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Tag der Tränen, Tag der Freude

»Requiem pour L.« - eine Uraufführung der belgischen Theaterberserker Alain Platel und Fabrizio Cassol im Haus der Berliner Festspiele

  • Von Karin Schmidt-Feister
  • Lesedauer: 3 Min.

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Alain Platel ist seit Jahrzehnten Teil der innovativen flämischen Theaterszene mit großer internationaler Ausstrahlung. Die Uraufführung »Requiem pour L.« ist eine Produktion von Platels Tanzcompagnie »les ballets C de la B«, dem Festival de Marseille und den Berliner Festspielen. Im dramaturgisch überzeugenden Klangkonzept des Komponisten Fabrizio Cassol verinnerlichen, umkreisen und sprengen vierzehn exzellente Sänger-Musiker aus Afrika und Europa Mozarts letztes, Fragment gebliebenes Opus mit ihren eigenen Kommentaren zur ewigen Ruhe. Cassol schafft fließende Übergänge von den lateinischen Texten zu Entsprechungen in Suaheli und anderen afrikanischen Sprachen. Dank der Meisterschaft der Interpreten und einer Akzente setzenden Instrumentierung entsteht so eine zeitgenössische musikalische Ebene des Miteinanders.

Der opulente Chorsatz ist durch Individuen ersetzt. Ein Trio lyrischer Opernstimmen mischt sich mit einem Trio schwarzer Stimmen aus oraler Tradition zu fulminanten musikalischen Dialogen. So bleibt der Einzelne in der Gruppe erkennbar, doch sind alle miteinander verbunden. Der musikalische Leiter und Gitarrist Rodriguez Vangama hält die Klänge von Akkordeon, E-Gitarre, Euphonium, die Stimmen der Sänger, der tanzenden Likembe-Spieler und des Perkussionisten bravourös zusammen und entfacht die szenisch-musikalischen Umschwünge zwischen Trauer und Freude in genauem Timing.

Den gesamten Bühnenhintergrund füllt ein Bild des Kopfes einer Frau mittleren Alters, die mit Teddy im Bett liegt. Sie schnalzt mit den Lippen, ihre Augenlider öffnen sich schwer. Immer wieder streicht eine Hand über ihre Stirn und berührt ihre Schulter. Der Tod jener L. war für Alain Platel eine zutiefst erschütternde Erfahrung. Sie und ihre Familie ermöglichten es ihm, das Sterben filmisch aufzuzeichnen. Das tonlose Slow-Motion-Video ist für gute eineinhalb Stunden ein Kontext dieser nicht tradierten Totenfeier.

Das Akkordeon atmet und umfängt die Musiker, es begleitet deren Gespräche. A-cappella-Gesang erhebt sich glasklar, mischt sich mit den Instrumenten in freudiger Mambo-Beschwörung. In schwarzen Gummistiefeln trotzen die Akteure in Abwehrhaltung dem »Dies irae«, sich steigernd im schwingenden Akkordeon-Walzer. Wenn das Signal des Euphoniums die Dunkelheit durchdringt, schlagen die Akteure mit der Hand auf ihre Herzen. Sie pochen im »Tuba mirum«; eine Hand streichelt das Gesicht der Sterbenden.

Alain Platel formt mit seinen Mitstreitern berührende Interaktionen von Musik, Gesang, Bewegung und Film. Oberkörper atmen, Arme säen und schlagen gegen das Schicksal an, Taschentücher tanzen. Mehrfach atmet das Akkordeon wie das Meer oder der Wind - bis zum Atemstillstand. Die Gemeinschaft singt und tanzt für L., aber auch für sich selbst und für das Publikum im Saal. Angefeuert von den Instrumentalisten, geben die Stimmen im »Confutatis« alles.

Dann steht das Sänger-Sextett als Schatten vor der Leinwand, auf der das Antlitz der Frau zerfällt. Die leisen Stimmen der umherwandernden oder sitzenden Trauernden mischen sich im »Lacrimosa«; Sopranistin und Bariton falten Blüten aus weißen Taschentüchern. Als die Akteure nach dem Amen rechts und links der schwarzen Kuben Aufstellung nehmen, blickt der Zuschauer mit ihnen erstaunt auf ein Gräberfeld; der letzte Kuss der Sterbenden gilt Platel. Die Protagonisten wandeln und springen, singend und musizierend, über und um die Grabsteine. Einige liegen auf dem Rücken, andere sitzen würdevoll in der Stille. Doch ihr Totengedenken feiert das Leben. Auf den Grabblöcken stampfen Menschen gegen die ewige Ruhe an und stemmen sich aufrecht gegen die Dunkelheit.

Alain Platel, Fabrizio Cassol und ihr großartiges Ensemble zelebrieren eine leise, eindringliche Totenmesse. Unpathetisch vielstimmig plädiert ihr »Requiem pour L.« für die Freude an menschlicher Gemeinschaft bis in den Tod. Großer Jubel für ein intensives Stück Musik-Theater, ein Fest der menschlichen Stimmen und der Mitmenschlichkeit.

Weitere Aufführung am 20.1., 20 Uhr, im Haus der Berliner Festspiele. Im Anschluss findet ein Publikumsgespräch mit dem Regisseur und dem Komponisten statt.

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