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Lasa, losa, luaga, laufa

Emil Steinberger wird 85

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 2 Min.

Das Kleinbürgerliche ist auch eine - Emanzipation. Ist Flucht aus jener politischen Erziehungsanstalt, wo aufrechter Gang heißt: mit geschwollenen Klassenkrampfadern auf Barrikaden zu tanzen. Das Unnachahmliche in den Komiktragödien von Emil Steinberger war die Sympathie, mit der er solche Spießigkeit nachzeichnete. Er versöhnte uns kleine Bürger mit uns selber; er hat in der stupenden Begriffsstutzigkeit das Gesunde offenbart, im verrutschten Verstand die Überlebenslogik, in der Blödheit einen schlauen Kern. Er war ganz Für-Witz, nicht Aber-Witz. Emil hatte es zunächst schwer - gegen Ernst. Gegen den Bierernst des Aufklärungskabaretts - bis sich herumsprach, ja herumbegeisterte, dass alles Revolutionärrische wenig Sinn hat, wenn das Kuriose, Possierliche, Trottlige im Menschen geleugnet wird.

1987, nach zwanzig Jahren Populärwerk, merkte Steinberger, dass er für alle nur noch Emil war. Wie Stefanie Graf Steffi war und Hans-Hubert Vogts Berti. Fankultur kann Vergewaltigung sein. Emil, der Emil hieß, aber nicht mehr Emil sein wollte, stieg aus seiner Kunstfigur aus. Der 1933 in Luzern geborene Schweizer hatte Gefühl für jene Spannung, die ein künstlerischer Abschied braucht - will späte Präsenz auf einer Bühne nicht eines Tages zur bemitleideten Verdämmerung verkommen.

Emil: Er war auf der Bühne Skilehrer und Pilot, Kontaktlinsenträger, aufgeweckter Klempnerlehrling oder Vater mit tückischem Kinderwagen. Oder jener Kreuzworträtsler, der nach dem grauen hoppelnden Tier mit vier Buchstaben sucht und triumphierend scheitert: »Ogtern!« Legendär der gähnend faule Nachtpolizist: »Hier ischt nur der Automat!« Steinbergers physiognomische Wetterstürze: Es genügte eine Änderung der Kopfhaltung, ein Verbreitern der Mundwinkel, ein sieghaftes Hüpfen der Brauen. Er konnte quengeln und maulen, das Gesicht aus aufreizender Dynamik plötzlich zur saudumm schiefgelegten Visage einfrieren. Dem Gestalter einer ganz speziellen Comédie humaine im Geiste Valentins reichte eine Hornbrille oder ein Verstrubbeln der Haare oder ein beflissen beamtenes Zugeknöpftsein: Vorhang auf für einen neuen Typ der Ständegalerie. Was unentwegt flitzte, waren die Äuglein.

1987 dann »floh« Steinberger nach New York, um seiner »Oftgenanntheit« zu entrinnen, wie es einmal so schön verschroben ein anderer Schweizer, Robert Walser, ausdrückte. Sechs Jahre blieb der Komiker »drüben«, ehe er wieder in die Schweiz zurückkehrte, um dort seiner Lebenskunst zu frönen: »lasa, losa, luaga, laufa« - lesen, hören, sehen, laufen.

An diesem Sonnabend wird Emil Steinberger 85 Jahre alt.

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