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Schweden probt den 6-Stunden-Tag

Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich: Warum auch Unternehmenschefs davon angetan sind

  • Von Bengt Arvidsson, Stockholm
  • Lesedauer: 4 Min.

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Während gewerkschaftliche Forderungen nach Lohnerhöhungen gesellschaftlich relativ akzeptiert sind, werden deutliche Arbeitszeitverkürzungen bei vollem Lohn von manchen noch immer misstrauisch betrachtet. Das Bild von »Bezahlung fürs Nichtstun« kommt auf. Vielerorts in Schweden wurde und wird seit geraumer Zeit die Reduzierung der Arbeitszeit von acht auf sechs Stunden bei vollem Lohn getestet. Während Linke von einer gerechteren Verteilung der Gewinne sprechen, führen bürgerliche Kräfte an, dass es viel zu teuer ist und die Konkurrenzfähigkeit beschädigt. Letzteres kann, muss aber nicht der Fall sein, zeigen die Beispiele mehreren Branchen in Schweden.

Eine Toyota-Werkstatt in Göteborg hat schon vor gut 14 Jahren den Sechsstundentag zum gleichen Lohn eingeführt, weil die Nachfrage nicht mehr ohne lange Wartezeiten zu bewältigen war. Es gibt seitdem zwei Schichten. Eine von 6 Uhr bis 12 Uhr, die zweite von 12 bis 18 Uhr. Die Werkstatt konnte so ihre Öffnungszeiten von acht auf zwölf Stunden erhöhen. Die Werkstatt auszubauen und mehr Leute gleichzeitig acht Stunden lang arbeiten zu lassen, wäre viel teurer gewesen und man hätte schlechter auf die zeitlich schwankende Auslastung reagieren können, sagt Werkstattchef Martin Banck. »Die Arbeit ist sehr schwer, und wir wussten, dass unsere Leute ohnehin nicht mehr als sechs Stunden effektiv arbeiten«, sagt Banck der Zeitung »Göteborgs-Posten«. Studien hätten ergeben, dass dies auch in anderen Branchen der Fall sei. Der Gewinn der Werkstatt sei trotz Mehrkosten im ersten Jahr um 25 Prozent angestiegen, die Krankschreibungen seien deutlich gesunken, so Banck.

Auch die Werbeagentur »Till Oss« in Visby hat den Sechsstundentag 2016 eingeführt. »Als ich 1998 anfing, gab es mehr natürliche Pausen. Alleine den Computer anzuschalten, dauerte fünf Minuten. Nun passiert alles blitzschnell mit neuer Technologie. Die natürlichen Pausen sind verschwunden. Gleichzeitig bekommen die Kunden viel mehr Leistung pro berechneter Arbeitsstunde als noch vor zwölf Jahren«, sagt Agenturchefin Julia Brendelin der Zeitung VA. Mehr als sechs Stunden könne man ohnehin nicht »frisch im Kopf bleiben«. Das erste Geschäftsquartal nach der Einführung war das »beste überhaupt«, sagt sie. »Wir haben die Arbeitsweise verändert. Das kollektive Bewusstsein und die Konzentration haben sich gesteigert, Meetings wurden reduziert«, sagt sie. Ihre Mitarbeiter machen nun mehr Sport, seien fitter und effektiver.

Im staatlichen und halbstaatlichen Sektor hat vor allem die Stadt Göteborg den Sechsstundentag getestet. Auch in Schweden steht die Qualität in der Pflegebranche in der Kritik, die Arbeit gilt als sehr hart. Die rund 60 Pflegekräfte eines Göteborger Altenheims durften auch deshalb von 2015 bis 2017 sechs statt acht Stunden bei vollem Lohn arbeiten. 14 neue Kräfte wurden eingestellt. Die Mehrkosten lagen bei zehn Millionen Kronen (eine Million Euro).

»Die Arbeitsverhältnisse verbesserten sich laut Studie deutlich, das Personal hatte mehr Energie, Krankenstände wurden niedriger, die Alten wurden viel besser betreut«, sagt der Göteborger Vizebürgermeister Daniel Bernmar von der Linkspartei dem »nd«. Bürgerliche Stadtpolitiker werfen ihm vor, das sei alles zu teuer. »Die Hälfte der zusätzlichen Kosten verschwinden, wenn man Kostensenkungen an anderer öffentlicher Stelle mitrechnet. Arbeitslosen- und Sozialhilfe etwa, weil zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden. Auch der Krankenstand sinkt, und weniger Überstunden müssen bezahlt werde«, entgegnet Bernmar seinen Kritikern.

Bei dieser Berechnung seien nicht mal indirekte volkswirtschaftliche Vorteile einbezogen, betont er. So seien Arbeitnehmer, die sechs Stunden arbeiten, gesünder und könnten später in Rente gehen. Auch wird es einfacher, Fachkräfte zu finden. Und mehr Personen würden sich in bislang wenig populären Berufen ausbilden lassen. Indirekte Kosteneinsparungen könnten den jeweiligen Arbeitgebern zugutekommen - etwa durch niedrigere Abgaben. »Zudem ist ja bekannt: Je weniger wir arbeiten, desto effektiver arbeiten wir«, so der Vizebürgermeister. Seine Stadt hat in diesem Frühjahr zwei neue Projekte gestartet. In einem Sozialamt und in einer Göteborger Vorschule wurde die Arbeitszeit reduziert. Auch mehrere Krankenhäuser im Land haben in einzelnen Abteilungen den Sechsstundentag eingeführt.

»Davon, dass Arbeitszeitverkürzungen den Arbeitgeber mehr kosten, kommt man in den meisten Fällen nicht weg«, räumt Bernmar ein. Eine Arbeitszeitverkürzung auf sechs Stunden sei gleichzusetzen mit einer Lohnerhöhung um rund 25 Prozent. »Letztlich handelt es sich um eine uralte Wertefrage. Wie viel vom Firmengewinn soll den Eigentümern zufallen und wie viel den Arbeitnehmern?« Aus einer historischen Perspektive sei es eigentlich selbstverständlich, dass es Zeit sei, die Arbeitszeit um zwei Stunden zu verkürzen, so Bernmar. »Wir sind heute viel reicher als früher, die Produktivität hat sich radikal erhöht und auch die Löhne sind zumindest etwas gestiegen. Aber wir arbeiten noch immer genauso viel wie früher. Das ist nicht nachvollziehbar.«

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