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Billigheimer Republik Deutschland: Das wird noch teuer

Die Bahn ist in einem schlechten Zustand, die Straßen und Brücken auch - und selbst im örtlichen Supermarkt gibt es nur mit Glück mobilen Zugang zum Internet

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.
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S-Bahn in Frankfurt am Main
S-Bahn in Frankfurt am Main

Neulich las ich einen interessanten Bericht in der »Süddeutsche Zeitung«. Es ging um Hochgeschwindigkeitszüge in Japan und darum, dass die Japaner in Weltuntergangsstimmung seien, weil die Bahn immer später käme. 54 Sekunden sei sie nämlich zuletzt im Schnitt zu spät gewesen – Tsunamis und Erdbeben herausgerechnet. Bis vor kurzem lag die Verspätungsfrequenz noch bei 36 Sekunden. Man sieht schon: Alles im Niedergang. Jedenfalls für Japaner – wir wären hier ja froh, wenn man nur eine Minute Verspätung hinnehmen müsste.

Aber dafür muss man natürlich auch was machen. Speziell im infrastrukturellen Bereich. Der Shinkansen - so heißt der ICE Japans - fährt grundsätzlich auf eigenen Trassen. Hierzulande muss der ICE mit jeder Regionalbahn um das Streckennetz konkurrieren. Es gib ferner Regionalbahnen, die einen obligatorischen Halt auf offener Strecke in ihrem Fahrplan haben, um dort vom Schnellzug überholt werden zu können. Hat der aber Verspätung, verspätet sich halt auch die Regionalbahn. Das addiert sich schnell mal. Baustellen, die notdürftig instand setzen, sind da noch gar nicht mit eingerechnet.

Oberleitungsstörungen kommen zum Beispiel bei der Frankfurter S-Bahn dauernd vor, sodass man sich fragt: Kann man das mal so regeln, dass das nachhaltig ist? Kann man sicherlich – man macht es nur nicht. Zwar baut man wie bei der Linie U5 barrierefreie Haltestellen, denkt sich aber weiterhin nichts dabei, dass sich die U-Bahn dort oberirdisch die Straße mit dem Autoverkehr teilen muss. Das tägliche Chaos kann man sich ausmalen. Eine Neuregelung zur Förderung der Pünktlichkeit kommt gar nicht in Frage: Sie ist zu teuer. Es ist ja immer alles zu teuer. Ob bei Bahn oder Straße: Geld in die Hand zu nehmen, das kommt nicht in Frage.

Wie viele Straßenbrücken sind in diesem Land eigentlich durch Tempolimits beeinträchtigt, die man nur anbrachte, um die notwendige Reparatur hinauszuzögern? Bei der Bahn ist das übrigens nicht viel anders. Es gibt Strecken, die seit Jahren neu verlegt werden müssten – man zögert es jedoch hinaus und drosselt an diesen Stellen einfach zur allgemeinen Sicherheit das Tempo. Das Tempolimit ist in Deutschland nicht mehr nur eine Maßnahme zur Lärmreduzierung oder Herstellung der Straßensicherheit: Es ist auch eine bauliche Verschleppungsmaßnahme.

Verschleppung ist ein gutes Stichwort zu Umschreibung für dieses Deutschland, das sich dem Spardiktat unterworfen hat. Man kann hinschauen, wo man mag, irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass wir in vielen Bereichen dem Ausland unterlegen sind. Vor einiger Zeit berichtete ich an anderer Stelle ja von meinem Aufenthalt in Bulgarien. Ins verschlafene Banya war die Digitalisierung schon gekommen, ich hatte dort Netz. Bei meinem Frankfurter Rewe nicht: In einer östlichen Ecke des Ladens, konnte man vielleicht Glück haben. Jemand erzählte mir, er sei vor zwei Jahren in Myanmar gewesen, er hatte überall Internet. Ein Afghane berichtete ähnliches über das Land seiner Väter.

Deutschland ist digitales Entwicklungsland: Das ist ein alter Hut, den sich ja sogar die FDP schon aufgesetzt hat. Bei der privaten Krankenversicherung sieht man das in jenen liberal-konservativen Kreisen ganz anders. Die will man unbedingt aufrechterhalten. Dabei ist das System faktisch am Ende, die Beitragssätze wachsen ständig, die Versicherer wollen ja noch was verdienen. Trotzdem wird man das System über seine Zeit retten wollen. Und damit das Gesundheitssystem nachhaltig beschädigen. Weitere Personalmangelerscheinungen inbegriffen.

Es gibt mannigfach viele Niedergänge in diesem Land. Und alle gründen sie auf einer Modernisierungsverweigerung, die dem Sparfetisch geschuldet sind. Noch ein Beispiel: Alle Welt streamt, es ist das Entertainmentsystem der Zukunft, aber die gebührenfinanzierten Sender in Deutschland bieten ihre Produkte gerade mal zwischen sieben Tagen und maximal 12 Monaten in der Mediathek an. Das war mal ein Kompromiss: Auf Grundlage solch fauler Abmachungen verpasst man auch hier den Anschluss. Man weiß echt nicht, wo man hinschauen soll, aber Deutschland will modernes Land sein, Motor und Antreiber, aber innerhalb der eigenen Grenzen ist man auf dem Weg, sich in ein westliches Ostblockland zu entwickeln. Hintendran statt vorne dabei.

Man verwaltet das Überkommene, weil man es für kostengünstiger hält, aber am Ende wird es richtig teuer werden. Spätestens dann, wenn man endlich realisiert, dass es irgendwann einen Moment gegeben haben muss, an dem man den Anschluss verloren hat. Und dieser Moment, der ist jetzt.

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