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Hänsel, Quark und Fudschijama

Zum Tod des Schauspielers und Regisseurs Peter Groeger

  • Von Matthias Thalheim
  • Lesedauer: 3 Min.

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Er war der »Hänsel« auf der Grimms-Märchen-Single, spielte ob seiner geringen Körpergröße und seiner tenoralen Stimmlage noch in Mannesjahren unzählige Jugendrollen verwöhnte Bürgersöhnchen, dekadente Halbstarke, später Schurken in »Blaulicht« und »Polizeiruf« und gewann im Großvateralter mit seinem markanten Timbre Kultstatus als Synchronpart des »Quark« in der Star-Trek-Serie »Deep Space Nine«.

Peter Groeger war eine außergewöhnlich quirlige Spielernatur mit Sinn für alle dramatischen Nuancen. Geboren wurde er am 1. Juni 1933 in Gröbzig, wo seine Mutter am Markt ein Textilwarengeschäft betrieb; die Schulbank drückte er in Köthen und Schulpforta und Köthen, danach zog es ihn auf die Bühne. Er gehörte zu den ersten Absolventen der nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Staatlichen Schauspielschule in Berlin-Oberschöneweide, kam danach ans Theater der Freundschaft und ans Deutsche Theater in Berlin, wo ihm große Förderung durch Wolfgang Langhoff zuteil wurde. Drei Jahre studierte Groeger am Moskauer Theaterinstitut GITIS. Mit zahllosen Darsteller-Aufgaben in den Synchron-, Schallplatten- und Rundfunkstudios der DDR verbunden, entwickelte Peter Groeger auch Inszenierungskompetenz und hatte das Glück, Ende der sechziger Jahre als junger Hörspiel-Regisseur in die Gründung eines neuen eigenen Bereichs »Internationale Funkdramatik« zu geraten.

Hier bekam er, ohne je Mitglied der SED gewesen zu sein, nicht nur die Gelegenheit, dramatische Texte der sozialistischen Länder zu inszenieren - Ostrikow, Jesenin, Schatrow oder Aitmatow - sondern auch die großer westeuropäischer Autoren wie Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, Franz Xaver Kroetz, Ise Aichinger oder Günter Eich.

Groegers Produktion von Aitmatows »Der Aufstieg auf den Fudschijama« von 1976 kam allerdings durch Intervention von Moskaus Aufpasser-Botschafter in Ost-Berlin, Pjotr Abrassimow, nicht zur Erstsendung und wurde erst 13 Jahre nach der Wende ausgestrahlt. Die Reihe der von Groeger sensibel inszenierten Hörspiele von Albert Wendt bekam 1984 einen beträchtlichen Dämpfer verpasst, als Mitglieder des Staatlichen Komitees für Rundfunk und ihr Vorsitzender Achim Becker dezidierte Einwände vorbrachten; fortan durfte nur noch eine stark gekürzte Version des Hörspiels »Heduda auf dem Pflaumenbaum« gesendet werden.

Wiewohl Peter Groeger auch nach 1990 Hörfunk-Erfolge beschieden waren - seine Produktion von Victor Klemperers »Zeugnis ablegen« mit Udo Samel zum Beispiel -, blieb eine tatsächliche Wertschätzung bei den Landesrundfunkanstalten in den alten Bundesländern aus, und es war ein Glück, dass er sich auf seine darstellerische Einzigartigkeit im Fernsehen und vor allem im Synchrongeschäft stützen konnte.

Bald erkannten auch Gestalter von Computerspielen Groegers stimmliche Exzellenz. Kommerzielle Hörspielproduzenten holten ihn für spezielle Remakes wie das einer Sherlock-Holmes-Reihe, in dem er neben Christian Rhode als Holmes den Dr. Watson in vielen Folgen figurierte. Seit zehn Jahren gehörte Peter Groeger zum Darsteller-Ensemble des Kriminaltheaters Berlin, war einer der großen Stars dieses Hauses. Hier konnte man ihn live in den Hauptrollen von Krimi-Klassikern erleben, in Peter Hacks Komödie »Inspektor Campells letzter Fall«, in Umberto Ecos »Der Name der Rose« oder in »Arsen und Spitzhäubchen«, jenem Stück, in dem er am 20. Dezember 2017 mit 84 Jahren zum allerletzten Mal auf der Bühne stand.

Am 16. Januar 2018 verstarb Peter Groeger in Berlin-Buch im Krankenhaus. Sein größter Stolz blieb die in seiner Regie 1972 im DEFA-Synchronstudio erstandene Synchronfassung von Bob Fosses »Cabaret« mit Angelika Wallers Stimme für die Sally Bowles der Liza Minelli. Groegers Fassung wird als die atmosphärisch dichtere deutsche Version in die Kinogeschichte eingehen - eine Tonspur geprägt von der Intensität eines besessenen Regisseurs.

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