Werbung

Im Takt der Gier

Schichtarbeit macht krank. Das ist seit Langem bekannt und doch nimmt sie in Deutschland sogar zu

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Früh, Nacht, Spät, fünf Tage hintereinander, Sonntag Wechsel. Wenn sich der Flachschleifer Rafael Veas Quint verabredet, denkt er nicht an Wochentage, sondern in Kalenderwochen. Denn die sagen ihm, in welcher Schicht er dann an der Maschine steht. Das Schichtsystem taktet sein Leben.

Der Berliner Werkzeugbauer, für den der Deutsch-Chilene arbeitet, produziert Hartmetallteile unter anderem für die Filter- und Zigarettenherstellung - Führungsschienen, Messer, große und kleine Winkel. Rafael Quint bedient vier Maschinen zugleich. Er spannt das Material ein und definiert den Zuschnitt: X-Achse, Z-Achse, Dicke, Breite, Winkel. Mal sind die Teile 60 Zentimeter lang, mal nicht einmal sechs Millimeter. Man braucht eine ruhige Hand. 20 bis 100 Stück macht Rafael Quint pro Tag fertig, je nach Größe. »Damit ist man wirklich beschäftigt«, sagt er. Er mag den Job. Abwechslungsreich sei der, nicht stupide. Rund 400 Leute arbeiten in der Firma. Zusammen mit Zulagen für Leistung und Schichtarbeit kommen sie auf gutes Geld. Nur auf eines würde Rafael Quint sofort verzichten: die Nachtschichten. »Die gehen an die Substanz.«

Etwa sechs Millionen Menschen in Deutschland leisten Schichtarbeit. In der Metall- und Elektroindustrie sind es ein Drittel aller Beschäftigten, in Ostdeutschland sogar mehr als die Hälfte. Viele arbeiten wie Rafael Quint im Dreischichtsystem. Besonders Nachtarbeit ist Arbeit gegen die innere Uhr. Der Körper will ausruhen und darf es nicht. Wenn die Müdigkeit zuschlägt, geht Rafael Quint vor die Tür, frische Luft schnappen. Kaffee wird in rauen Mengen getrunken. Tagsüber »vorzuschlafen« klappt erst nach zwei, drei Nachteinsätzen. Dann ist der Rhythmus einigermaßen umgestellt, aber dann ist die Woche auch fast schon wieder vorbei.

Wenn Rafael Quint nach der letzten Nachtschicht am frühen Freitagmorgen nach Hause fährt, versucht er, noch den ganzen Tag wach zu bleiben, um abends leichter einschlafen zu können. Denn am Sonntag beginnt schon der neue Takt mit der Spätschicht, dann steht er von 14 bis 22 Uhr an den Maschinen.

Anders als einige Kollegen, die nach 13 Jahren Schichtbetrieb aussähen wie »Zombies«, kommt er einigermaßen klar, aber auch Rafael Quint stellt inzwischen fest, dass ihn die Nächte mehr anstrengen als früher. Er ist jetzt 37 Jahre alt. Ob er bis zur Rente durchhält, weiß er nicht. »Das Schichtsystem macht fertig«, sagt er.

Zahlreiche Studien belegen das seit Jahren. Erschöpfung, Schlafstörungen, Rückenschmerzen treten bei Schichtarbeitern häufiger auf als bei Beschäftigten mit Arbeitszeiten zwischen 7 und 19 Uhr. Sie sind anfälliger für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen. Belastend ist nicht allein zu arbeiten, wenn andere schlafen, sondern auch, dass noch die Freizeit so sehr davon bestimmt wird. Freunde, Kino, seine Mutter - all das kommt bei Rafael Quint zu kurz.

Die Arbeitswissenschaft sagt, eine einzelne durchwachte Nacht lässt sich gut verkraften, wenn danach ausgeschlafen werden kann. Je mehr Nachtschichten aufeinander folgen, desto stärker wird der Tag-Nacht-Rhythmus gestört und desto größer wird das Schlafdefizit. Mit Blick auf die Gesundheit gilt daher: schnelle Wechsel statt langer Schichtfolgen.

Auch die Reihenfolge ist nicht egal. So ist das Muster Früh, Spät, Nacht leichter verkraftbar. Manche Schichtfolgen sind verboten, zum Beispiel direkt von spät auf früh zu wechseln, denn dann fehlt die gesetzlich vorgegebene Ruhezeit von mindestens elf Stunden - eine Schutzvorschrift, die Arbeitgeberverbände und mit ihnen die FDP gern beseitigen würden.

In manchen Berufen geht es nicht anders. Kranke sind rund um die Uhr krank, auch Feuer richten sich nicht nach der Tageszeit. Doch in den meisten Wirtschaftszweigen gibt es solch gute Gründe nicht. Dort folgt die Schichtarbeit allein dem Takt der Maschinen und dieser den Profiterwartungen der Unternehmer. Welcher Schaden entstünde, wenn Werkzeugmaschinen einige Stunden still stehen würden? Für Rafael Quint steht jedenfalls fest. »Es ist schlicht die Gier nach mehr Geld.«

Manchmal werden bei ihnen auch fünf Schichten angesetzt, dann laufen die Maschinen ohne Pause und die Arbeiter haben gerade einmal ein Wochenende im Monat frei. »Arbeiten und Schlafen - du kannst nichts anderes mehr machen«, weiß Rafael Quint aus eigener Erfahrung. »Nie wieder«, sagt er. Theoretisch kann man auch Nein sagen zu solch einem Ansinnen des Vorgesetzten. Der Betriebsrat muss die fünf Schichten genehmigen. Nur: Nicht jeder hat ein dickes Fell wie Rafael Quint, der selbstbewusst erklärt: »Ich weiß, was ich kann.« Die meisten haben Angst um ihren Job.

Eine große Befragung der IG Metall zeigte, dass Schichtarbeiter besonders unzufrieden mit ihren Arbeitszeiten sind. Sie fühlen sich in besonderem Maße fremdbestimmt. Oft werden Schichten kurzfristig angekündigt oder abgesagt. Regelmäßige Wochenendarbeit, ständiger Zeitdruck und die fehlende Möglichkeit, auch mal früher zu gehen oder später zu kommen, zehren an den Kräften. Viele wünschen sich mehr Freischichten, um Arbeit und Leben besser austarieren zu können. Aber auch das zeigte die Befragung der Gewerkschaft: Selbstbestimmteres Arbeiten, etwa mit Gleitzeit, ist auch im Schichtbetrieb möglich. Weniger Wochenstunden, schnelle Wechsel, mehr lange Wochenenden - in einigen Betrieben gibt es das.

Bei Rafael Quints Arbeitgeber nicht. Dabei geht es der Firma gut, sagt er. Die Auftragsbücher seien voll, die Kunden zufrieden. Trotz allem sei die Stimmung in der Belegschaft schlecht. Ständig stünden die Chefs auf der Matte und fragten, wann die Teile fertig sind, die Auftraggeber warteten. »Die sagen einfach irgendwelche Liefertermine zu«, schimpft Quint über den Druck. Wer sich beschwert, bekomme zu hören, man könne auch jemanden von der Bushaltestelle holen. Das ist natürlich Quatsch angesichts des Fachkräftemangels, und doch verfehlen diese »Psychospielchen«, wie Rafael Quint das nennt, ihre Wirkung nicht. Auf seinem Arbeitszeitkonto haben sich 250 Überstunden angesammelt. Er ist überzeugt, die wird er niemals ausgleichen können. Sarkasmus hilft. »Werde ich abbummeln beim Rauchen«, sagt er.

Wenn Schichtarbeiter in Deutschland wählen könnten zwischen Zuschlägen und kürzeren Arbeitszeiten, würde sich eine Mehrheit für das Geld entscheiden, ergeben die Umfragen. Doch immerhin jeder Dritte ginge lieber früher nach Hause. Auch Rafael Quint. Deshalb findet er das Vorhaben seiner Gewerkschaft richtig gut, verbindliche Ansprüche auf eine Reduzierung der Arbeitszeit in der Metall- und Elektroindustrie durchzusetzen. Bis zu zwei Jahre lang sollen die Beschäftigten ihre wöchentliche Arbeitszeit auf 28 Stunden absenken und danach auf ihre alte Arbeitszeit zurückkehren können. Zum Teil mit einem Lohnausgleich durch die Arbeitgeber. Für Schichtarbeiter soll der Zuschuss 750 Euro im Jahr betragen. Die Arbeitgeberseite will bislang nicht einmal darüber reden.

Rafael Quint muss an diesem frühen Wintertag zur Nachtschicht. Eigentlich will er davor noch ein wenig schlafen. Aber es ist auch schönes Wetter, endlich mal wieder Sonne. Davon hätte er gern mehr. 28 Stunden - »das wäre perfekt«.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Die Serie aus dem studentischem Kosmos.

Leben trotz Studium?!

Jetzt 14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt lesen und keine Folge verpassen.

Kostenlos bestellen!