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Dinge mit anderen Augen sehen

Karl Ove Knausgård schreibt Briefe an seine ungeborene Tochter

  • Von Guido Speckmann
  • Lesedauer: 4 Min.

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Sein sechsbändiges autobiografisches Romanwerk »Min Kamp« brachte ihm weltweiten Erfolg. Doch was folgt nach diesem gefeierten Magnum Opus? Der norwegische Autor Karl Ove Knausgård hatte eine so schöne wie überzeugende Idee: Er schreibt Briefe an sein viertes, zunächst noch ungeborenes Kind. In diesen will er der Tochter die Welt zeigen, »wie sie ist und wie sie uns umgibt, die ganze Zeit«.

Dazu gehören zuallererst ganz alltägliche Dinge wie Kaugummis, Münzen, Autos, Ohren, Telefone oder Kanaldeckel. Darüber hat Knausgård Mini-Essays von meist nur rund drei Seiten geschrieben, sie Monaten zugeordnet und in Büchern veröffentlicht, die nach den Jahreszeiten benannt sind. »Im Herbst« und »Im Winter« sind bereits in deutscher Übersetzung erschienen, mit der Publikation von »Im Frühling« und »Im Sommer« im März bzw. Mai wird die Jahreszeiten-Chronik vollständig auf Deutsch vorliegen.

Über so Alltägliches wie Stühle, Zucker oder Zahnbürsten muss man schreiben können, ohne dass es banal klingt. Knausgård gelingt das. Er betrachtet Phänomene auf eine ganz andere Weise - und mit ihm der Leser. Zum Beispiel, wenn er über Stühle schreibt: »Das dem Stuhl eigene Wesen der Alleinherrschaft haben wir so verinnerlicht, dass zwei Erwachsene, die sich einen Stuhl teilen, undenkbar erscheinen, egal, ob sie nebeneinander Platz nehmen oder der eine auf dem Schoß des anderen sitzt.« Der Stuhl habe immer etwas Abweisendes, obwohl er grundsätzlich für jeden offen sei, schreibt der in Schweden lebende Autor und erachtet das als exemplarisch für die ganze Gesellschaft. Überall gebe es zu viele Bewerber für jeden Posten - wie beim Kinderspiel »Reise nach Jerusalem«, wo Stühle bekanntlich eine zentrale Rolle spielen.

Über Thermoskannen schreibt Knausgård, dass sie eine Art Verlängerung des eigenen Heims in der Welt sind, und den Kaffee in ihnen bezeichnet er als »unser demokratischstes und klassenlosestes Getränk«. Man könne die Thermoskanne im Unterschied zum Bratenwender oder Töpfen überall mit hinnehmen, ohne dass die Nase gerümpft wird - mit einer Ausnahme: zum Besuch beim Nachbarn. Dann heiße es: Du bringst doch wohl nicht deinen eigenen Kaffee in unser Wohnzimmer mit?

Besonders herausragend ist sein Text über Tanker, weil er individuelle Erinnerungen mit ökonomisch-politischen Entwicklungen verbindet. Ein Traum führt Knausgård in die Landschaft seiner Kindheit, in die norwegische Hafenstadt Arendal. Früher sah man dort auf Bildern und Fotografien viele Segelschiffe. Sie verschwanden, als sie durch Tanker ersetzt wurden. Doch die sieht man nicht im Hafen liegen, weil sie nur auf dem Papier Reedern in Arendal gehören. Pausenlos sind sie in der Ferne unterwegs - bis zur Ölkrise 1973. Plötzlich ohne Aufträge, kehren sie heim. »Sie brüteten über den Häusern und Felshängen. Sie lagen vollkommen reglos, wie eingekapselt in sich selbst, es gab keine Eingänge zu ihnen ...«

Aber Knausgård schreibt in den beiden bereits erschienenen Büchern nicht nur über Alltagsgegenstände, sondern auch über Otter, Eulen und Dachse oder über Abstraktes wie Einsamkeit, Unordnung und Vergebung. Es ist diese Mischung, die die Lektüre so abwechslungsreich macht. Während man sich noch an seinen Ausführungen über Toilettendeckel erfreut, ist man schon gespannt, worum es im nächsten Mini-Essay geht. Natürlich gefällt nicht jeder Text, manches erscheint als zu abwegig, anderes als zu banal. Sehr reizvoll ist aber, wie Knausgård auch in diesen kleinen Texten Biografisches einfließen lässt. Der Leser fühlt sich nicht selten an seine Hauptwerke »Träumen«, »Sterben« oder »Lieben« erinnert. Er beschreibt Alltagsroutinen in der Küche, Geburtstagsrituale, Ausflüge mit den Kindern, und natürlich geht es auch um seine - inzwischen geschiedene - Frau Linda. Im zweiten Band wird der Leser zudem Zeuge, wie die Tochter geboren wird. Aus den Briefen an eine ungeborene werden Briefe an eine geborene Tochter.

Ohne Zweifel wird Knausgård mit seinem autobiografischen Werk »Min Kamp« im Gedächtnis bleiben, doch seine Jahreszeiten-Chronik hat ihre ganz besonderen Reize. Dazu gehören nicht zuletzt auch die schönen Illustrationen.

Karl Ove Knausgård: Im Winter. Mit Bildern von Lars Lerin, geb., 310 S.; Im Herbst. Mit Bildern von Vanessa Baird, geb., 288 S. Beide aus dem Norwegischen von Paul Berf, beide Luchterhand, je 22 €.

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