Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Ein Schrat mit Rauschebart

Die diesjährigen «White Nights» des Fantasyfilmfests: «A Beautiful Day» und «The Endless»

  • Von Thomas Blum
  • Lesedauer: 3 Min.

Wenn Sie morgens aufstehen und Ihre erste Tat des Tages darin besteht, erst einmal jemanden umzubringen, dann wissen Sie: Eine ganz neue Welt ist angebrochen.« So fasst in dem Zombie-Apokalypse-Thriller »Les Affamés« (CAN 2017) eine Frau die insgesamt unbefriedigende Gesamtsituation auf der Welt zusammen. In dem nach vielen ähnlichen Vorbildern modellierten Horrorfilm irrt eine Handvoll Überlebender durch die kanadische Wildnis. Bei ihren Verfolgern handelt es sich mal wieder um sehr geräuschempfindliche Zombies: Sobald auch nur ein Zweiglein knackst, auf das man getreten ist, geraten die Untoten, die sonst apathisch herumstehen, wie viele Zombies es gerne tun, in Rage. Nett.

Doch bei den soeben zu Ende gegangenen, alljährlich stattfindenden »White Nights« des Fantasyfilmfests wurden auch ein paar außergewöhnliche und höchst sehenswerte Filmproduktionen gezeigt, die, wenn wir Glück haben, demnächst regulär ins Kino kommen: Eines der gegenwärtig bildästhetisch und -kompositorisch beeindruckendsten Dramen dürfte der Film »A Beautiful Day« (USA 2017) sein (voraussichtlicher Kinostart hierzulande: 26.4.), in dem ein wortkarger und von den eigenen Kindheits- und Kriegserlebnissen gequälter Schrat und Sonderling mit verklebtem Rauschebart und vernarbtem Körper (ganz ausgezeichnet mal wieder: Joaquin Phoenix) durch eine gänzlich von Verbrechen und Gewalt durchtränkte Gesellschaft stapft, dabei nicht unbeträchtliche Mengen Schweiß und Blut auf seiner Kleidung hinterlassend. Eine visuell gelungenere filmische Meditation über die Allgegenwart der Gewalt in der bürgerlichen Gesellschaft dürfte derzeit nicht zu sehen sein. Die Regisseurin, Lynne Ramsay, fiel zuletzt mit ihrem wunderbar verstörenden Kinderhassfilm »We Need To Talk About Kevin« (UK/USA 2011) positiv auf, mit dem sie seinerzeit erfreulicherweise das unausgesprochene Verbot missachtete, in einem Film Kinder und Jugendliche als zutiefst bösartige und empathielose Arschgeigen zu zeigen. (Einem schon einige Jahre älteren Film, dem überaus empfehlenswerten Thriller »Eden Lake« (UK 2008), gelang eben dies auch: eine Clique von Jugendlichen als Monstren zu zeichnen.)

Ein weiteres in den Fantasyfilmfest-White-Nights gezeigtes skurriles Werk ist »The Endless« (USA 2017), ein beunruhigendes Science-Ficton-Mystery-Psychodrama um zwei Brüder, die zu Besuch bei jener auf dem Land lebenden durchgeknallten Sekte weilen, in der sie einst als Kinder aufgewachsen sind, und plötzlich sonderbare Entdeckungen machen: Ist das entspannte Hippie-Sektenleben, an dem sie als Gäste teilhaben, nur eine Fassade, hinter der der nackte Wahnsinn lauert? Hm. Womöglich. Wie ist es etwa zu erklären, dass man sich hier abends beim Lagerfeuer mit einer im Jenseits gelegenen unbekannten und unsichtbaren Macht im Tauziehen messen kann? Und wenn es die Wirklichkeit tatsächlich geben sollte, welche von den diversen wahrzunehmenden ist dann die richtige? Unweigerlich denkt man bei dem mehrfach mit Twists und Spielereien mit der Zeit versehenen Plot von »The Endless« an den Grusel H. P. Lovecrafts und die Parallelweltgeschichten von Philip K. Dick. Hübsch gemacht, der Film, wenn auch etwas arg braunstichig. Vermutlich kommt er auch nicht in deutsche Kinos, die ja bereits mit deutschen Beziehungskomödien von der Stange und albernen, »ans Herz gehenden« französischen Familienklamotten verstopft sind. Welcher Film aber garantiert ins Kino kommt: das exzessiv die 50er-Jahre-Schwarz-Weiß-Filme Jack Arnolds zitierende und auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges spielende Fantasy-Märchen »The Shape Of Water« (Start: 15.2.), dessen ausführliche Rezension Sie in zwei Wochen hier werden lesen können.

Sollten Sie sich im Übrigen fragen, was genau Sie hier eigentlich gerade lesen: Es handelt sich um eine neue Rubrik in dieser Zeitung, eine wöchentliche Kolumne, in der sich alles um den Film und das Kino dreht, um zu Unrecht in der Versenkung verschwundene und wiederzuentdeckende Filme, Filme, die es nicht auf die große Leinwand schaffen und im DVD-Regal enden, Filme, von denen andere nichts wissen wollen, und Filme, die wir gerne hätten und die noch gar nicht existieren.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln