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  • Kultur
  • Bedingungsloses Grundeinkommen

Geld? Haben wir nicht mehr!

In »Free Lunch Society« geht es ums bedingungslose Grundeinkommen

  • Von Jürgen Kiontke
  • Lesedauer: 3 Min.

»Geld«, sagt Captain Picard vom Raumschiff Enterprise, »das haben wir nicht mehr. Das wurde vor 300 Jahren abgeschafft.« Der Trekkie lebt vom Grundeinkommen. Und das ist auch das Thema des Films »Free Lunch Society«, der mit der Picard-Sequenz beginnt. Aus der Zukunft geht es gleich in die Vergangenheit: Erste Spuren eines voraussetzungslosen Lohnausgleichs lassen sich ab den 1960er Jahren in den USA finden, dem Kernland des Kapitalismus; zu der Zeit, als die ersten »Star Trek«-Staffeln dort im Fernsehen liefen. Einen Modellversuch mit einer sogenannten negativen Einkommensteuer gab es etwa in Alaska. Einen wichtigen Fürsprecher fand sie in Martin Luther King.

Und nicht nur er fand die Idee attraktiv. Der ansonsten nichtsnutzige US-Präsident Nixon ließ in den 1970er Jahren prüfen, ob unter der Zahlung eines bedingungslosen Grundeinkommens die Arbeitseinstellung leiden würde. Ergebnis: Nein, im Gegenteil. Menschen, die vom Zwang des Lohnerwerbs befreit sind, gehen gern arbeiten, ihre Leistungskurve steigt mit der Laune, die sich einstellt, wenn man nicht existenziell bedroht ist. Der Typ, der diese Erkenntnis im Dienste der US-amerikanischen Wirtschaft zutage förderte, ist auch ein alter Bekannter: Donald Rumsfeld. Jener Senator der Republikaner, der sich später um die Golfkriege verdient machte. Und sich seitdem, privaten Kriegsfirmen sei Dank, eines bedingungslosen Salärs erfreuen dürfte. Dass sich Nixon und Rumsfeld mit ihrem Versuch nicht durchsetzen konnten, lag an Kaliforniens Gouverneur, ihrem Parteifreund Ronald Reagan. Der blockierte das Vorhaben und setzte stattdessen die Trickle-down-Ökonomie durch: »Wenn es den Reichen gut geht, geht es allen gut.« Der Neoliberalismus in seiner heutigen Ausprägung als radikaler Marktfundamentalismus war geboren.

Der Film führt einige Beispiele an, warum das Grundeinkommen eine gute Sache ist. Eine aktuelle Testreihe läuft in Finnland: Seit Anfang 2017 werden dort 2000 Frauen und Männern jeden Monat 560 Euro aufs Konto überwiesen - alle Sozialleistungen sind damit erledigt. Schöne Aussichten. Hierzulande stehen dem Grundeinkommen starke Kräfte entgegen, nicht nur aus der Wirtschaft, wo es Fürsprecher wie etwa den Siemens-Chef Joe Kaeser gibt. Tenor: Mit dem Grundeinkommen lässt sich der Verlust der Arbeitsplätze kompensieren, die mit der Digitalisierung wegfallen.

Widerspruch gibt es auch von Gewerkschaften und linken Ökonomen. Was soll daran fair sein, wenn der Milliardär dieselbe Summe ausgezahlt bekommt wie der Mann von der Müllabfuhr, fragt etwa der Armutsforscher Christoph Butterwegge. Mit dem Grundeinkommen hätten die Neoliberalen ihr Hauptziel erreicht: den Sozialstaat aus dem Weg zu räumen und freie Bahn für den entfesselten Markt zu schaffen - siehe Finnland.

Das sagt er allerdings nicht in »Free Lunch Society«. Kritische Stimmen zum Thema fehlen in diesem Jubelfilm. Nicht zu unterschätzen ist dennoch der diskursive Wert des Themas: Der Charakter von Arbeit als Zwangssystem wird durch ein bedingungsloses Grundeinkommen immerhin infrage gestellt. Darüber zu diskutieren, sind wir wahrscheinlich nicht nur uns, sondern auch Captain Picard schuldig, sprich: der Zukunft.

»Free Lunch Society«, A/D 2016.

Regie: Christian Tod, 95 Min.

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