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Sag mir, wo du stehst

Die Berliner Alice-Salomon-Hochschule lässt ein Gedicht von Eugen Gomringer übermalen

  • Von Jürgen Amendt
  • Lesedauer: 3 Min.

Nun haben die Narren (pardon: natürlich auch die Närrinnen) von Hellersdorf entschieden: Das Gedicht des Lyrikers Eugen Gomringer (»avenidas y flores«) muss weichen. Die Fassade an der Alice-Salomon-Hochschule (ASH), auf der es seit einigen Jahren prangte, wird übermalt. Dies beschloss am Dienstag der Akademische Senat der Hochschule. Der heute 93-Jährige Schweizer hatte das Gedicht der Berliner Hochschule, die auf die Ausbildung von Erzieherinnen und Sozialpädagoginnen (das männliche Geschlecht und sämtliche anderen Geschlechter sind mit gemeint!) spezialisiert ist, 2011 zum Geschenk gemacht, als er mit dem Poetik-Preis der ASH ausgezeichnet wurde. Ab Herbst dieses Jahres sollen auf der Wand Verszeilen der aktuellen Poetik-Preisträgerin Barbara Köhler zu sehen sein. Auslöser der Entscheidung war der Protest von Angehörigen der Hochschule gegen das Poem Gomringers. Sie bezeichneten die Zeilen »avenidas/ avenidas y flores/ flores/ flores y mujeres/ avenidas/ avenidas y mujeres/ avenidas y flores y mujeres/ y un admirador« - auf Deutsch: »Alleen/ Alleen und Blumen/ Blumen/ Blumen und Frauen/ Alleen/ Alleen und Frauen/ Alleen und Blumen und Frauen/ und ein Bewunderer« als sexistisch und forderten dessen Entfernung. Die Studentenvertretung (AstA) der Alice-Salomon-Hochschule hatte sich dieser Forderung angeschlossen; unterstützt wurde der Antrag auch von Teilen der Leitungsebene.

Es kann dies aber nur die erste Etappe im Kulturkampf sein. Man habe, so stellte die Hochschulleitung in einer öffentlichen Erklärung selbstkritisch fest, bei der Annahme des Geschenkes 2011 einen großen Fehler gemacht, und bitte alle Frauen (nebst ihren zahlreichen Variationen) um Entschuldigung. Das Gedicht Gomringers handele zwar vordergründig von Alleen und Blumen, in Wahrheit aber sei es ein typischer Fall einer »patriarchalen Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren«. Zudem erinnerten die Verse »unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind«. Man danke dem AstA, dass er mit dieser »treffenden Analyse patriarchaler Lyrik-Tradition« den Finger in die Wunde einer auf die »Reproduktion geschlechtsstereotyper Wahrnehmung« fokussierten Kultur gelegt habe.

Die Hochschulleitung versicherte allen Berlinerinnen und Berlinern, dass sie bei der Auswahl der Verszeilen, die künftig an dem Gebäude zu lesen sein werden, »höchste Sorgfalt« walten lassen werde. Der Dichterin Barbara Köhler werde ein paritätisch aus allen Geschlechterschichten der Hochschule besetztes Gremium zur Seite gestellt, das eventuelle Verstöße gegen Richtlinien der geschlechtergerechten Lyrik rechtzeitig feststellen und entsprechend intervenieren werde.

Als mögliches Gedicht, mit dem künftig Studentinnen und Studenten beim Verlassen des U-Bahnhofes beim Zutritt zum Hochschulgelände begrüßt werden sollen, kommt Köhlers Gedicht »Jemand geht« in Betracht: jemand geht & er weiß daß er fortgeht/ jemand geht & sie weiß daß er fortgeht/ jemand weiß daß er fortgeht weil er/ weiß daß sie bleibt & daß jemand fort/ geht weiß sie weil sie bleibt er kann/ nur fortgehn wenn sie bleibt weiß sie/ wenn sie auch geht würde es kein fort/ gehen mehr geben weil es nichts geben/ würde was bleibt aber wie kann er das/ wissen er dreht sich nicht einmal um.

Ob sich der Rat der Närrinnen und Narren in Berlin-Hellersdorf für dieses Gedicht entscheiden wird, ist natürlich nicht sicher. Sicher ist allerdings, dass Barbara Köhler, die 2017 den Alice-Salomon-Preis für Poesie verliehen bekam, bereits im September vergangenen Jahres, als die Hellersdorfer Posse bundesweit für Schlagzeilen sorgte, im feministischen Kampfblatt FAZ erklärte, Gomringers Werk sei ein Geschenk, und die Beschenkten dürften damit tun, was sie wollen.

Auch die Redaktion des »nd« hat eingehend nachgedacht und schlägt, sollte auch Barbara Köhler in Ungnade fallen, für die Neugestaltung der Fassade folgenden Satz vor: »Sag mir, wo du stehst.«

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