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Afrikas Ausbeutung ist eine schwere Straftat

Der nigerianische Umweltaktivist Nnimmo Bassey über schöne Konzepte und schmutzige Realpolitik aus dem Norden

  • Von Christa Schaffmann
  • Lesedauer: 5 Min.

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Im vergangenen Jahr gab es eine ganze Reihe deutscher und internationaler Initiativen für Afrika, vom Marshallplan für Afrika bis zur G20-Initiative »Compact with Africa«. Welche Wirkungen erwarten Sie?

Keine dieser Initiativen ändert grundsätzlich etwas an dem System der Ausbeutung afrikanischer Ressourcen, die ich für eine schwere Straftat halte. Eine Koalition von Politikern - auch afrikanischen - mit Internationalem Währungsfonds und Weltbank, die politische und Konzerninteressen schützt, sorgt für die andauernde Abhängigkeit afrikanischer Staaten. Der Neokolonialismus von heute unterscheidet sich im Wesen nicht vom Kolonialismus im 19. und 20. Jahrhundert.

Das klingt, als habe sich seit 60 Jahren nichts geändert.

Im Wesentlichen hat sich nichts geändert: Afrika - seine Ressourcen und seine Menschen - werden nach wie vor ausgebeutet zum Vorteil von wenigen Ländern und Konzernen. Der Kontinent wird entgegen anderslautender Bekundungen in Abhängigkeit gehalten.

Ist Afrika also ein Objekt, das zum Opfer ausländischer Subjekte geworden ist, ein passives Gebilde, dem böse handelnde Akteure gegenüberstehen? Hat es weder Bürger noch verantwortliche Regierungen, die sich der Ausbeutung widersetzen könnten?

Viele Regierungen werden ihrer Verantwortung tatsächlich aus unterschiedlichen Gründen nicht gerecht. Es ist ein Skandal, dass ein Shell-Manager vom Vorteil einer Diktatur sprechen kann, die seinem Konzern ein »stabiles Umfeld liefert«. In der Bevölkerung aber gab und gibt es Widerstand, und er zeitigt Erfolge. In Nigeria hat er in den 1990er Jahren viele Opfer gefordert, denn das Militär schlug alle Proteste brutal nieder. Am Ende wurden trotzdem einige Maßnahmen für eine saubere Ölproduktion durchgesetzt. Einzelne Fälle massiver Umweltzerstörung und Verletzung von Menschenrechten sind auch vor Gerichten in den Niederlanden und in Italien gelandet. Der Ausgang der Verfahren ist ungewiss, aber immerhin erreichen wir dadurch mehr internationale Aufmerksamkeit. Auch im wirtschaftlich und politisch kolonisierten Nigerdelta, wo durch die veraltete Ölförderstruktur seit Jahren ein Ökoselbstmord stattfindet. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung beträgt nur noch 41 Jahre. Im Nigerdelta bahnt sich derzeit ein revolutionärer Prozess an. Immer mehr Menschen schließen sich Bewegungen an, die Veränderung und Selbstbestimmung fordern, nachdem der 2015 gewählte neue Präsident Muhammadu Buhari die Erwartungen der Bevölkerung bisher enttäuscht hat. Wir brauchen globale Solidarität gegen die Konzerne.

Ist die Zerstörung der Umwelt wegen der Ölvorkommen in erster Linie ein nigerianisches Problem?

Nein. Sie findet genauso durch Projekte in Tansania und anderen afrikanischen Staaten statt; ebenso im Gebiet der Großen Seen. Durch die Seen verlaufen Staatsgrenzen. Ressourcenausbeutung dort führt nicht nur zu Umweltverschmutzung, sondern schafft potenziell Ursachen für neue Kriege. Wir haben Biafra, Angola und Sudan nicht vergessen - überall gab es blutige Auseinandersetzungen um die Ressourcenaneignung. Hochproblematisch ist auch der Schaden durch Offshorebohrungen vor Südafrikas Küste. Mit Gewalt wurde dort gegen Fischer vorgegangen, die ihre Existenzgrundlage durch die Bohrungen und durch Umweltschäden bedroht sehen. Wir brauchen länderübergreifende Initiativen zum Schutz des Wassers - in den Seen genauso wie in den Meeren. Es reicht nicht, dass Verursacher für Zerstörung und Verschmutzung ein paar Dollar zahlen.

Das klingt, als bewegten sich Konzerne bisher in einem nahezu rechtsfreien Raum.

In vielen afrikanischen Staaten wie in meiner Heimat Nigeria existiert wenig Rechtsstaatlichkeit. Es fehlen außerdem Gesetze, die Biosicherheit herstellen und verhindern, dass durch sogenannte Hilfsmaßnahmen immer neue Abhängigkeiten entstehen. Das gilt nicht nur für uns angepriesenes oder aufgezwungenes angeblich ertragreicheres Saatgut, das Importe von Dünger und Pflanzenschutzmitteln zwingend nach sich zieht und nachweislich in vielen Fällen langfristig für afrikanische Böden nicht geeignet ist.

Ausländische Konzerne produzieren in Afrika ohne Rechenschaftspflicht; so sind sie für die Folgen ihrer Produktion und der schlechten Arbeitsbedingungen ihrer afrikanischen Beschäftigten kaum zur Verantwortung zu ziehen. Die mit ihnen vom Staat unter Druck oder mittels Korruption abgeschlossenen Verträge sichern den Unternehmen riesige Steuervorteile, durch die afrikanische Länder Milliarden Dollar an Einnahmen verlieren.

Haben Sie bei dem Wort Ressourcen exklusiv Bodenschätze im Blick?

Keineswegs. Es geht auch um Land und Nahrungsmittel. 30 Prozent der Weltbevölkerung beanspruchen heute schon 75 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Erde für die eigene Ernährung. Auch das ist eine Art kolonialer Ausbeutung. Statt das zuzugeben und zu ändern, möchte man uns und der Welt einreden, der Hunger in Afrika sei zum großen Teil eine Folge der Überbevölkerung unter dem Motto: »Schafft Euch nicht so viele Kinder an, dann werdet ihr auch alle satt.«

Es geht dem Westen doch gar nicht darum, die Lebensmittelversorgung auf eine gesunde afrikanische Grundlage zu stellen, sondern darum, wie man große Flächen in Afrika, die die Bevölkerung des Kontinents angeblich sowieso nicht effektiv zu bearbeiten vermag, für eigene Zwecke nutzen kann: Nutzen durch Anbau von Produkten, die nicht der Ernährung der Afrikaner dienen; nutzen durch Landgrabbing, also den Kauf oder Pacht riesiger Flächen fruchtbaren Bodens, auf dem Produkte für die Märkte in Europa und Übersee angebaut werden - oft werden Kleinbauern dafür vertrieben. Aus allem, was wir haben, wird Kapital geschlagen. Und selbst unfruchtbare Flächen taugen immer noch, um den europäischen Müll bei uns abzuladen.

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