenrede, nicht nur von Bekenntnissen und moralischer Zensur«, heißt es auf der Homepage des Klett-Verlags, bei dem das Buch vertrieben wird. Katja Thorwarth, Kolumnistin bei der »Frankfurter Rundschau«, hält dagegen: »Mit Rechten reden heißt, sich auf ihre Inhalte einzulassen und sie zu legitimieren.«

Für Irena Rudolph-Kokot beginnt die Auseinandersetzung dagegen bereits auf einer ganz anderen Ebene - beim Aussehen. Ihre Frisur dürfte Michael Kretschmer, dem neuen sächsischen Ministerpräsidenten, nicht sonderlich gefallen. Kretschmer findet nämlich Menschen mit alternativer Erscheinung »verdächtig«. Die Krux dabei: Rudolph-Kokot ist Mitglied der SPD, die mit der CDU zurzeit in der Landesregierung sitzt. Auch das sagt viel über die polarisierende sächsische Kultur aus - Stichwort Widersprüche.

Die zeigen sich auch zum Beispiel dann, wenn über das Conne Island in Leipzig diskutiert wird, das nach den Ausschreitungen bei den G20-Protesten in Hamburg wieder einmal geschlossen werden sollte. Dann heißt es, Leipzig habe doch gar kein Problem mit Rassismus, Leipzig sei doch eine Hochburg der Linken, und das wahre Problem sei der Linksextremismus. Auch wenn das Gerede von den »rechten Ossis« nicht ganz der Wahrheit entspricht, weil es diesseits des ehemaligen »antifaschistischen Schutzwalls« auch viele Linksalternative gibt, so ist Leipzig beileibe kein linkes Wohlfühlparadies, wie die Angriffe auf Connewitz zeigen.

Auch Ali Schwarzer sieht Leipzig nicht als linke Stadt. Der schwarze Blogger und Aktivist hat viele Jahre in der oft als hip und weltoffenen charakterisierten Messestadt gewohnt, bevor er nach Mannheim flüchtete - vor dem Rassismus, wie er selbst sagt. Mit den Kategorien Täter und Opfer zu arbeiten, findet er »schwierig«. Über die Veränderungen der Wendezeit sagt er: »Ich bin im Osten aufgewachsen und kenne viele Menschen mit Brüchen in ihren Lebensläufen. Aber das ist kein Grund, rassistisch zu sein.«

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