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Großes Erlebnis, dies Stück

Zum 20. Mal Festival Ultraschall: Das Eröffnungskonzert dirigierte Heinz Holliger

Was hätte es Besseres, Klareres geben können, als dieses orchestrale Signal zu Beginn, das einem in Glieder und Hirn fährt? Ein Gebilde, so ungeheuer, dass einem schwindelt, jene fieberhaft gezeichnete Kugelgestalt der Welt, schwarz und weiß gefleckt wie der Mond und dunkel geädert wie der Mars, in sich aufzunehmen. Die Strahlen derselben machen das hinab- und hinaufführende Gestern, Heute, Morgen vernehmlich. Kontinuum der Zeit oder, wie der Komponist sagt, «Kugelgestalt der Zeit» als Metapher kompositioneller Gestaltung. Sehen - Hören. Licht - Schatten. Das instrumentale Riesengebilde von zwölf Minuten Dauer, «Photoptosis» von Bernd Alois Zimmermann, stand zu Beginn, musiziert vom Deutschen Symphonieorchester unter Heinz Holliger.

«Photoptosis» ist griechisch und heißt griechisch Lichteinfall. Der Komponist, - er würde in diesem Jahr 100 werden - , war strenger Katholik und als solcher Soldat im Zweiten Weltkrieg. Mit verheerenden Nachwirkungen, die sich in Partituren abdrücken. Kriege zeugen Licht, das noch nie gesehen ward. Und bunte Kirchenbutzenscheiben tun desgleichen diametral im Frieden. Aber Kriege lassen nichts aus. Sie zerstören wie Menschen und Völker genauso Kirchen mit ihren kunstvoll vergitterten Gläsern. Dann fällt Licht, durch das Splitter gehen, und Rauch und Ruß verdunkeln es, und das Kreuz ist zerlöchert und krumm und der Altar Ruine.

Von solchen Bildern zeugt des großen Zimmermanns Werk. Die Komposition nährt sich von deren geisterhaften Farben, setzt sie in Klänge, gliedert dieselben, verwandelt sie, bringt sie nach vorn und rückwärts, steigert sie bis zum Katarakt. Musikalisch spannt ein Klanghorizont langsam auf in unwegsamer Landschaft. Auffangflächen sind Orgelpunkte, die sich stufenweise aufschichten, worauf einander abwechselnde Instrumentengruppen sich Gehör verschaffen. Das ganze Material läuft endlich auf eine Art Stromschnelle zu. Dort ballt sich, was rausgelassen werden muss: Zitate aus Beethoven 9. Sinfonie, Anfang 4. Satz «Schreckensfanfare», Wagners «Parsifal-Vorspiel, Skrjabins »Poeme de l’extase«, um schließlich in eine wahnwitzige, abrupt abbrechende Klangorgie zu münden. Großes Erlebnis, dies Stück.

Kurz ein Blick in die Prosa des Festivals für Neue Musik, organisiert von zwei musikalisch prominenten Rundfunkprogrammen. Seine mächtigen Eckpfeiler: das Deutsche Symphonieorchester (DSO) und das Rundfunksinfonieorchester Berlin (RSB). Wären die nicht, kochte »Ultraschall« auf Sparflamme mit Kammermusikangeboten oder müsste den x-fachen Etat haben, um Ersatz zu bieten. Beide Orchester gehören zum Besten, was die Nation hat. Die Veranstalter - Rainer Pöllmann steht für den Deutschlandfunk Kultur, Andreas Göbel für das RBB-Kulturradio - wuchern auch in diesem Jahrgang mit dem Pfund, und zwar gleich dreifach. Zum einen: Neben der Eröffnung wird das DSO auch den Schlusspunkt mit einem internationalen Programm setzen. Zu Gast dann der US-Amerikaner Evan Christ, langjähriger Chef des Philharmonischen Orchesters Cottbus, der sich über Jahre weg um die Förderung Neuer Musik verdient gemacht hat. Auf dem Programm: Werke von Nina Šenk (Slowenien), Bruno Mantovani und Mark Andre (beide Frankreich) und Friedrich Haas (Österreich).

Zum anderen wird sich »Ultraschall« erstmals im Pierre-Boulez-Saal präsentieren, mit dem RSB unter Enno Poppe. Poppe, Komponist und Dirigent, Schüler von Friedrich Goldmann, 49 Jahre alt, ist im letzten Jahrzehnt kompositorisch kometenhaft aufgestiegen. Mehrere Stücke bringt »Ultraschall« dieses Jahr von ihm, und dirigieren wird er Werke von Yiair Klartag (Israel), Rebecca Saunders (England) und Simon Steen-Andersen (Dänemark).

Das Festival verrät auch in seinem 20. Jahr: Maßstab ist ein ernst zu nehmendes Angebot, kein Schall und Rauch. Strenge Auslese dürfte bei frischen Partituren, die es zu Hunderten gibt, vorherrschen. Jungen Leuten genauso Platz zu geben wie arrivierten, namhaften Komponisten, ist wichtiges Gebot. Freilich erscheinen einige Namen immer wieder: Sciarrino, Lachenmann, Boulez oder Isabel Mundry, Ode-Tamimi, Hosokawa, Mark Andre, Ferneyhough. Neben ihnen aber genauso jüngere und junge Komponisten: Nina Šenk, der Pole Piotr Peszat, Mijin Oh aus Südkorea, Klartag, um nur diese zu nennen.

Mit B. A. Zimmermann hob das Festival fulminant an. Im selben Konzert erklangen zwei weitere außergewöhnliche Werke. Mit Jaques Wildbergers »Canto« gelang eine Wiedererweckung des bedeutenden Schweizer Komponisten (1922 - 2006). »Canto« markiert den Versuch, das Melische aus dem Bannkreis des seriellen Denkens zurückzuerobern, gegen das Diktum Adornos, nach Ausschwitz Gedichte zu schreiben, sei nicht mehr möglich.

Das gelingt. Eine Sologeige gibt sich am Ende wie ein Engel mit kantablen Flügeln. Von Heinz Holliger kam schließlich das Violinkonzert »Hommage à Louis Soutter«. Der Komponist erklärte an dem Abend ausführlich sein 40-minütiges, viersätziges Werk. Mit Thomas Zehetmair als überragendem Solisten hinterließ das hochkomplexe, mitunter jäh aufbegehrende, über weite Strecken trauererfüllte Werk einen tiefen Eindruck.

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