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Investigativer Überwachungsrealismus

Die Gruppenausstellung »Evidentiary Realism« in der Galerie Nome wirkt wie ein wahres Gruselkabinett

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Entfernt man den Hype von den Objekten und den Darstellungen der originalen Objekte - Mengeles Schädel ist nur im Bild vorhanden, die Bush-Anweisung als vergrößerte Leinwand - so wird bei der Ausstellung »Evidentiary Realism« in der Kreuzberger Galerie Nome eine spannende Schnittmenge aus dem forschenden Interesse bildender Künstler und bildkünstlerische Praktiken forensischer Avantgardisten sichtbar.

Die kleine Installation »Mengele’s Skull« - zwei Videobildschirme, eine Text- und mehrere Bildtafeln - rekonstruiert die Identitätsbestimmungen, die ein Forensikerteam 1985 nach dem Fund menschlicher Überreste, die als der Leichnam des NS-Verbrechers Josef Mengele vermutet wurden, anstellte. Schlüssel zum Erfolg der Identifikation der zum damaligen Zeitpunkt seit sechs Jahren begrabenen Überreste war ein Überblenden von Porträts Mengeles auf den Totenschädel.

Die Bilder von Haut und Weichteilen passten danach auf den Knochen. Das Ende des sadistischen Mediziners war damit von einem unabhängigen Gremium belegt. Der Menschenrechtsaktivist Thomas Keenan und Eyal Weizman von der faszinierenden Künstlergruppe »Forensic Architecture« rekonstruieren in ihrer gemeinsamen Arbeit jetzt diese Vorgänge. Bildschichten von Schädel und Porträtfotos sind zu sehen, der Adaptionsprozess ist nachzuvollziehen.

Das ist die wohl spektakulärste Arbeit dieser vom italienischen Künstler Paolo Cirio kuratierten Gruppenausstellung. Cirio ist selbst mit aufsehenerregenden Arbeiten zum Thema »Überwachung und Geheimdiensttätigkeit« hervorgetreten. Man hätte sich in seinem Falle auch gern eigene Projekte, vor allem aber mehr von »Forensic Architecture« in der Ausstellung gewünscht. Denn die Gruppe aus Künstlern und Wissenschaftlern wurde vor einigen Jahren mit der GPS-gestützten Kartografie der Routen verunglückter Flüchtlingsschiffe im Mittelmeer bekannt. Sie rekonstruierte jüngst nach Häftlingsaussagen das syrische Foltergefängnis Saydnaya und bewies durch den Nachbau des Internetcafés der Familie Yozgat in Kassel, dass der am Tatort des NSU-Mordes anwesende Vefassungsschutz-Mitarbeiter Andreas Temme zumindest die Schüsse hätte hören und den Leichnam hätte sehen müssen; Temme stritt dies vor Gericht ab.

Die anderen Arbeiten in der Ausstellung haben weniger faktische Beweiskraft. Jenny Holzers Doppelleinwand »The White House 2002« verewigt auf Öl das Memorandum, in dem George W. Bush Waterboarding und andere Folterpraktiken autorisierte, weil, seiner Lesart nach, Al Kaida-Kämpfer und Taliban nicht unter die Genfer Konvention fielen. Die Radikalisierung junger Männer, die durch eben diese Folterpraktiken auch beschleunigt wurde, lässt sich in der Ausstellung am IS-Magazin »Dabiq« zumindest als eine Art Zeitstrahl nachempfinden. Navine Khan-Dossos übermalte Titelbilder des Magazins mit Farbflächen und schuf so einerseits Werke der Zensur, verwandelte andererseits die Propaganda-Produkte in abstrakte Kunst.

Ein interessantes Verbindungsstück zum Komplex islamistischer Terror / sogenannter »Krieg gegen den Terror« stellt Mark Lombardis filigrane Arbeit über die wirtschaftlichen Verflechtungen der Bush-Familie und der Familie Osama bin Ladens dar. Das ist zwar alles längst bekannt. Das Firmen- und Personengeflecht so aufgemalt zu bekommen, regt allerdings zum Aufspüren gemeinsamer Interessen dieser damaligen Kriegsgegner an. Lombardis Arbeit stellt eine Art Vorstufe zu den Visualisierungen der Geschäftsverbindungen aus den geleakten Panama- und Paradise-Papers dar.

Dem aktuellen, vor allem auf Bewegtbild und Datenanalyse setzenden Überwachungsstaat ist James Bridles Videoinstallation »Seemless Transitions« gewidmet, während der eher papierbasierte Überwachungsstaat im Zentrum von Sadie Barnettes Arbeit steht. Thema sind hier mal nicht Stasi oder KGB, sondern das US-amerikanische FBI. Das verfolgte in den 60er Jahren massiv Black-Panther-Aktivisten wie Barnettes Vater Rodney. Der wurde unter anderem damit unter Druck gesetzt, dass er mit einer Frau in wilder Ehe lebte - und verlor deshalb sogar seinen Arbeitsplatz bei der Post. Sadie Barnette breitet nun die alten Akten in neuen Prints aus und dokumentiert damit die klassischen Einschüchterungsstrategien.

»Evidentiary Realism« ist eine Ausstellung, die staatliche Übergriffe thematisiert und einen ersten Einblick in den Werkzeugkasten von Künstlern liefert, die sich mit solchen bedrohlichen Realitäten auseinandersetzen. Selbst wenn nicht jede Einzelposition überzeugt, so findet hier ästhetische Bewusstseinsmachung von Machtverhältnissen statt.

»Evidentiary Realism«, bis zum 17. Februar in der Galerie Nome, Glogauer Straße 17, Kreuzberg

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