Werbung
  • Kultur
  • Deutscher Kleinkunstpreis

Position und Pointe, Kimme und Korn

Marco Tschirpke stänkert stilvoll mit neuen Gedichten, Aphorismen und Geschichten: »Empirisch belegte Brötchen«

  • Von Martin Hatzius
  • Lesedauer: 4 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Dem Irrtum, eine Sache sei erst dann ganz erfasst, wenn ihrer erschöpfenden Beschreibung kein Wort mehr hinzuzufügen ist, begegnet der Dichter Marco Tschirpke mit der entgegengesetzten Strategie: Unter den zeitgenössischen Meistern der komischen Künste ist er derjenige, dem ein Werk erst dann als vollkommen gilt, wenn kein Wort mehr wegzulassen ist. Nehmen wir die »Geschichte der 68er«, die in diesem Jubiläumsjahr von Hunderten Autoren auf Tausenden Seiten ausgebreitet wird. Tschirpke genügen für seinen »kurzen Lehrgang« zwei Zeilen: »Sie wollten die Vereinigung aller Proletarier. Sie erreichten die Mülltrennung.« Wer der Meinung ist, die ganze Sache ließe sich knapper auf den Punkt bringen, ist den Beweis schuldig. Einsendungen nehmen wir schon deshalb gerne entgegen, weil wir nicht damit rechnen.

Daran, dass seine Pointen ihren Preis haben, lässt Tschirpke allerdings keinen Zweifel. Eine Sache will nicht nur umfangreich studiert und tief durchdrungen sein, ehe dieser Dichter seinen Säbel schleift und kurzen Prozess mit ihr macht. Vor allem muss sie zur eigenen ästhetisch-politischen Haltung ins Verhältnis gesetzt werden. Das bei allem blitzgescheiten Witz oft unerbittliche Urteil, das Tschirpke über ungeliebte Moden und Menschen fällt, fußt einerseits auf einem beachtlichen historischen Wissen und profunden Können, andererseits auf einem unumstößlichen Bekenntnis zu den Idealen von Klassik und Aufklärung. Das vermag bei einem 42-Jährigen, der in der Öffentlichkeit als »Musikkabarettist« gehandelt wird, durchaus zu verwundern.

Bei der Vorstellung seines jüngsten Buches am Montagabend im Berliner Pfefferberg-Theater sparte Tschirpke nicht mit Nachweisen seiner unverkennbar an Peter Hacks geschulten Dichtkunst und Denkungsart. Die moderne Lyrik, für den gewieft reimenden Dichter ist sie nichts als »Prosa mit Hang zum Zeilenumbruch«. In der künstlerischen Moderne kann er, der sich fortwährend auf die Antike beruft, wenig mehr erkennen als Symptome des Verfalls. Selbst die Soziologie, deren Begründung mit einer Absage an die Politische Ökonomie einhergegangen sei, hat Tschirpke, sich hier auf Georg Lukács beziehend, zur Feindin erkoren.

Der Titel seines Büchleins, »Empirisch belegte Brötchen«, verweist auf das darin enthaltene Gedicht »Emeritierter Professor«, das zur Veranschaulichung einmal vollständig zitiert sei: »Sie hatte ihn am Wickel,/ Die Soziologie./ Auch wenn er’s nie bemerkt hat:/ Sie ihn. Und nicht: er sie.// Erforschend Kleinigkeiten/ Mit großem Aufwand, stand/ Sein Leben ganz im Zeichen/ Der öffentlichen Hand.// Wenngleich er nichts geleistet,/ Wenngleich er nichts bewegt,/ War’n seine kleinen Brötchen/ Empirisch gut belegt.«

Tschirpkes vergnügliche, gleichwohl nicht selten vernichtende Verachtung trifft die späten Günter-Grass-Gedichte (»eine krude Mischung aus Altherren-Zoten und Vorwürfen an Israel«) ebenso wie die Architektur Mies van der Rohes (»der Godfather of Mehrzweckhalle«), sie zielt auf die Profession des Tagesjournalisten (»der Halbgebildete von Berufs wegen«) nicht minder als auf die kunstlosen Kinderlieder des Rolf Zuckowski (»Der Autor hält insbesondere das Lied ›Kommt, wir woll’n Laterne laufen‹ für justitiabel«). Der zuletzt zitierte Satz ist Tschirpkes Zweizeiler »Ein Satz Maxim Gorkis, um einen Einwand ergänzt« als Fußnote beigegeben. Das Gedicht liest sich so: »Ein Mensch, wie stolz das klingt!/ Es sei denn, Rolf Zuckowski singt.«

So unerbittlich er in seinen Urteilen daherkommt, so nahbar und sympathisch ist Tschirpke in seinem Auftreten. Doch nicht mal die Schwiegermutter, als deren Liebling man sich den jung gebliebenen Mann mit den Strubbelhaaren gern vorstellen mag, kommt ungeschoren davon: »Ich habe auf Blumen geschossen/ Mit scharfer Munition./ Sie sind - ich war nicht ungeschickt -/ Gleich reihenweise umgeknickt:/ Fünf Rosen, zweimal Mohn.// Geschossen hab ich sie für dich./ Der Abzug ging wie Butter./ Nur dies behalte ich für mich: Gezielt hatte ich eigentlich/ Auf meine Schwiegermutter.«

Dass dieser freundliche Dichter, der im Übrigen ein virtuoser Pianist und professioneller Gitarrenspieler ist, tatsächlich einen Menschen ins Visier nimmt, wie er es in seinen bösen Gedichten reihenweise tut, kann man sich so wenig vorstellen, wie man seinen wiederholt geäußerten Ruf nach dem Zensor ernst nehmen möchte. Man ist der Kunst doppelt dankbar: dafür, dass sie Künstler wie Marco Tschirpke hervorbringt - und dafür, dass sie sie davor bewahrt, Politiker zu werden oder Henker.

Marco Tschirpke: Empirisch belegte Brötchen. Gedichte & Geschichten (in überwiegend komischer Manier). Ullstein, 176 S., geb., 12 €.

Mit seinem gleichnamigen literarisch-musikalischen Programm geht Tschirpke im Februar auf Deutschland-Tournee, Termine unter: www.marco-tschirpke.de

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen