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Religionskrieg in Nigerias Norden

Elnathan John

  • Von Manfred Loimeier
  • Lesedauer: 2 Min.

Die englischsprachige Literaturwelt hat gegenüber der deutschsprachigen zumindest einen Vorteil: Das Genre der Kurzgeschichte ist lebendig, hoch angesehen und wird bei Literaturpreisen berücksichtigt. Letztere fungieren dabei auch als Talentmarker und ermöglichen es im besten Fall insbesondere jungen Autoren, aus einer guten, möglicherweise prämierten Kurzgeschichte einen Roman zu formen.

So erging es dem nigerianischen Autor Elnathan John, dessen Kurzgeschichte »Bayan Layi« für den Caine Prize nominiert war, was ihm zu einem Stipendium der Civitella-Ranieri-Stiftung und damit zu der Zeit verhalf, einen Roman zu schreiben, der nun unter dem Titel »An einem Dienstag geboren« auf Deutsch vorliegt.

Allerdings ist dem Roman anzumerken, dass es sowohl ein Debütroman als auch eine ausgearbeitete Kurzgeschichte ist. Gerade in der Buchmitte lässt der Spannungsbogen nach und ein Stilwechsel zu Jugendsprache und fiktiven lexikalischen Texteinschüben sieht sehr nach Streckung der Handlung aus. Das Thema des Romans ist es indes, was ihm die besondere Bedeutung gibt: John schildert die religiösen Spannungen im Norden Nigerias, dort, wo zuletzt die Übergriffe und Entführungen der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram für Schrecken sorgten.

Hauptfigur ist der Junge Dantala, der sich in der nordnigerianischen Kleinstadt Bayan Layi mit Stehlen und Betteln über Wasser hält, bis er in der Jugendgruppe einer Moschee eine neue Familie findet. Seine Brüder hingegen driften in Richtung al-Kaida ab, und auch sein Freund Jibril wird von dessen Bruder gezwungen, sich einer extremistischen islamischen Vereinigung anzuschließen. Was dann folgt, sind die Auseinandersetzungen zwischen dem toleranten Flügel schiitischer Muslime und den militanten Eiferern der von Saudi-Arabien finanzierten Sunniten.

Als gäbe das nicht bereits genug Stoff, macht John auch noch das erwachende Liebesleben Dantalas zum Thema, der zuletzt in der Folterhaft religiöser Extremisten landet, aber aufgrund politischer Willkür freikommt. So überladen der Roman damit ist, so sehr spricht dennoch das Lokalkolorit an, das dem Leser eine Gegend vor Augen führt, die fern der europäischen Wahrnehmung im Zentrum der Auseinandersetzungen steht, die auch Europa derzeit zutiefst erschüttern.

Elnathan John: An einem Dienstag geboren. Aus dem Englischen von Susann Urban. Wunderhorn, 253 S., geb., 24,80 €.

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