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West und Ost in eins gesetzt

Spiegel der Musik: Werke aus Frankreich und aus Russland in der Berliner Philharmonie

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Franzosen und Russen, West und Ost in eins gesetzt. Vor der Pause Maurice Ravel und Henri Duparc, nach der Pause Modest Mussorgsky und Alexander Skrjabin. Was passiert in und zwischen diesen Gebilden, wie stehen und wirken sie zu - und aufeinander? Spiegeln sie sich wechselseitig? Derlei zu erfassen, ist nur möglich im Vollzug des Hörens dieser Werkfolge. Und auch nur, wenn die Musik lebendig erklingt, wie sie es an diesem Abend in der Berliner Philharmonie höchsten Maße tat. Die genannten Komponisten, hervorgebracht von den Berliner Philharmonikern unter Antonio Pappano, sind alle schon tot. Das ist das große Handicap des Betriebs. Er vertraut der Vergangenheit und misstraut der Zukunft.

Weiteres Problem, das mit dem Vorigen zusammenhängt: Wie oft ist darüber spekuliert worden, das Reservoire der Komponisten sei ausgeschöpft, ihr Material ausgepresst wie die Zitrone, wirklich Neues sei nicht mehr zu haben. Kalter Kaffee. Aber auf den Zusammenhang kommt es an: Wohin schaue ich, was nehme ich und verbinde es mit noch subjektiv Ungehörtem, wie weit gehe ich zurück, um im nächsten Moment Barrieren zu überwinden und den Vorstoß zu wagen. Hundertfach Zahnloses aber überwiegt, Partituren, bei denen nichts schiefgehen kann, gemacht, dem Musiker und Hörer zu gefallen. Zahllos die nicht endenden Versuche, mit bereits vorhandenem Material umzugehen. Reflexe auf den eigenen Werkvorrat gehen dabei Hand in Hand mit dem Bedürfnis, kleine Werke in großen Formaten der Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Ravels Orchesterwerk »Boot im Ozean« geht auf die Nr. 3 seines Klavierwerks »Miroire« zurück. Die Instrumentation übertrifft alles, was zu Beginn des 20. Jahrhunderts in dem Metier geboten wurde. Sie begeisterte gestern wie sie heute begeistert.

Antonio Pappano dirigierte das Werk getreu den Noten, wie sie in Verbindung mit leisen Signalen von English Horn und anderen Holzbläsern von einer Welle zu anderen arpeggieren. In der Mitte entlädt sich blitzend das Gewitter. Pappano liebt solche Kontraste und verbildlicht sie leidenschaftlich. In gleicher Weise überzeugten auch die restlichen Wiedergaben, so Ravels Orchesterfassung »Alborado del gracioso« (Nr. 4 aus »Miroire«) mit ihren unerhört lebendigen rhythmischen Impulsen und dem carmenesken Ende. Verse von Charles Baudelaire und anderen französischen Schriftstellern beschäftigen die »Vier Lieder« von Henri Duparc, hochdifferenzierte, orchestrierte Vokalmusik eines viel zu früh durch Krankheit kompositorisch zum Schweigen gebrachten Komponisten. Véronique Gens sang die melodiebetonten, vollkommen durchgefühlten Lieder makellos.

Dann kamen die Russen dran. Gleich dem brüllenden Tiger, der nicht aufhört zu fliegen, hebt die Musik der »Johannesnacht auf dem kahlen Berge« von Mussorgsky an und wühlt sich durch einen Reigen slawischer Tänze hindurch bis hin zum den Quintenzirkel aufwirbelnden, die Metren schüttelnden Finale. Höhepunkt Skrjabins berühmtes »Poéme de l’extase«. Der Erfinder der »Farbenmusik« schuf sie nicht aus irgendwelchen obsessiven Zuständen heraus, sondern aus klaren strukturellen Überlegungen. Ein gewaltiges symphonisches Opus, gespickt mit Farben á la Claude Debussy und Aufgipfelungen, die zusammenbrechen, als hätte sie Gustav Mahler formuliert. Hierin spiegeln sich die Traditionen von Ost und West in der Musik wechselseitig.

Keineswegs regieren im Klassikbetrieb immer die gleichen Götter wie Bach, Mozart, Beethoven, Schumann, Bruckner, Strauss, allenfalls Schönberg - Schluss. Die Konstellationen, Programme zu gestalten, sind wie die im Kompositionsprozess unendlich - vorausgesetzt, die Augen verlassen die zentraleuropäische Perspektive und blicken über Wien, Paris, London, Mailand, Prag, Warschau hinaus.

Musik verbindet, das zeigte auch dieser Abend. Mit einem einzigen Strich kann zusammenkommen, was die Wirklichkeit etwa dem Kontinent Europa vorenthält: Russland - Frankreich, Paris - Petersburg, das geht zusammen.

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