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Hetzjagd von Deutschen auf Geflüchtete

Bewohner des Hauses schildern den Überfall durch Vermummte in der sächsischen Kleinstadt

  • Von Henrik Merker
  • Lesedauer: 5 Min.

Um 22:30 Uhr habe sie schon eine Stunde geschlafen, erzählt Frau Wolf*. Von Gebrüll auf der Straße wird sie aus ihrem Bett geholt. Die Frau, die sich eine Zeit lang im Wurzener Demokratiebündnis engagierte, geht ans Fenster. Unten sieht sie dreißig dunkel gekleidete Personen vor dem Haus stehen.

Mehrere andere Personen seien vor ihnen ins Haus gerannt. Wolf sieht, wie einer der Männer einen schweren Steinbrocken gegen die Eingangstür wirft. Glas splittert. Der Stein hat die Scheibe der Tür zerstört, landet im Innenhof. Die graue Holztür gibt kurz darauf nach.

Vier Gestalten rennen anschließend durchs Treppenhaus nach oben. Wieder klirrt es, die Scheibe der Wohnungstür im dritten Stock. Die vier Männer sind mit Sturmhauben vermummt, einer greift durch das Loch nach der Türklinke auf der Wohnungsseite. Sie stürmen in den Flur, zwei von ihnen bleiben stehen, halten die Bewohner im Schach. Die zwei anderen gehen an das Ende des Flurs, biegen in den Raum auf der rechten Seite ab, ins Schlafzimmer, wo Abdel* mitten im Raum steht.

Abdel wird gezielt in den Bauch getreten. Er geht zu Boden. Ein Tritt auf das Handgelenk folgt – das Profil vom Schuh hinterlässt blutige Schrammen. Dann habe ein Angreifer mit einer langen Holzstange auf seinen Oberarm geschlagen, Abdel kann sich irgendwie auf sein Bett retten. Dadurch sei er dem Stromschlag eines Tasers entkommen, sagt er. Den habe einer der Angreifer auf ihn abgefeuert, der Schuss geht ins Leere. Draußen habe man, fünf bis zehn Minuten nachdem die Männer in die Wohnung kamen, Sirenen gehört, berichten Bewohner des Hauses. Die Angreifer seien abgehauen und sollen sich wieder unter den Mob auf der Straße gemischt haben. Abdel sagt, dass nicht nur er und seine WG, sondern auch Geflüchtete in den oberen Stockwerken verprügelt wurden.

Die Gründe sind unklar

Was vor der Stürmung des Hauses am Freitagabend passierte, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Die sächsische Polizei sagt, sie ermittle in alle Richtungen: »Wer Täter oder Opfer oder beides ist, ist noch unklar«, schreiben die Beamten auf Twitter. Aus einer ersten Polizeimitteilung geht hervor, dass es am Wurzener Bahnhof vor dem Angriff auf das Haus eine verbale Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Geflüchteten gab. Die Geflüchteten hätten sich zu ihrer Wohnung zurückgezogen, die Deutschen wären ihnen gefolgt und hätten die Scheibe der Eingangstür zertrümmert. Daraufhin seien zwölf der Geflüchteten aus dem Haus gekommen, mit Messern und Knüppeln. Zwei Deutsche wurden schwer am Oberschenkel verwundet. Dann habe sich der Mob von dreißig Deutschen zusammengerottet und die Geflüchteten bis in das Haus verfolgt.

Ein Flüchtlingsheim ist der alte Gründerzeitbau nicht. Die Stadt Wurzen bringt Geflüchtete dezentral in Wohngemeinschaften unter. In dem Haus wohnen Deutsche, anerkannte Flüchtlinge und Asylsuchende. Wolf erzählt, dass sie wenig Kontakt zu ihren Nachbarn habe, man grüße sich freundlich im Hausflur – mehr auch nicht.

Was bleibt, sind Scherben

Am nächsten Tag sieht man die Spuren. Scherben im Hinterhof, in der Wohnung im dritten Stock liegen Scherben auf dem Schuhtablett und im gesamten Flur. Niemand hatte die Nerven, sie zusammenzufegen. Frau Wolf* sagt, dass der Glaser schon da war – am Montag werden die Scheiben ersetzt. Zwei junge Bewohnerinnen des Hauses stehen sichtlich unter Schock, zittern, als sie in gebrochenem Deutsch von dem Abend erzählen. Sie hätten panische Angst gehabt bei dem, was da unten passierte. Seit einem Monat erst wohnen sie in dem Haus, haben in Wurzen noch keine negativen Erfahrungen machen müssen. Das sei jetzt vorbei.

Die Besen liegen noch unten im Hausflur und in der WG von Abdel, nur die Bürsten sind übrig. Die Stiele wurden in der Nacht zu Waffen. Der schwere Stein wurde auf dem Hinterhof an die Seite gelegt. Die Wunden Abdels zeugen vom Angriff. Beim Arzt war er nach der Attacke noch nicht. Die Hausärztin hat Sonnabend keine Bereitschaft, auf den längeren Weg zum Krankenhaus in Wurzen traut er sich nicht. Die Angreifer kamen aus der Stadt, sagt er, sie könnten ihn erkennen und erneut verfolgen.

War der Angriff absehbar?

»Wir haben hier gar keine Unterstützung.«, sagt Abdel – nach dem Angriff hat er resigniert. »Wir wollen nach Leipzig«, sagt er. »Wir können hier nicht bleiben«. Die WG-Bewohner haben Angst, das Haus zu verlassen. Seit gestern hätten sie nichts gegessen, der Kühlschrank sei leer. Auf den hundert Metern zum Supermarkt rechneten sie mit Angriffen, sagt Abdel – die Rechten würden sich dort häufig treffen. Wenn er abends aus Leipzig von der Schule zurückkommt, werde ihm »Wir wissen wo du wohnst!« hinterher gebrüllt.

So sei es auch am Freitag um 21 Uhr gewesen, eineinhalb Stunden vor dem Angriff auf die Wohnung. In Leipzig sucht er schon länger nach einer festen Bleibe für sich und seine drei Freunde. Der ausgedünnte Wohnungsmarkt ist dabei ein Problem. Das andere sind die nicht erteilten Aufenthaltsgenehmigungen für zwei der Freunde. »Wir wollen gern zusammen wohnen bleiben«, sagen sie. Die vier Jungen haben Rucksäcke gepackt. Ihr Betreuer holt sie mit dem Auto ab, bringt sie zumindest für die nächsten Tage an einen Ort, an dem sie sich sicherer fühlen.

*Namen geändert

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