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Ohne Fahnen und Ho-Chi-Minh-Fotos

Durch viele Familien vietnamesischer Einwanderer geht ein emotionaler Riss

Sie gelten als »Streber-Migranten«. Studien aus Brandenburg und Sachsen von 2008 und 2010 sagen, dass knapp drei Viertel der vietnamesischen Schüler die Schule mit dem Abitur beenden. Die Daten wurden bei den nach der Wende geborenen geburtenstarken Jahrgängen der Kinder von DDR-Vertragsarbeitern erhoben. Weil diese in der DDR keine Kinder bekommen durften, holten viele dies Anfang der 1990er Jahre nach.

Längst ist die zweite Generation der Einwanderer aus Fernost an den Universitäten und im Berufsleben angekommen. Vietnamesische Studierende an der Freien Universität erforschen unter Leitung der Ethnologin Birgitt Rottger-Rössler in einem Sonderforschungsbereich die emotionalen und affektiven Dimensionen von Migration und Bildungserfolg. Von »Deutschen mit vietnamesischen Eltern«, heißt die Formulierung, auf die sich Wissenschaftlerin und betroffene Studenten geeinigt haben. Unter diesem Titel lud am vergangenen Mittwoch das Deutsche Theater zu einem Vortrag ein. Ihre Eltern treffen sich gern zu Feiern mit der Landsmannschaft der Vietnamesen aus ihrer Herkunftsprovinz Hai Phong, erzählt eine 25-jährige Studentin, die den Vortrag besucht. »Da wird landestypisches Essen aufgetischt. Im Saal hängen die vietnamesische Fahne und ein Foto von Staatsgründer Ho Chi Minh. Sie sprechen über ihre Kindheit.« Damit könne sie nichts anfangen. »Ich ernähre mich vegetarisch und umgebe mich nicht mit Fahnen und Fotos von Staatsmännern. Ich habe einen deutschen Pass und wähle die SPD«, sagt die Studentin, die in kleinen Orten in Sachsen und später in Hessen aufwuchs und erst zum Studium nach Berlin kam. »Ich genieße die kulturelle Vielfalt in Berlin.«

Eltern und ihre inzwischen erwachsenen Kinder würden sich unterschiedlichen Staaten, Lebenswelten und Wertordnungen zugehörig fühlen, weiß Birgitt Rottger-Rössler. Durch viele Familien ginge ein emotionaler Riss. Ein unterschiedlich großer, wie die Wissenschaftlerin sagt. »Es macht einen Unterschied, ob die Jugendlichen hier geboren und aufgewachsen sind oder ob sie einen Teil ihrer Kindheit noch in Vietnam verlebten und im Zuge des Familiennachzuges nachgeholt wurden.« Im ersten Fall würden die Jugendlichen nicht oder nur wenig Vietnamesisch sprechen. Einfach, weil die Eltern, ehemalige Vertragsarbeiter in der DDR, nach der Wende auf selbstausbeuterische Jobs in der wirtschaftlichen Selbstständigkeit angewiesen waren, um überhaupt ein Bleiberecht zu behalten, und dadurch wenig Zeit hatten, mit den Kindern zu sprechen: Sie verkauften rund um die Uhr asiatische Imbissgerichte, Blumen oder Textilien.

»Die in Vietnam geborenen Kinder hingegen sprechen Vietnamesisch, und sie teilen mit ihren Eltern wichtige Erfahrungen«, so die Professorin. Den Geruch und den Geschmack des Landes, das Wissen um die Achtung, die die Großeltern von ihnen erwarten. Ein Student, der noch in Vietnam aufgewachsen sei, hätte ihr einmal über seine jüngeren, in Deutschland geborenen Geschwister gesagt: »Sie sind deutscher als die Deutschen.«

Die konfuzianische Kultur fordert strikte Unterordnung von Jüngeren unter die Älteren, von Kindern unter Eltern und die in Vietnam lebenden Großeltern. Diesen Erziehungsstil könne man in der Migration jedoch nicht durchhalten, weiß die Professorin. Davon erzählen auch Vietnamesen im Publikum. Weil die Kinder besser Deutsch sprechen und Behördenstrukturen und das Gesundheitssystem hierzulande besser durchschauen als ihre Eltern, sind sie als Übersetzer und Ratgeber für diese unentbehrlich. Diese Abhängigkeit bringe Spannungen in das hierarchische Familiensystem. Viele Jugendliche stehen der strengen Erziehung verbunden mit hohen Anforderungen an die schulischen Leistungen der Kinder kritisch gegenüber.

Die Forscher haben aber die Erfahrung gemacht, dass das bei jungen Erwachsenen schon wieder ganz anders aussehen kann. Birgitt Rottger-Rössler: »Im Alter von vielleicht 20 Jahren gibt es oft den Wunsch, mal längere Zeit ohne die Familie in Vietnam zu leben, eigene Erfahrungen dort zu machen und die Sprache zu lernen.« Das schaffe viel Verständnis füreinander. Ganz am Anfang sei die Forschung allerdings bei den Familienstrukturen der erst in jüngster Zeit gekommenen Einwanderer aus Vietnam. Dies seien sehr oft alleinerziehende Frauen mit noch kleinen Kindern, die zeitweise in der Illegalität und in prekären sozialen Situationen gelebt haben.

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