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Kims Propagandasieg

Nordkorea-Forscher Rüdiger Frank über den geopolitischen Wandel in Ostasien

  • Von Alexander Isele
  • Lesedauer: 5 Min.

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Kim Jong Un schickt 22 Sportler und Zuschauer zu den Olympischen Spielen. Nach all der Eskalationsrhetorik im vergangenen Jahr, wie steht es um den innerkoreanischen Dialog?

Beide Seiten misstrauen einander, sind aber aus nationalistischen Gründen und wegen der Staatsräson am Kontakt interessiert. Nordkorea ist besorgt, dass zu viel Annäherung das System untergräbt, und auch Südkorea wappnet sich gegen Versuche der ideologischen Unterwanderung. Andererseits wünscht sich Nordkorea gerade angesichts der geltenden Sanktionen Wirtschaftshilfen und bemüht sich, einen Keil in die Allianz Südkoreas mit den USA zu treiben. Die Regierung in Seoul wehrt sich nach Kräften, muss aber auch den Eindruck von Gesprächsbereitschaft und Offenheit erwecken. Der Dialog hat also eher etwas von einem diplomatischen Ringkampf.

Im Jahr 2000 ließ sich der damalige nordkoreanische Machthaber Kim Jong Il ein Treffen mit Präsident Kim Dae Jung mit 500 Millionen Dollar bezahlen. Was bekommt Kim Jong Un für die Teilnahme des Nordens an den Olympischen Winterspielen?

Es wäre der südkoreanischen Regierung zu wünschen, dass sie den Fehler nicht wiederholt. Zahlungen sind aus humanitären und strategischen Gründen nicht per se falsch, aber sie sollten transparent sein. Derzeit ist nichts über solche Geldflüsse bekannt, was nicht heißt, dass es sie nicht gibt. Klar ist aber bereits, dass Kim Jong Un einen enormen Propagandasieg einfahren konnte. Er hat mit dem Finger geschnippt, und Seoul ist gesprungen. Jetzt kann er eine über 100 Personen starke Künstlertruppe nach Südkorea schicken, die dort am 16. Februar in aller Öffentlichkeit womöglich noch dem verstorbenen Führer Kim Jong Il ein Geburtstagsständchen spielen wird. Da droht ein Eklat.

Ist das gemeinsame Olympiateam ein Schritt Richtung Wiedervereinigung? Wäre die ökonomisch überhaupt möglich?

Das gemeinsame Olympiateam sollte man nicht überbewerten. Eine Wiedervereinigung ist aber selbstverständlich denkbar. Sie wird einen Preis haben, ökonomisch und politisch, und sie erscheint derzeit nicht sehr realistisch, aber unmöglich ist sie nicht.

In Südkorea hofft Moon Jae In auf eine Annäherung an den Norden. Trumps »Amerika first« düpiert auch Verbündete wie Japan und Südkorea. Xi Jinping will Chinas internationalen Einfluss ausbauen. Steht die Region Nordostasien vor einer geopolitischen Neuordnung?

Sie ist schon mittendrin. Südkoreas wirtschaftliche und politische Abhängigkeit von China wächst seit Jahren, während die Bedeutung der USA abnimmt. Das betrifft den Handel, die Ströme von Finanzen und Investitionen, aber auch von Technologie und nicht zuletzt von Menschen. Es kommt der Punkt, wo Südkorea gezwungenermaßen seine Allianz wird anpassen müssen. Trump könnte sich als Katalysator eines solchen Prozesses herausstellen, die alleinige Schuld daran hat er allerdings nicht.

Die USA und Südkorea setzen ihr Frühjahrsmanöver bis nach den Paralympischen Spielen aus. Droht der Konflikt dann wieder zu eskalieren?

Davon ist auszugehen. Kim Jong Un hat das sehr geschickt gemacht; er rückt gleich mit einem ganzen Bündel von Olivenzweigen an. Wenn er das bis zum Ende der Spiele durchhält und friedlich bleibt, kann er die Amerikaner mit Leichtigkeit als böse Partysprenger hinstellen, wenn diese im April die Militärmanöver wieder aufnehmen.

Nordkoreas Machthaber fordert einen Friedensvertrag mit den USA als Gegenleistung für die Aufgabe des eigenen Nuklearprogramms. Wieso ist es noch nicht zu einer Übereinkunft gekommen?

Weil Kim aus guten Gründen sein Nuklearprogramm nicht aufgeben wird, und weil die USA aus ebenso nachvollziehbaren Gründen mit nichts weniger zufrieden wären. Ich sehe erst eine Lösung, wenn Nordkorea wirklich an die Abschreckungswirkung der eigenen Waffen glaubt, und wenn die USA bereit sind, sich mit einem Einfrieren des nordkoreanischen Atomprogramms auf einem hohen Niveau zufrieden zu geben. Danach sieht es derzeit aber nicht aus.

Kim Jong Un hat Donald Trump bescheinigt, keine Ahnung von Diplomatie zu haben. Sind Diplomatie, Waffentests und Provokationen für den Machthaber nur ein Spiel? Oder sind die Drohungen ernst gemeint?

Es ist angesichts des Medienkrieges schwer zu sagen, wer was wirklich vorhat, zumal Kim wegen seiner Herkunft und Trump wegen seiner Persönlichkeit sehr spezielle Fälle sind. Ich habe im Lauf der Jahre übrigens die Beobachtung gemacht, dass die Nordkoreaner überraschend oft genau das meinen, was sie sagen. Darum ist genaues Lesen sinnvoll. Wenn zum Beispiel von einem »Präventivschlag« gegen die USA die Rede war, dann immer als »Reaktion« auf einen Angriff. Das ist dann natürlich kein Präventivschlag im Wortsinne mehr, aber Papier ist bekanntlich geduldig.

Die UN Resolution 195 erklärte 1948 Südkorea als einzig rechtmäßige Regierung auf der Halbinsel. Hat diese Entscheidung bis heute Auswirkungen auf die Politik Nordkoreas?

Nein. Nordkorea ist Mitglied der UNO, und viele Länder einschließlich Deutschlands haben diplomatische Beziehungen mit Pjöngjang. Bedeutsamer ist, dass nur Nordkorea, China und die USA das Waffenstillstandsabkommen von 1953 unterzeichnet haben, Südkorea aber nicht. Das kann noch Probleme bringen.

Nordkorea hatte jahrelang wirtschaftliche Beziehungen zu China, die nun durch die Sanktionen eingeschränkt werden. Stimmt es überhaupt, dass Nordkorea »isoliert« und »abgeschirmt« ist? Wie sehr treffen die Sanktionen?

Die Sanktionen treffen das Land hart. Sie bestehen allerdings schon seit den 1950er Jahren. Daneben hat sich Nordkorea seit den 1960ern auch von »Freunden« bewusst selbst isoliert, um die Abhängigkeit von ständig wechselnden externen Partnern zu minimieren. Begriffe wie »isoliert« und »abgeschirmt« treffen also in einem hohen Maße zu. Gerade bei Tagträumen zu einer nordkoreanischen Version des Iran-Deals sollte man berücksichtigen, dass das Land aufgrund dieser Erfahrung besser als alle anderen mit einer Einschränkung seiner Außenwirtschaftsbeziehungen umgehen kann. Dabei hilft es, dass Nordkorea sehr rohstoffreich ist. Außer Erdöl müssen die fast nichts importieren. Die Landwirtschaft ist auf einem niedrigen Niveau autark, wenngleich das einen ineffizienten Einsatz von Ressourcen bedeutet und eine große Störanfälligkeit besteht, zum Beispiel bei Naturkatastrophen.

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