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Im Maschinenraum des Fußballs

Christoph Ruf zum skandalösen Urteil des Nordostdeutschen Fußballverbandes gegen den SV Babelsberg 03

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

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Es gab am vergangenen Wochenende wieder allerlei Fußballspiele, die Menschenmassen in die Stadien und vor die Bildschirme zogen. Sie fanden allesamt in der ersten Liga statt, wo ein Stadion zuweilen schon als gähnend leer gilt, wenn zehn Prozent aller Plätze frei bleiben. Es sei denn, es steht in Wolfsburg, wo es am Sonnabend sehr viele leere Sitze zu sehen gab. Aber auch in Wolfsburg war die übliche Armada an Kameras und Journalisten vor Ort, es gibt in der ersten Liga eben keinen noch so unbedeutenden Randaspekt der 90 Minuten, der nicht dokumentiert, diskutiert und interpretiert würde. Ein hysterisches Grundrauschen ist der Soundtrack im Bundesligazirkus.

Dabei fand das Spiel mit einer tatsächlichen und nicht bloß herbeigeschriebenen gesellschaftlichen Relevanz am Wochenende in der vierten Liga statt. Genauer gesagt in der Regionalliga Nordost, wo der Potsdamer Verein SV Babelsberg 03 auf Chemie Leipzig traf. Babelsberg gewann mit 4:0, doch das ist eine Randnotiz. Wichtiger ist, dass die Partie die letzte gewesen sein könnte, die die wackeren Babelsberger in der Regionalliga spielen werden. Sie haben eine Frist verstreichen lassen, innerhalb derer sie 7000 Euro an den Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV) hätten zahlen müssen. Und sie haben das aus gutem Grund getan. Doch nun droht ihnen der Lizenzentzug.

Der NOFV, das muss man dazu sagen, ist der Maschinenraum im schweren Tanker DFB. Ein Maschinenraum, der vor einigen Jahrzehnten abgeschlossen wurde und in dem man weitgehend ohne Licht und Sauerstoff auszukommen scheint. Was sich oberhalb der Wasseroberfläche in den letzten Jahren getan hat, bekommt man dort nicht mit. Man hält halt irgendwie die Maschinen am Laufen. Das Wort »Funktionär« kommt eben auch von »funktionieren«. Und wenn das mit dem Sauerstoff ein wenig prekär wird, dann lassen manche vitale Funktionen eben nach. Man hört dann auch nur noch die Hälfte. »Nazi-Schweine raus« zum Beispiel. Nazi-Slogans aber nicht. Und das mit den emporgereckten rechten Armen kann ja auch alles Mögliche bedeuten.

Der Reihe nach: Am 28. April 2017 zeigten Cottbusser Fans beim Brandenburg-Derby mehrfach den Hitler-Gruß und skandierten den an die Inschrift am Eingang des Stammlagers von Auschwitz angelehnten Slogan »Arbeit macht frei, Babelsberg 03« - bestens dokumentiert im Übrigen durch Fotos, Filmmitschnitte und Internet-Posts, die außerhalb des Maschinenraums entstanden. Dennoch konnte der vom NOFV eingesetzte Richter nichts hören oder sehen. Erst nachdem der Deutsche Fußball-Bund in Frankfurt am Main politischen Druck ausübte, hörte der gleiche Richter dann doch, was nicht zu überhören war. Aus formalen Gründen - Doppelbestrafungen in derselben Sache nach einem bereits erfolgten Urteil gehen in einem Rechtsstaat nicht - musste Cottbus dafür aber nichts bezahlen.

Bei der Strafe für Babelsberg blieb es allerdings, sie müssen sogar für einen Pyrotechnikvorfall mehr blechen als Cottbus für insgesamt drei Vergehen. Das empört den Babelsberger Präsidenten Archibald Horlitz fast so sehr wie die Tatsache, dass in der Urteilsbegründung immer noch steht, dass ein rothaariger Punk »Nazischweine raus« in Richtung Gästekurve gerufen habe. Völlig zurecht, wie man hinzufügen würde, wenn man mental nicht irgendwo in den 80ern stecken geblieben wäre. Horlitz ist das nicht, und deswegen sieht er nicht ein, warum er eine Geldstrafe bezahlen soll, wenn in der Urteilsbegründung ein Ruf steht, den man in einer Demokratie ganz einfach aus dem Grund nicht bestraft, weil er im Gegensatz zu Hitler-Gruß und Deportationswünschen den Geist des Grundgesetzes artikuliert. Vielleicht sollte man davon mal ein Exemplar unter der Tür des Maschinenraums durchschieben.

Umso erfreulicher, dass bei Babelsberg ein paar helle Menschen das Sagen haben. Horlitz zum Beispiel, aber auch Trainer Almedin Civa, der am Freitagabend in der Pressekonferenz spontan alles Wesentliche gesagt hat, was es zum NOFV zu sagen gäbe: Die Parolen im Cottbusser Block seien »eine Beleidigung der Geschichte und der Menschen, die damals gestorben sind«. Und er schob mit Blick auf den NOFV, der all dies nicht mitbekommen haben will, nach, es sei ihm »peinlich, etwas mit diesen Menschen zu tun haben zu müssen«. Harte Worte für den Verband, der diesmal froh sein dürfte, dass er vom Leben an der Oberfläche nichts mitbekommt.

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