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Von Brezeln und einem brezeligen Moment

Der VVN-BdA feierte in Berlin sein 70-jähriges Bestehen

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 4 Min.

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Was ist nur in Moritz Mebel gefahren? Kaum dem Fahrstuhl im ehemaligen jüdischen Waisenhaus entstiegen, stoppte er nach wenigen Metern und schimpfte wie ein Rohrspatz. Hinter ihm stauten sich die Menschen, die gleichfalls an der Festveranstaltung zum 70. Jahrestag der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) teilnehmen wollten. Keiner traute sich, an dem sichtlich aufgebrachten Mann vorbeizugehen. Eine wissenschaftliche Koryphäe überholt man ja auch nicht einfach so. Zumal, wenn es sich zudem um einen Veteranen der Roten Armee handelt, der die Faschisten von Moskau bis Brno gejagt hat. Was hat Mebels Unmut erregt? - Eine Kiepe frischer Brezeln. »Das kann doch nicht wahr sein! Unmöglich! Was habt ihr euch dabei gedacht? Weg damit. Aus meinen Augen ...«

Nun, die Kiepe wurden nicht fortgeschafft. Allerdings auch keine Lebensmittelzange organisiert. Und so grapschten und fingerten alle munter weiter, ließen sich die leckere Gabe nicht verleiden aus Sorge um eventuelle Ansteckung - »vor allem in dieser Jahreszeit, da Infektionen grassieren«, wie der ehemalige Chefarzt und Charité-Professor vergeblich warnte. Mebel beruhigte sich erst wieder, als er seinen Platz neben Theologieprofessor Heinrich Fink, dem langjährigen Vorsitzenden der VVN-BdA und Nach-Wende-Rektor der Humboldt-Universität, gefunden hat. War es der Geist des einst sakralen Ortes oder die Aura des Evangelen, die besänftigend wirkte? Wie auch immer, es war ein herzlicher, fast familiärer Abend. Trotz (oder gerade wegen?) einiger Misstöne.

Das musikalische Entree gaben Bettina Wegner und Karsten Troyke mit einer emotional bewegenden, gesanglichen Hommage an die Opfer der faschistischen Konzentrations- und Vernichtungslager: Auschwitz, Bergen-Belsen, Sobibór, Dachau, Sachsenhausen, Stutthof, Natzweiler... Hans Coppi, Ehrenvorsitzender der Berliner VVN-BdA, erinnerte an die Gründung des VVN als eine überparteiliche und überkonfessionelle Organisation vor 70 Jahren in Ost- und Westdeutschland durch Juden und Jüdinnen, Widerstandskämpfer und -kämpferinnen, die sich vom noch tief verwurzelten Antisemitismus und Antikommunismus in der Gesellschaft nicht abschrecken ließen. Er sprach über Anfeindung und Verfolgung von VVB-Mitgliedern in der frühen Bundesrepublik und die Auflösung der Interessenvertretung 1953 in der DDR, womit dem Staat, der den Antifaschismus zur Doktrin erklärt hatte, eine gewichtige, selbstbewusste Stimme verloren ging. Sodann reflektierte er die Schwierigkeiten des Neuanfangs 1990 und die Herausforderungen heute. »170 Todesopfer rechtsextremistischer Gewalt seit der Vereinigung, 330 verurteilte Rechtsradikale, die nicht auffindbar sind - die Gefährder tummeln sich nicht unter den Flüchtlingen, wie uns immer wieder aufgetischt wird«, so Coppi.

Peter Neuhof, dessen Eltern in Sachsenhausen und Theresienstadt ermordet wurden und dessen Schwester im Jugend-KZ Uckermark starb, prangerte das Unrecht an, das er und viele andere in Westberlin und Westdeutschland mit Beginn des Kalten Krieges erfuhren, »als Ideologien aufeinanderprallten - und wir mittendrin«. Ehemalige NS-Juristen verweigerten Entschädigungszahlungen respektive verhängte erneut Urteile über Antifaschisten. »Staatsanwälte und Richter brauchten noch nicht einmal die Roben zu wechseln.«

»Höchsten Respekt« der Arbeit des VVN-BdA gegen Rassismus und Diskriminierung sowie für Aufklärung und Toleranz bekundete Gerry Woob, Staatssekretär im Berliner Senat. Susanne Willems und Eva Nickel berichteten über ihren Kampf um den »Gedenkort Fontanepromenade 15«, wo sich 1938 bis 1945 die »Zentrale Dienststelle für Juden« des Berliner Arbeitsamtes befand. Lala Süsskind, stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Berlin-Brandenburg, hätte es »wunderbar« gefunden, wenn sich die VVN überlebt hätte: »Ich freue mich auf 70 Jahre Israel und hoffe, dass es 140 Jahre VVN nicht geben wird«. Gemäß seinem Erregungszustand und antikommunistischem Vokabular müssen für Walter Sylten, Sohn eines 1942 in Dachau ermordeten Pfarrers, die Jahre in der Sowjetischen Besatzungszone die Hölle gewesen sein. Ein brezeliger Moment des Abends. Schade, ob des Bemühens aller anderen, ungeachtet Partei- und Konfessionszugehörigkeit die gemeinsame Verpflichtung zum Gedenken und Erinnern sowie Abwehren rechtsradikaler Umtriebe und Bewahren humanistischer Werte herauszustellen.

Für Petra Rosenberg, Geschäftsführende Vorsitzende des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg, war es wichtig, »Verbundenheit« zu betonen, gerade auch im Kampf gegen die Ausgrenzung ihres Volkes in fast allen EU-Staaten, darunter in Deutschland. Mit stürmischen Applaus wurde ihre Ankündigung aufgenommen, Mitglied der VVN-BdA zu werden. »Wer Unrecht geschehen lässt, bahnt neuem Unrecht den Weg«, sagte Susanne Kitschun von der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Sie bekannte abschließend im Namen aller: »Wir bleiben dran!«

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