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Beginn des dritten Jahrtausends

»Ich kam, ich sah, ich werde schreiben« - Lion Feuchtwangers Reisebericht aus der Sowjetunion 1937

  • Von Wladislaw Hedeler
  • Lesedauer: 4 Min.

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Sie hat Germanistik und Slavistik studiert und 1982 über Lyrik-Anthologien in der DDR promoviert. Danach arbeitete Anne Hartmann als Lektorin, als Hochschullehrerin sowie als Beraterin für deutsch-russische Kooperation im Bereich Lehre und Forschung in Nordrhein-Westfalen. Sie untersuchte deutsch-russische Kulturbeziehungen sowie das Leben und Werk deutscher Schriftsteller im sowjetischen Exil. Zuletzt erschien von ihr im Berliner Lukas Verlag ein Buch über Carola Neher. Ihre neuste Publikation ist Lion Feuchtwanger und dessen für seine Freunde verfasstem Reisebericht gewidmet.

Beide Bücher sind Ausdruck des in den vergangenen Jahren in Deutschland zunehmenden Interesses am Sowjetexil. 2017 jährte sich nicht nur die Russische Revolution zum 100. Mal, sondern ebenso Feuchtwangers »Reisebericht für meine Freunde« wie auch der Beginn des »Großen Terrors« zum 80. Mal. Auf die Verknüpfung dieser Ereignisse kann nicht oft genug hingewiesen werden.

Feuchtwangers Bericht habe ich in der von Joseph Pischel 1993 besorgten Ausgabe im Zusammenhang mit unserer Übersetzung und Kommentierung von Georgi Dimitroffs »Tagebüchern« (Berlin 2000) sowie der Erarbeitung einer »Chronik der Schauprozesse« (Berlin 2003) gelesen. Damals kannte ich nur die wenigen, in der »Literaturnaja gaseta« veröffentlichten Aufzeichnungen von Dora Karawkina, der von der sowjetischen Allunionsgesellschaft für kulturelle Beziehungen zum Ausland (WOKS) beauftragten »Betreuerin« des Schriftstellers. Diese 17 überlieferten Texte waren für Anne Hartmann der Anlass, sich näher mit Feuchtwangers Reise in die Sowjetunion zu beschäftigen. Ihre Recherchen führten sie in diverse deutsche, amerikanische und russische Archive. In ihrem Buch hat sie zudem Übersetzungen von bereits in Russland publizierten Dokumenten aufgenommen, darunter einst für Stalin und dessen engere Umgebung bestimmte Geheimdienstberichte, Dora Karawkinas Aufzeichnungen, Interviews, Zeitungsartikel und Ansprachen sowie die Mitschrift eines Gespräches mit Stalin.

Am 21. Dezember 1978 hatte Josef Pischel (1935-1993) im »Neuen Deutschland« zum 20. Todestag Feuchtwangers dessen Erzählwerk gewürdigt. Bei ihm würde die Nachkriegsgeneration »Lebenshilfe« erfahren, schrieb er. Den Reisebericht über die Sowjetunion erwähnte Pischel nicht, er erinnerte lediglich in einem Nebensatz an Feuchtwangers Huldigung an den Sowjetleser. »Die Rhetorik des Schriftstellers«, kommentierte er, »die in den zeitgenössischen Kämpfen ihre Berechtigung hatte, ergreift heute den Leser auf andere Art als damals. Feuchtwangers gläubig-skeptische Überzeugung von der Unaufhaltsamkeit des geschichtlichen Fortschritts prägte sich oft sehr widersprüchlich aus.« Sie sei von einer »rationalistischen Vernunftgläubigkeit« geprägt gewesen. Feuchtwanger habe die Oktoberrevolution als Beginn des dritten Jahrtausends gewürdigt und die UdSSR, verglichen mit anderen europäischen Ländern, als die vernünftige Ordnung gewürdigt.

Ganz anders las sich das Nachwort zur vom Aufbau-Verlag besorgten Ausgabe des »Reiseberichts«, der in Pischels Todesjahr erschien. Hier ist von einem Dokument der »Hoffnungen und Illusionen« die Rede. »Wenn man diesen Reisebericht heute zum ersten Mal liest oder wieder liest, wird offenbar«, bekannte Pischel kritisch und selbstkritisch, »was alles verdrängt werden musste. Der Verfasser dieses Nachworts gehört zu ihnen, ja er hat dieses Buch sogar als Ausdruck weltgeschichtlicher Weisheit gerühmt. Eine solche Lesart wurde dem widersprüchlichen Text ebenso wenig gerecht wie die entgegengesetzten Versuche, Feuchtwangers Moskau-Bericht einfach als Propagandamachwerk oder unglücklichen Fauxpas abzutun.« Dieser Einschätzung schließt sich Anne Hartmann in ihrer gründlich recherchierten Studie über die Mechanismen der Illusionsbildung und Verdrängung an. Nach André Gides »Zurück aus der UdSSR« herrschte unter den Intellektuellen im Exil Fassungslosigkeit und Unverständnis, Befremdung und Entsetzen. Feuchtwangers Buch war »eine der großen Zerreißproben des Exils«.

Am 1. Dezember 1936 traf Feuchtwanger in der UdSSR ein, am 5. Februar 1937 reiste er ab. Am 1. März begann er mit der Niederschrift seiner »Antwort auf die Pöbeleien« von Kollegen wider seine Lobeshymne. Am 14. März lag die erste Fassung des »Reiseberichts« vor. Am 11. April 1937 folgte der Schriftsteller einer Bitte Michail Kolzows auf Überarbeitung des Manuskripts.

Anne Hartmanns Buch handelt nicht nur vom »Reisebericht«, sie beschreibt minutiös das im Sommer 1934 einsetzende Werben von Seiten des sowjetischen Schriftstellerverbandes um den deutsch-jüdischen Schriftsteller, die schließliche Annäherung, die Fahrt nach Moskau und die Nachbereitung der Reise Feuchtwangers in die UdSSR. Allen Lesern, die sich ein authentisches Bild von der Situation in Moskau zwanzig Jahre nach der Revolution von 1917 machen wollen, sei dieses Buch zur Lektüre empfohlen.

Anne Hartmann: »Ich kam, ich sah, ich werde schreiben.« Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation. Wallstein, 456 S., geb., 39 €.

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