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Die Qualen des Mörders

Pierre Lemaitre hält in Spannung mit Fragen nach Schicksal und Schuld

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

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Was der 12-jährige Antoine zu verbergen habe, fragt der Klappentext. Man braucht nur wenige Seiten zu lesen, um die Antwort zu wissen. Denn Pierre Lemaitre, dessen Roman »Wir sehen uns dort oben« (ebenfalls bei Klett-Cotta) den Prix Goncourt erhielt, hat keinen herkömmlichen Krimi verfasst. Als Leser ist man klüger als die Polizei und die Bewohner des Ortes Beauval, die vom Verschwinden des sechsjährigen Rémi geschockt sind. Weil sie ihn suchen und nicht finden, müssen sie den Gedanken an seinen Tod an sich herankommen lassen. Wenn es kein Unfall war, wer kann das niedliche Kind auf dem Gewissen haben? Verdächtigung und sogar eine Verhaftung: Hatte Monsieur Kowalski nicht immer schon etwas seltsam gewirkt?

Wir atmen auf, als er wieder freikommt mangels Beweisen, aber ein Verdacht bleibt hängen. Würden wir uns wünschen, dass der Schuldige gefasst wird, dass die Gerechtigkeit siegt? Aber was ist Gerechtigkeit? Dass diese Frage in einem wühlt, dafür sorgt Pierre Lemaitre mit einer Handlung, die nie an Spannung verliert, obwohl man es ja, wie gesagt, schon weiß: Antoine hat den kleinen Rémi mit einem Stock an der Schläfe getroffen. Warum er zugeschlagen hat, wird auch irgendwie erklärt, doch hatte es wohl auch mit Jähzorn zu tun, der wiederum Gründe hat in offenen und verborgenen Verletzungen. Indes: Wo kämen wir hin, wenn jeder seinem Seelenschmerz gewaltsam Luft verschaffen würde? Gegen solcherlei Ausbrüche steht das Gesetz. Das sollten wir würdigen. Aber Pierre Lemaitre bringt uns eben ganz nah an diesen Jungen Antoine heran.

Diese Qual: Das tote Kind vor sich zu sehen und das Bild schnell von sich wegzuschieben, weil niemand ihm etwas anmerken soll. Diese Winkelzüge, dieses Versteckspiel - die minutiösen Schilderungen nehmen einem den Atem. Der Kleine würde nicht wieder lebendig werden, wenn Antoine sich stellt, aber Rémis Vater würde das Gewehr auf ihn richten. Und wenn er verhaftet würde, wie würde es seiner Mutter ergehen? Er ist doch alles, was sie hat, seit der Vater sie verließ.

Wenn in einem Kriminalfilm endlich der Mörder gefasst wird, ist man erleichtert. Aber oft steht eine weinende Frau in der Tür, vielleicht noch mit einem kleinen Kind im Arm, wenn das Polizeiauto sich entfernt. Und manchmal presst ein Detektiv noch so etwas wie »Scheiß-Job« zwischen den Zähnen hervor. Wenn die Frau und das Kind nicht schuldig sind, wieso trifft die Bestrafung auch sie? Weil es anders eben nicht geht. Man kann einen Mörder schließlich nicht begnadigen, wenn er sonst ein liebenswerter Familienmensch ist.

Schuld und Strafe. Vielleicht würde sich Antoine ja sogar besser fühlen, wenn es eine Sühne gegeben hätte für seine Tat. Aber stell dir diesen ohnehin schwermütigen, verschlossenen Jungen im Jugendknast oder einem ähnlichen Heim vor. Zwischen den anderen Tätern. Außerdem: Hätte ihm diese Vergangenheit nicht immer angehangen? Er möchte seine Schuld von sich abstreifen und wird sie nicht los. Die Mutter leidet, ohne dass sie Genaues weiß. Und Monsieur Kowalski erst! Es gibt Geheimnisse, die Antoine nicht kennt. Zufälle schützen oder bedrohen ihn auf unerwartete Weise. Bedrängnisse tun sich auf, er kann nicht ausweichen.

Und die ganze Zeit fragen wir uns, ob das Mitleid mit einem Mörder denn angebracht ist, ob wir dabei nicht den kleinen Rémi vergessen, der so arglos war und dessen Tod wir nicht als Unfall betrachten dürfen. Auch er hat eine Mutter. Der Autor hat uns an Antoines Seite gestellt. Wir sehen ihn wie ein gehetztes Wild. Aber vielleicht ist er doch bloß ein Schuft.

Pierre Lemaitre: Drei Tage und ein Leben. Roman. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. Klett-Cotta, 266 S., geb., 20 €.

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