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Aus einem Kern

Chinesische Wissenschaftler klonen Affen

  • Von Finn Mayer-Kuckuk, Peking
  • Lesedauer: 4 Min.

Das genetische Kopieren von Menschen ist ein Stück näher gerückt. Chinesischen Forschern ist es erstmals gelungen, Affen zu klonen. »Die technische Barriere ist durchbrochen«, sagte der Neurowissenschaftler Pu Muming, der das Programm überwacht hat. »Die gleiche Methode lässt sich auf den Menschen anwenden.« Derzeit gebe es dazu jedoch keine Pläne und keine Veranlassung. Die zwei mittels der Klontechnik entstandenen Affenbabys seien wohlauf. Zhong Zhong und Hua Hua wurden demnach bereits im Dezember geboren.

Die Experimente fanden in den Laboren des Instituts für Neurowissenschaften der staatlichen Chinesischen Akademie für Naturwissenschaften in Shanghai statt. Das offizielle Ziel lautete, identische Objekte für künftige Tierversuche zu schaffen. Wenn für Tests verwendete Affen genetisch identisch sind, lassen sich individuelle Unterschiede als Grund für verschiedene Reaktionen - etwa auf Medikamente - ausschließen. Gleichwohl haben die Forscher damit einen technischen Durchbruch geschafft, der zugleich ein Tabu bricht.

Das Klonen von Rindern oder Schafen ist inzwischen bereits Routine; Firmen bieten es kommerziell an. Doch Menschenaffen und Menschen unterscheiden sich trotz aller Ähnlichkeit von anderen Säugetieren. Dazu kommen ethische Bedenken: Experimente an Affen sind in westlichen Ländern streng reguliert. Sie finden generell nur noch selten statt. Die nächsten Verwandten der Gattung Mensch genießen hier also einen besonderen Schutz.

China wiederum versucht derzeit mit allen Mitteln, sich einen Vorsprung in der Biotechnik zu verschaffen. Die Namen der beiden geklonten Affen verweisen bereits darauf, dass sie Teil einer nationalen Anstrengung sind: Zhong und Hua ergeben zusammen Zhonghua, das chinesische Wort für China.

Die Universitäten des Landes haben chinesischen Forschern, die im Ausland tätig waren, gute Angebote gemacht, um sie zur Rückkehr zu bewegen. Die Biomedizin ist zudem einer von zehn wissenschaftlichen Bereichen, die als Zukunftstechniken besondere Förderung genießen. Im entsprechenden Fünfjahresplan sind hier erneut Ausgaben in Höhe von rund 400 Millionen Euro vorgesehen. Für die Institute sind neueste Ausrüstung und viel Personal inzwischen selbstverständlich. Als großer Vorteil im Wettlauf um konkrete Anwendungen gilt die weitgehende Freiheit von ethischen Standards. »Die Hemmschwelle ist sehr niedrig, und kaum jemand denkt in der Aufbruchsstimmung an die Folgen«, sagt der kritische Wissenschaftler Haifeng Wang, der für die Privatfirma Shanghai South Gene Technology arbeitet.

Vor allem die Forschung am Affen ist in China deutlich einfacher als in praktisch allen westlichen Ländern. In den Laboren des Landes befinden sich Hunderttausende von Äffchen in Gefangenschaft. Die Neuromedizin vermeldet bereits große Erfolge durch die Forschung am nächsten Verwandten des Menschen: Durch Genmanipulation haben die Wissenschaftler in Makaken eine Variante von Autismus ausgelöst, um den Zusammenhang zwischen Erbinformationen und der Verhaltensvariante zu belegen.

Klonaffen wie Zhong Zhong und Hua Hua sollen ähnlichen Anwendungen dienen. Sie sind aus der genetischen Information von Affen-Föten entstanden, die die Forscher in eine entkernte Eizelle eingesetzt haben. China sieht sich bereits als Vorreiter bei der Nutzung dieser Technik. Die Firma Boyalife in der Hafenstadt Tianjin arbeitet bereits seit zwei Jahren daran, eine »Klonfabrik« zum Laufen zu bringen. Dort sollen jährlich Zehntausende perfekter Rinder in Massenproduktion entstehen. Boyalife brüstet sich auch damit, die Technik zum Klonen von Menschen im Prinzip zu beherrschen.

In der Bevölkerung ist die Offenheit gerade gegenüber der Genomforschung vergleichsweise hoch. Die Chinesen scheinen insbesondere nur wenig Probleme mit dem Gedanken zu haben, diese Forschung auch auf den Menschen auszuweiten. Die Haltung speist sich aus einer Mischung aus Fortschrittsgläubigkeit - und der Überzeugung, dass der Mensch in der Natur nichts Besonderes, sondern nur ein Teil des Ganzen ist.

Forscher warnen jedoch vor erheblichen gesellschaftlichen Folgen. Die neuen Techniken könnten rasend schnell Verbreitung finden, wenn sie auf dem Schwarzmarkt verfügbar würden. Biowissenschaftler Wang verweist darauf, dass immer noch massenhaft Babys abgetrieben werden, weil sie das falsche Geschlecht haben. Gentests haben diese Entwicklung befördert. Nun beflügelt die Idee, genetische Informationen ins Erbgut einzuschleusen, die Fantasie.

In China beherrscht ein gnadenloser Wettbewerb das Leben der Jugend. Nur wer die besten Noten hat und es damit auf die beste Uni schafft, kann auf einen begehrten Elite-Job hoffen. Was, wenn begüterte Eltern ihre Kinder intelligenter, schöner, leistungsfähiger und angepasster aus dem Labor bestellen könnten? Sie würden es für ihre Pflicht halten, ihrem Nachwuchs den vermeintlich besseren Start ins Leben nicht vorzuenthalten. Sobald der Wettlauf um die genetische Aufrüstung losgehe, werde es kein Halten mehr geben, befürchten Experten wie Wang.

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