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  • Schlacht um Stalingrad

»Eine eigenartige, ungewöhnliche Stille«

Am 2. Februar 1943 kapitulierten die letzten Einheiten der 6. deutschen Armee in Stalingrad

  • Von Jens Ebert
  • Lesedauer: 8 Min.

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»Jetzt führen wir Kämpfe zur Vernichtung der eingeschlossenen Gruppierungen der Deutschen ... Die Kämpfe waren, besonders am Anfang, schwer und schrecklich, mit vielen Opfern. Natürlich gibt es keinen Krieg ohne Opfer. Und so wundern wir uns, wie wir am Leben blieben ... Die Deutschen hungern. Sie erhalten 100 bis 150 Gramm Brot am Tag und ein paar Löffel Suppe aus dem Fleisch verendeter Pferde ... Aber bisher klammern sie sich noch fest, obwohl das alles für sie nutzlos ist«, schreibt der Rotarmist Sadik an seinen Bruder am 27. Dezember 1942. Und ein Soldat namens Dmitrij verabschiedet sich in düsterer Vorahnung von seinen Eltern: »Diesen Brief werdet Ihr erst nach meinem Tod erhalten. Dies werden die letzten Worte sein, die ich für Euch zu Papier bringe. Ihr werdet mich nie wiedersehen ... Ich bin irgendwie gleichgültig geworden und habe eigentlich keine Angst zu sterben. Es tut mir nur leid um Euch; schade, dass ich Euch damit wehtue. Danke für Eure Fürsorge und Eure Zärtlichkeit. Euch sucht mein letzter Blick.«

Am 31. Dezember 1942 notiert der Wehrmachtsgefreite Bruno Kaliga in seinem Brief nach Hause: »Meine Lieben! Jetzt ist Sylvesterabend und wenn ich an zu Hause denke, dann will mir fast das Herz brechen. Wie ist das alles hier trost- und hoffnungslos. Seit 4 Tagen habe ich schon kein Brot mehr zu essen, und lebe nur von dem Schlag Mittagsuppe ... Hunger, Hunger, Hunger, und dann Läuse und Schmutz. Tag und Nacht werden wir von Fliegern angegriffen, und das Art.Feuer schweigt fast nie. Wenn nicht in absehbarer Zeit ein Wunder geschieht, gehe ich hier zugrunde ... Wann und wie kommt die Erlösung? Ist es der Tod durch eine Bombe oder Granate? Ist es Krankheit und Siechtum? Alle diese Fragen beschäftigen uns unausläßlich. Dazu kommt die ständige Sehnsucht nach zu Hause, und das Heimweh wird zur Krankheit. Wie kann ein Mensch dies bloß alles ertragen!« Josef Kirberich, Obergefreiter der Wehrmacht, lässt die Seinen daheim wissen: »Gestern Abend um 12.00 Uhr hat der Russe Neujahr eingeschossen, etwa eine halbe Stunde lang aus allen Knopflöchern. Das war eine kleine Überraschung ... Langsam kommen wir auf den Hund.« Der letzte Brief des Generals Walther von Seydlitz aus dem Kessel an seine Familie ist vom 17. Januar 1943 datiert: »Der Russe hat weiterhin sehr viel gelernt, das muß man anerkennen.« Auch er schätzt wie die Soldaten die Situation realistisch ein: »Als letzten, allerletzten Gruß kurz vor meinem sicheren Tode ein Stück Gold von dem Kroatenorden. Aus ihm soll jede der 4 Mädels ihren Verlobungsring erhalten! Das Ende ist furchtbar.«

Der General sollte recht behalten. Noch zwei Wochen lang wird in und um Stalingrad gestorben und gelitten, auf beiden Seiten. Dann endlich ist der ersehnte Tag da. »Heute morgen bin ich fassungslos aufgewacht. Stille. Eine eigenartige, ungewöhnliche Stille. Die Stalingrader Front schweigt. Wir haben auf diesen Augenblick gewartet, und trotzdem kommt er unerwartet. Der Feind hat den Widerstand aufgegeben. An unseren Schützengräben vorbei führte man die sich ergebenden deutschen Generäle. Die Soldaten schauen sie finster an, pressen die Fäuste zusammen und können kaum an sich halten«, schreibt die russische Sanitäterin Gorodjezkaja an ihre Eltern am 4. Februar 1943.

Es waren zunächst viele kleine Truppenführer, die nach monatelangem Ausharren kapitulierten. Der Oberbefehlshaber Friedrich Paulus fühlte sich bis zuletzt an Hitlers Befehle gebunden und lehnte trotz der aussichtslosen Lage noch am 8. Januar 1943 die Aufforderung der sowjetischen Seite zur Kapitulation ab, die viele Leben gerettet hätte. Durch Funkspruch aus dem Führerhauptquartier wurde Paulus am 30. Januar zum Generalfeldmarschall befördert. Offenbar wollte Hitler dadurch zusätzlichen Druck auf den Oberbefehlshaber ausüben, unter allen Umständen die Stellung zu halten. Denn bis dahin hatte sich noch kein Generalfeldmarschall der Wehrmacht in Gefangenschaft begeben. Weshalb Paulus nach seiner Gefangennahme dann auch darauf bestand, als »Privatperson« angesehen zu werden.

In den frühen Morgenstunden des 31. Januar 1943 waren Einheiten der Roten Armee in das Kaufhaus »Univermag« eingedrungen, in dessen Keller sich das Hauptquartier der 6. Armee befand. Um 7.35 Uhr setzte die dortige Funkstation ihre letzten zwei Meldungen ab: »Russe steht vor der Tür. Wir bereiten Zerstörung vor.« Und kurz darauf: »Wir zerstören.«

Bis heute ist Stalingrad ein Symbol für deutschen verbrecherischen Größenwahn, der sich schlussendlich auch gegen die eigenen Soldaten, das eigene Volk richtete. Die Mehrheit der rund 250 000 eingekesselten Angehörigen der 6. Armee ist nicht, wie die NS-Propaganda in der Heimat zu suggerieren versuchte, im Kampf gefallen. Sie sind - nicht mehr ausreichend mit Lebensmitteln, Medizin und Ausrüstung versorgt - elendiglich in den Ruinen der von ihnen zerstörten Stadt verreckt. Ihren Untergang, ihre Leiden vertrauten sie erstaunlich offen den Feldpostbriefen an, die gegen Ende der Schlacht jedoch nur noch selten und spärlich aus dem Kessel ausgeflogen wurden. Wer heute etwas Authentisches über die »Schlacht des Jahrhunderts«, wie sie der sowjetische Marschall Wassili Tschuikow nannte, erfahren will, sollte zu solchen privaten Überlieferungen greifen.

Die sich im Februar 1943 in die sowjetische Gefangenschaft begebene 6. Armee zählten lediglich noch 95 000 Mann. Krank, erschöpft und unterernährt überlebten von ihnen die Gefangenschaft wiederum nur etwa 6000. Zu denen, die nicht nach Deutschland zurückkehrten, in der Gefangenschaft starben, gehörten die eingangs zitierten Briefschreiber Bruno Kaliga und Josef Kirberich. Seydlitz hingegen wurde Mitbegründer des Bundes Deutscher Offiziere (BDO) am 11./12. September 1943 im Gefangenenlager Lunjowo bei Moskau, als dessen Präsident er auch das Manifest an das deutsche Volk mittrug, in dem es hieß: »Wir sind durch eine Hölle gegangen. Wir wurden totgesagt und sind zu neuem Leben erstanden. Wir können nicht länger schweigen! ... Verweigert Euch nicht Eurer geschichtlichen Berufung! Fordert den sofortigen Rücktritt Hitlers und seiner Regierung!« Paulus trat dem BDO erst nach dem Stauffenberg-Attentat auf Hitler bei. 1953 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, ging er in die DDR, wo er vier Jahre später in Dresden starb. Seydlitz kehrte mit den letzten zehntausend 1955 in die Bundesrepublik zurück, wo er 1976 in Bremen starb.

Die Schlacht um Stalingrad hat sich wie kein anderes Ereignis des Zweiten Weltkrieges tief in das Bewusstsein der Deutschen und Russen eingebrannt. Sie entfaltete eine besondere psychologische Wirkung. In der allgemeinen Wahrnehmung gilt sie als die Wende des Krieges, auch wenn Militärhistoriker berechtigt anderer Meinung sind: Zum einen markierte bereits die Winterschlacht vor Moskau 1941 das Scheitern der deutschen Blitzkriegsstrategie. Zum anderen bewies die Schlacht im Kursker Bogen im Juli 1943 endgültig die Unterlegenheit der Wehrmacht.

In der deutschen Kriegsplanung hatte Stalingrad ursprünglich keine besonders hervorgehobene Rolle gespielt. Diese erhielt die Stadt erst, als die Schlacht um sie in der deutschen und dann auch in der sowjetischen Propaganda zu einem ideologischen »Endkampf«, gar zu einem Duell zwischen Hitler und Stalin stilisiert wurde. Teilnehmer an mythischen Ereignissen gelten stets als Heroen. Auch den Stalingrad-Kämpfern wurde dieses Zuschreibung zuteil. Die Wehrmachtsoldaten und Rotarmisten, die Monate blutig um die Stadt mit dem Namen Stalins rangen, avancierten zu »Helden«. Ihr »Heldentum« bestand jedoch in einem nackten Überlebenskampf.

Die Mehrheit der deutschen Soldaten in Stalingrad entstammte den Jahrgängen 1916 bis 1922. Manche wurden direkt von der Schulbank weg in die Schlacht geworfen. Diese Generation ist zu vergleichen mit jener des Ersten Weltkriegs, die man die »verlorene« nannte und deren Schicksal Erich Maria Remarque in seinem Anti-Kriegs-Klassiker »Im Westen nichts Neues« treffend beschrieb: »Seit wir hier sind, ist unser früheres Leben abgeschnitten, ohne dass wir etwas dazu getan haben ... Wir waren noch nicht eingewurzelt. Der Krieg hat uns weggeschwemmt. Für die anderen, die Älteren, ist er eine Unterbrechung, sie können über ihn hinaus denken. Wir aber sind von ihm ergriffen worden und wissen nicht, wie das enden soll.« Entwurzelung, Perspektivlosigkeit, die verzweifelte Frage nach dem Sinn des Geschehens verband die blutjungen Männer vor Verdun mit jenen in Stalingrad. In den überlieferten Briefen, Tagebüchern und privaten Mitteilungen findet man denn auch wenig »Heroisches«, vor allem nicht in jenen deutscher Provenienz.

Die NS-Propaganda versuchte mit der Mythisierung der Schlacht, die kriegsmüde deutsche Bevölkerung für den weiteren Kriegseinsatz zu motivieren. Hitler selbst wagte nach Stalingrad jedoch keinen öffentlichen Auftritt. Es war Göring vorbehalten, der Schlacht einen heroischen Untergangsmythos anzudichten. Und noch heute wird in Deutschland in der Regel nur an die Einkesselung der 6. Armee vom November 1942 bis Januar 1943 erinnert. Ausgeblendet bleiben oft die zahllosen sowjetischen Opfer. Die Schlacht um Stalingrad hatte bereits im Sommer 1942 begonnen. Am 23. August 1942 bombardierte die deutsche Luftwaffe die Stadt, zerstörte Wohnhäuser und Infrastruktur. Das Öl zerschossener Großtanks ergoss sich brennend über die Wolga, auf der Zivilisten in kleinen Booten ans andere Ufer fliehen wollten. Bei der deutschen Bombardierung Stalingrads kamen vermutlich mehr Menschen ums Leben als in Dresden im Februar 1945. Rund 80 000 Zivilisten, die nicht mehr rechtzeitig vor den Aggressoren evakuiert werden konnten, hungerten und litten später gemeinsam mit den deutschen Soldaten im Kessel. Die Opfer sowjetischerseits waren wesentlich höher als die deutschen Verluste. Es wird geschätzt, dass eine Million Soldaten und eine unbekannte Zahl von Zivilisten in und um Stalingrad starben.

Ihr definitives Ende fand die 6. Armee mit der Einstellung der Kämpfe im Nordkessel, als sich 21 deutsche sowie zwei rumänische nicht mehr kampffähige, völlig unterversorgte Divisionen samt dem General der Infanterie Karl Strecker am 2. Februar 1943 ergaben. Tags darauf ließ das Oberkommando der Wehrmacht im »Großdeutschen Rundfunk« eine Sondermeldung verlesen, in der erklärt wurde, dass die 6. Armee »unter der vorbildlichen Führung von Paulus bis zum letzten Atemzug« gekämpft habe, aber einer »Übermacht« und »ungünstigen Verhältnissen erlegen« sei. Man verklärte sie noch nachträglich zu einem »Bollwerk« nicht nur des deutschen, sondern europäischen Kampfes gegen den Kommunismus.

Tatsächlich nahm das Ende der Schlacht um Stalingrad das Ende des deutschen Faschismus vorweg. Berlin war im Mai 1945 ebenso stark zerstört wie die Stadt an der Wolga 1943. Mehr noch: Ganz Europa lag in Schutt und Asche.

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