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Was wichtig bleibt

Christoph Ruf schaut nach einem Blick auf die Debatten des Jahres 1918 noch skeptischer aufs neue Jahr

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Ich habe das Jahr 2018 mit einem schweren Fehler begonnen. Ich habe ein Buch gelesen, das wäre sicher noch verzeihlich. Aber ich habe eines gelesen, das im Jahr 1918 spielt: »Träumer« von Volker Weidermann beschreibt die Wochen, in denen Schriftsteller, Dichter und Journalisten an die Macht gelangten. Es war die Zeit der Münchener Räterepublik, und wer die historischen Zitate aus den Reden, Schriften und Briefen von Kurt Eisner, Erich Mühsam, Rainer Maria Rilke oder Oskar Maria Graf liest, kann nur traurig und wehmütig werden. Traurig darüber, was aus einer (politischen) Sprache geworden ist, die noch vor hundert Jahren kraftvoll und dennoch nuanciert war. Und traurig darüber, dass der intellektuelle Gehalt politischer Debatten seit 1918 genauso den Bach runterging wie die Sprache, mit der sie geführt werden.

Einen Vorsatz für 2018 habe ich deshalb dann auch doch gefasst, wenn auch erst am 5. Januar, als ich das Buch ausgelesen hatte: Ich werde keine Kolumnen oder Texte von Menschen mehr lesen, die zensieren wollen statt zu diskutieren. Keine von Menschen, die sich links nennen, aber ihre eigenen Be- und Empfindlichkeiten mit politischer Legitimation verwechseln. Keine von Menschen, die im Gegensatz zu Eisner und Mühsam keine Ader für die Mehrheit der Menschen haben, sondern nur eine für die Hausordnung im eigenen Szeneplanquadrat. Und keine von Menschen, die es für eine gute Idee halten, sich für politische Missstände nicht an deren Urhebern zu rächen, sondern an der Sprache - vermutlich aus lauter Frust darüber, dass sie selbst sie nicht beherrschen.

Ich werde also 2018 sehr viel Zeit haben, statt all dem Erwartbaren gute Bücher zu lesen. Umso mehr, als ich einen Vorsatz aus den Jahren 2007 bis 2017 auch 2018 beibehalten werde und mich weiter vom »calcio parlato« fernhalte. Wer von Januar bis Dezember »alles in die Waagschale wirft«, ist mir wumpe. Und dennoch werde ich 2018 den Bundesligafußball keine Sekunde aus den Augen lassen.

Ich habe nämlich große Angst, dass er schon in ein paar Wochen nicht mehr wiederzuerkennen sein könnte. Dass der FC Bayern Meister wird, ist klar, darum geht es nicht. Aber nach allem was man derzeit hört, ist es gar nicht so unwahrscheinlich, dass die Spieler dann in abgewetzten Trainingsklamotten feiern, während die Eltern der Spieler den Ordnungsdienst übernehmen. Auch bei Red Bull Leipzig könnte vor lauter Sorge um die Zukunft des Fußballs schon morgen eine radikale Selbst-Verarmung einsetzen. Die ersten Jugendspieler könnten dann schon bald weniger im Monat verdienen als die Bundeskanzlerin.

Und bei Manchester City könnten die Spieler schon bald zwei Stunden vor Anpfiff am Eingang stehen und den Zuschauern, die deren Spiele sehen wollen, die Eintrittskarten schenken. Sie halten dieses Szenario nicht für sonderlich wahrscheinlich? Ich auch nicht, aber ich hätte vor ein paar Wochen auch noch nicht gedacht, dass Kritik an der Kommerzialisierung des Fußballs von Uli Hoeneß geäußert werden würde.

Oder vom Manchester-City-Kapitän Vincent Kompany, der jüngst in seiner Uni-Arbeit einen Zusammenhang entdeckt hat, den eigentlich jeder kennt - außer denen, die im englischen Fußball etwas zu melden haben, natürlich: Da erst die Fans die Atmosphäre in die Stadien brächten, die die Klubs wiederum über höhere Erlöse aus TV-Einnahmen zu Geld machen können, könne man bei den Zuschauereinnahmen auch Abstriche machen, wenn dadurch wieder die echten City-Fans ins Stadion kommen - statt derer, die gerade dort sind.

Kompany hat das etwas netter formuliert: »Die, die für den Klub leben, sind dem Klub wahrscheinlich mehr verbunden als jeder andere, aber das sind vermutlich nicht immer die Leute, die es sich leisten können.« Das ist wahr. Eher ins »Wahrheit«-Ressort der taz-Kollegen fällt hingegen die Aussage von RB-Leipzig-Boss Oliver Mintzlaff, Fußball müsse »authentisch und greifbar« bleiben. Der Satz an sich ist nicht falsch. Es kommt nur darauf an, wer ihn sagt. Und es kommt darauf an, warum er gesagt wird. Denn offenbar hat der massive Protest, den die Fankurven seit Saisonbeginn artikulieren, seine Wirkung bei den Adressaten nicht verfehlt.

Eine Prognose sei daher schon mal gewagt: Ähnlich gute Witze wie sie Mintzlaff nun schon ein paar Mal rausgehauen hat, werden 2018 noch häufiger zu erwarten sein. Wenn das mal kein Grund zur Freude ist.

Von Christoph Ruf ist dieser Tage ein neues Buch im Werkstattverlag erschienen: »Fieberwahn. Wie der Fußball seine Basis verkauft«. Ruf hat darin mit Fans, Funktionären und Trainern über die Entwicklung des Volksports Nr. 1 gesprochen: Wird der Fußball zu Tode vermarktet? Rufs Fazit ist eindeutig: Der deutsche Fußball sägt an dem Ast, auf dem er sitzt.

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