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Königin des Neoliberalismus

Nach ihrer Rede bei den Golden Globes wünschen sich viele die Talkmasterin als neue Präsidentin

  • Von Maria Jordan
  • Lesedauer: 4 Min.

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Kaum eine Gestalt des öffentlichen Lebens in den USA wird so sehr idealisiert wie sie. Oprah Winfrey: Eine Talkmasterin, die gefeiert wird, wie eine Predigerin. Nach ihrem Auftritt bei der Golden Globes Preisverleihung wird jetzt sogar über ihre Kandidatur bei der Präsidentschaftswahl 2020 spekuliert. Dabei hat die 63-Jährige selbst nie über ein solches Vorhaben gesprochen. Doch hat Oprah mit ihrer Golden Globe Rede offenbar einen Nerv getroffen. Sie löste beim US-amerikanischen Publikum derartige Begeisterung aus, dass viele die Talkmasterin sogleich zu ihrer Wunschkandidatin für das Staatsoberhaupt kürten. Die Idee, Oprah an der politischen Spitze der USA zu sehen, sorgt derzeit besonders in sozialen Medien für viel Euphorie – aber auch für Kritik. Doch woher kommt dieser neue Höhepunkt des »Oprah-Effekts«?

Oprah Winfrey ist seit Jahrzehnten eine der einflussreichsten Personen der US-amerikanischen Öffentlichkeit. Ihre Talkshow erreichte mehr als zehn Jahre lang Millionen Zuschauer, ihre Buchempfehlungen werden zu Bestsellern. Besonders für Frauen ist sie eine Ikone. Was Oprah sagt, wird zur Wahrheit erklärt.

Das hat viel mit ihrer eigenen Lebensgeschichte zu tun. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen hat sich die Afroamerikanerin ihren Weg zum Erfolg selbst erkämpft. Aus eigener Kraft hat sie es geschafft, sich ein Imperium aufzubauen. Sie wurde zum Fernsehstar, zum Vorbild für unzählige US-Amerikaner, zu ihrer eigenen Marke. Sie hat einen eigenen Fernsehsender und ein Lifestyle-Magazin. Ihr Vermögen wird auf rund 2,7 Milliarden US-Dollar geschätzt. Oprah Winfrey verkörpert gewissermaßen den »American Dream«.

Mit dem Format ihrer Talkshow und ihrem selbst ernannten Auftrag, Menschen glücklich zu machen, trifft sie seit Beginn ihrer Karriere den Nerv der Zeit. Ihr immerwährender Ansatz, das eigene Leben durch positives Denken und Eigenverantwortung zum Besseren verändern zu können, hat bei einem Millionenpublikum ungebrochenen Erfolg. Oprahs Konzept lautet: Hilfe zur Selbsthilfe. Und es geht auf: Ihre Anhänger lieben sie, verlassen sich auf sie und schöpfen Kraft aus ihren Ratschlägen.

Die Autorin Nicole Aschoff schreibt in einem im Guardian veröffentlichten Auszug ihres Buchs »New Prophets of Capital«, Oprahs Geschichten fänden deshalb zu viel Zuspruch, weil sie die Rolle politischer, ökonomischer und sozialer Strukturen versteckten. Die Lösung für Probleme, die das Leben in der spätkapitalistischen Gesellschaft mit sich bringt – Stress, Überarbeitung, Existenzängste und vieles mehr – lautet stets: Verbessere dich selbst! Oprah gibt praktische Tipps, wie man sich als Individuum erfolgreich an die gegebenen Umstände anpasst. Fotos am Arbeitsplatz gegen Burnout. Positives Denken gegen Angstzustände. »Oprah erkennt den durchdringenden Charakter der Angst und Entfremdung unserer Gesellschaft«, schreibt Aschoff. Doch statt die politischen oder ökonomischen Ursachen dieser Gefühle zu untersuchen, rate sie den Menschen, sich selbst zu verändern, um anpassungsfähiger zu sein. Nicht das System, in dem wir leben, muss verändert werden, sondern wir selbst müssen uns verändern. Dann können wir erfolgreich sein. Und wer erfolgreich ist, ist glücklich. Dieser Logik folgt Oprahs Ansatz. Laut Aschoff macht Oprah so den »American Dream« wieder zu etwas Erreichbarem.

An diesem Duktus, der sich beim US-Fernsehpublikum großer Beliebtheit erfreut, gibt es jedoch auch berechtigte Kritik. Die Autorin und Kommunikationswissenschaftlerin Janine Peck beispielsweise unterstellt der Entertainerin, eine Welt mit wachsender Ungleichheit zu legitimieren, indem sie die Anpassung der Individuen an diese Welt fordert und fördert. Laut Aschoff mache Oprah aus uns die perfekten, entpolitisierten, selbstgefälligen neoliberalen Subjekte. Für die Autorin wird Oprah Winfrey damit eine der wichtigsten Köpfe des Neoliberalismus.

Als Königen der Herzen und Mutter der Nation könnte Oprah bei einer Präsidentschaftswahl möglicherweise tatsächlich gute Chancen haben. Die US-Journalistin April Ryan sagte dazu: »Wir sind inzwischen eine Nation, die nicht mehr nur einem Politiker sucht, sondern einen Rockstar. Wir suchen jemandem mit dem ‘It-Faktor’. Und Oprah hat diesen ‘It-Faktor.’«

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