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Mob in Wurzen stürmt Wohnhaus von Geflüchteten

Etwa 30 Deutsche greifen in der sächsischen Kleinstadt eine Unterkunft für Asylsuchende an

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 4 Min.
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Am Freitagabend musste die Polizei in Wurzen zu einem Großeinsatz ausrücken.
Am Freitagabend musste die Polizei in Wurzen zu einem Großeinsatz ausrücken.

Es ist eher ungewöhlich, dass sich die sächsische Polizei gleich zu Beginn ihrer Ermittlungen für etwas entschuldigt. Genau das haben Beamte der Polizeidirektion Leipzig getan. In einer Polizeimeldung vom Sonnabend erklären die Beamten, dass die geschilderten Abläufe »eine gewisse Unübersichtlichkeit« hätten und man zur Darstellung leider auf eine »Vereinfachung« zurückgreifen müsse, auch was »die wenig differenzierenden Begriffe ‘Deutsche’ und ‘Ausländer’« angehe. Beim Lesen der Meldung wird deutlich, dass die Polizei vorsichtig und zugleich auch verunsichert agiert. Der Grund: In Wurzen ist es nicht das erste Mal, dass es zu einem Angriff auf ein Wohnhaus von Geflüchteten gekommen ist.

Sicher ist: Am Freitagabend ist genau dies in der sächsischen Kleinstadt passiert. Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei sollen etwa 30 junge Deutsche daran beteiligt gewesen sein. Die Beamten mussten zu einem Großeinsatz ausrücken, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen.

Hetzjagd zwischen Deutschen und Geflüchteten
Bewohner des Hauses schildern den Überfall durch Vermummte in der sächsischen Kleinstadt

Als Antwort auf die rassistischen Ereignisse in Wurzen gab es Anfang September 2017 ein antifaschistische Demo in der sächsischen Kleinstadt.
Als Antwort auf die rassistischen Ereignisse in Wurzen gab es Anfang September 2017 ein antifaschistische Demo in der sächsischen Kleinstadt.

Nach ersten Zeugenberichten soll es zunächst in einem Park in der Nähe des Bahnhof zu einer verbalen Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen gekommen sein. Die deutlich kleinere Gruppe der Geflüchteten habe sich zurückgezogen, offenbar um einer weiteren Eskalation zu entgehen. Zwei Deutsche sollen ihnen allerdings bis zu ihrem Wohnhaus gefolgt sein. Dort angekommen, schlugen die Angreifer gegen die Haustür und und beschädigten laut Polizei eine Scheibe. Eine kleinere Gruppe Geflüchtete habe die Angreifer daraufhin verjagt und zunächst verfolgt, bis sie schließlich einer Gruppe von etwa 30 Menschen gegenüber sahen. Angesichts der gefährlichen Situation zogen sich die Geflüchteten zurück in Richtung ihres Wohnhauses, wurden dabei aber von der großen Gruppe verfolgt, wie es im Polizeibericht weiter heißt.

Offenbar um den Asylsuchenden zur Hilfe zu kommen und sich gegen die Angreifer zu wehren, sollen nun wiederum 12 Bewohner mit Knüppeln und Messern bewaffnet das Haus verlassen haben, um die deutlich größere Gruppe der Deutschen abzuwehren. Mehrere von Ihnen sollen im Zuge des Überfalls das Wohnhaus gestürmt haben, wo es zu weiteren Attacken kam. Die Bilanz des Überfalls: Zwei Angreifer wurden durch Messerstiche verletzt, auf der Seite der Geflüchteten gab es drei leicht verletzte Personen. »Die Geschehnisse ereigneten sich innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne«, so die Polizei, die für ihren Einsatz auf bis zu 40 Polizisten aus dem Umland, darunter auch aus Leipzig, zurückgreifen musste. Vor Ort stellten die Beamten die Personalien aller Beteiligten fest, festgenommen wurde allerdings niemand.

»Die Polizeidirektion Leipzig kann gegenwärtig noch nicht sagen, welcher konkrete Anlass die Gewaltkette begründete«, so die Beamten. Allerdings habe der Staatsschutz die Ermittlungen übernommen, da ein fremdenfeindliches Motiv nicht ausgeschlossen werde. Es sei unklar, wer an den Angriffen im Einzelnen beteiligt gewesen war, dies müsse aber jedem konkret nachgewiesen werden, so ein Polizeisprecher gegenüber der »Leipziger Volkszeitung«.

Das Rassismus eine Rolle spielte, ist für die Initiative »Irgendwo in Deutschland« wahrscheinlich. Via Twitter wies die Gruppe nach dem jüngsten Vorfall darauf hin, dass es in der Vergangenheit wiederholt zu rechten Übergriffen in der sächsischen Kleinstadt gekommen war. In einem Beitrag von 2017 bezeichnet »Irgendwo in Deutschland« Wurzen als »braunes Herz des Muldentals«, wo es »eine lange Tradition von authentischer Gastfeindschaft und extremer Tristesse« gäbe. Die Stadt sei »seit Jahren eine Hochburg rassistischer Bewegungen und organisierter Nazistrukturen und war bereits in den 1990er Jahren bekannt als eine sog. No-Go Area.«

Als Beleg listet die Initiative mehrere rassistische Vorfälle aus der jüngeren Vergangenheit auf, darunter einen Angriff auf ein Wohnhaus vor Geflüchteten vor fast genau einem Jahr. Bei der damaligen Attacken sollen mehrere Scheiben zerschlagen und Pyrotechnik sowie ein Verkehrsschild in die Räume geworfen worden sein. Auch im Juni 2017 eskalierte die Lage erneut, als sich 60 Rechtsradikale auf dem Wurzener Marktplatz zu einer »Spontandemonstration« trafen. Laut eines MDR-Berichts hätten die Rechten dabei Parolen wie »Deutschland den Deutschen!« und »Ausländer raus!« gebrüllt. Erst als die Rassisten vor ein Wohnhaus zogen, in dem Geflüchtete leben, und dieses belagerten, schritt die Polizei ein. Ein Sprecher erklärte damals gegenüber dem MDR: Ohne den Polizeieinsatz hätte es zu gewalttätigen Übergriffen kommen können.

Zuletzt gab es laut »Leipziger Internet Zeitung« am 14. Dezember einen Übergriff. Unbekannte warfen drei Pflastersteine in die Fenster einer Wohnung, in der ein Geflüchteter lebt. Die Angreifer hinterließen dabei antisemitische Aufkleber mit der Aufschrift »All Chemiker are Jews« (»Alle Chemiker sind Juden«), eine Anspielung auf die Fans des Leipziger Sportvereins BSG Chemie.

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