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Nicht-Dissident und Minimal-Illusionist

In »Nassim« geht es von einem Balkon im iranischen Shiraz auf die Bühne nach Berlin - und wieder zurück

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Nassim Soleimanpour hat seine globale Nische gefunden. Der iranische Dramatiker sorgte bereits vor einigen Jahren mit seinem Abwesenheitsstück »White Rabbit, Red Rabbit« für Furore. Das Stück besteht aus einer Fülle von Handlungsanweisungen eines abwesenden Regisseur und den sich daraus ergebenden Überraschungen: Der Schauspieler erhält den Stücktext erst auf der Bühne - ganz ohne Probe. Bereits das Berühren des Texts wird zum Teil der Performance. Eine einzigartige Mischung aus Neugier, Spannung und Spielfreude entsteht im Laufe der folgenden ein bis zwei Stunden. Folgt der Schauspieler den Anweisungen des abwesenden Dramatikers oder begeht er Abweichungen in Komplizenschaft mit dem einbezogenen Publikum? Duldet das Publikum solche Abweichungen oder wird es zum Disziplinator im Namen des Stücktexts?

»White Rabbit, Red Rabbit« von Soleimanpour war eine auf offener Bühne vorgenommene Hinterfragung der Autorität des Autors und hatte damit einen Dissidentenaspekt. Denn Soleimanpour entwickelte dieses besondere Setting auch aus dem Dilemma heraus einerseits im Iran als Autor nicht aufgeführt worden zu sein und andererseits keinen Pass zu besitzen. Er verweigerte den Militärdienst und erhielt aus diesem Grund Reiseverbot ins Ausland.

Der ansetzenden Heldenverehrung jenseits der iranischen Grenzen versuchte Soleimanpour schon nach »White Rabbit, Red Rabbit« zu entgehen. »Das ist nichts Besonderes. Das tun viele hier. Ich musste auch nicht ins Gefängnis«, pflegte er zu sagen. So ganz kam er damit aber international nicht durch: Eine dissidentische Anti-Mullah-Staat-Aura haftete ihm stets seitdem an.

Soleimanpour neues Stück »Nassim« ist eine Fortsetzung der bereits entwickelten Methode, aber zugleich auch ein Entspannungsstück. Denn der einstmals mit Reiseverbot belegte Autor tritt nun selbst darin auf. Am Anfang sieht man nur seine Hände, die die Textblätter in eine im Backstage aufgebaute Kamera halten. Somit wird die quasi-diktatorische Beziehung des - bei »Rabbit« abwesenden - Autors zum Schauspieler in ein eher spielerisches Verhältnis gewandelt: Der Schauspieler kann nun Kontakt aufnehmen.

Das Thema des Stücks ist zudem ein privates: Soleimanpour stellt in »Nassim« ein Kinderbuch vor, mit dessen Hilfe ihm von seiner Mutter einst auf dem Balkon der Wohnung in Shiraz sitzend Persisch beigebracht wurde. Mit wenigen Handlungsanweisungen, kindlichen Zeichnungen und einigen Handyfotos der Familie wird die kollektive Vorstellungskraft bewegt, sich auf einen Balkon im Shiraz der 1980er Jahre zu versetzen und dabei weder an herrschende Mullahs noch an den damals tobenden Golfkrieg zwischen Iran und Irak zu denken. Mutter und Sohn, der Balkon, ein kleiner Bär - das ist die Welt.

Der Regisseur, mittlerweile in voller erwachsener Lebendigkeit auf die Bühne gekommen, bringt jetzt dem Publikum und Performer erst einmal etwas Farsi bei und lernt dabei selbst ein paar Worte auf Englisch. Die trägt er, so versichert er im Gespräch danach, säuberlich in ein Notizbuch ein und vergegenwärtigt sie sich später auch. Im Zuge der gerade begonnenen Welttournee von »Nassim« wird das Vorhaben noch ambitionierter. Lief die Vorstellung bislang in London und Berlin auf Englisch, so wird sie demnächst in Lima auf Spanisch und in Seoul auf Koreanisch erfolgen. Auch Brocken dieser Sprachen will Soleimanpour erlernen. Und »viele Freunde gewinnen«, wie er sagt. Denn die Begegnung von Autor, Schauspieler und Publikum auf offener Bühne schließt tatsächlich einen Freundschaftspakt, jeden Abend.

Ins Stück eingebaut ist noch ein Telefonanruf von offener Bühne nach Shiraz, zu Nassims Mutter. Wenn, wie bei der Premiere in Berlin, der Anruf mittendrin abbricht und die Verbindung neu aufgebaut wird, mag man gleich an Informationskrieg, Geheimdienste, Überwachung denken. Soleimanpour sieht darin nur eine kleine technische Panne. Und in Erinnerung bleibt, dass man einfach so nach Iran telefonieren kann.

Die aktuellen Demonstrationen im Iran spielen bei der Performance allerdings keine Rolle. Soleimanpour erklärt, genauso wenig über die politische Entwicklung zu wissen wie andere Mediennutzer auch. »Ich bin kein Repräsentant des Iran«, sagt er. Und künstlerisch unbeachtet sei er in seiner Heimat auch nicht mehr. »Ein Stück von mir haben sie zwar noch nicht aufgeführt. Zuletzt erschienen aber immerhin Artikel von mir und ich war zu einer Podiumsdiskussion eingeladen«, erzählt er gegenüber dem »nd«.

Das ist eine interessante Strategie: Der Dramatiker, der auf der Bühne mit so minimalen Mitteln solch große Bilder zu erzeugen weiß, entzieht sich mit aller Kraft der durchaus marktförderlichen Inszenierung als verfolgter Künstler.

15., 16. und 17. Januar im English Theatre Berlin, Fidicinstr. 40, Kreuzberg

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