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Karibisches London

Samuel Selvon

  • Von Manfred Loimeier
  • Lesedauer: 2 Min.

Es gibt viele Gründe, den nach sechzig Jahren nun auch auf Deutsch erschienenen Roman »Die Taugenichtse« von Samuel Selvon aus Trinidad zu lesen. Einer davon liegt in der Übersetzung von Miriam Mandelkow. Die 1963 in Amsterdam geborene Wortkünstlerin, die bereits Autoren wie Edward Said, NoViolet Bulawayo oder Ta-Nehisi Coates ins Deutsche brachte und dabei linguistische wie interkulturelle Sensibilität bewies, meistert auch dieses Sprachkunstwerk von Selvon. Dessen Kunstsprache aus karibischem und Londoner Englisch ist ein weiterer Grund, dieses Buch zu lesen, das mit seinem Erscheinen 1956 die anglophone Literatur grundlegend veränderte.

»Die Taugenichste«, im Originaltitel besser »The Lonely Londoners«, handelt von den ersten Einwanderern aus Trinidad, Barbados oder Jamaika, die nach dem Zweiten Weltkrieg als billige Arbeitskräfte nach Großbritannien kamen. Selvon schildert ihren oft einsamen Alltag aus Jobsuche, Arbeitsamt und Sozialhilfe, aus Knochenarbeit, Barbesuchen und Versuchen, sich mit englischen Mädchen abzulenken. Das Ganze serviert der Schriftsteller nicht etwa mitleidsvoll larmoyant - wobei seinem Text aufgrund der Migrationsthematik höchste Aktualität zukommt -, sondern melancholisch und mit Liebe zum Londoner Sommer.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Moses, dessen Name darauf verweist, dass er als einer der ersten aus Trinidad in Großbritannien eintraf und nun von den Nachzüglern als Anlaufstelle genutzt wird. So kommen der faule Cap, der stolze Henry, der gutmütige Tolroy und der eitle Harris nach und formen das Panorama eines kulturellen Wandels, der heute für Weltoffenheit steht.

Während sich die erzählte Zeit über mehrere Jahre erstreckt, hat Selvon die Handlung einem Jahreszeitenverlauf untergeordnet: Im Frühjahr trudeln die Neuankömmlinge ein, im Sommer genießen sie in den Londoners Parks die lauen Nächte und stillen den Hunger liberaler Britinnen nach exotischen Lustobjekten, im Herbst kommt das Heimweh und im Winter folgt - mit den Ersparnissen aus der schweren Arbeit - die Rückkehr in die Heimatländer der Karibik.

Diese Handlungskomposition sowie Selvons Kunstsprache und sein plaudernder Erzählstil haben seinen Roman »Die Taugenichtse« zu einem Markstein der englischsprachigen Prosa gemacht. Dazu passt, dass der Autor ganz zum Schluss seines Buchs sein Schreiben selbst zum Gegenstand macht und in Bezug setzt zu Romanen, die insbesondere in Frankreich über das Schicksal der aus den (früheren) Kolonien in die europäischen Metropolen Eingewanderten berichteten. So ist das Buch »Die Taugenichtse« in vielerlei Hinsicht maßgeblich - dem Verlag gebührt höchstes Lob, diesen Klassiker auf Deutsch zugänglich gemacht zu haben.

Samuel Selvon. Die Taugenichtse. Roman. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow. Deutscher Taschenbuchverlag, 173 S., geb., 18 €.

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