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Jetzt wäre ein ökonomischer Antifaschismus gefragt

Für Roberto De Lapuente wurde die Nazi-Herrschaft in den vergangenen Jahre immer mehr zu einem Unfall der Geschichte umgedeutet

  • Von Roberto De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.
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Tor des früheren Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im polnischen Oswiecim
Tor des früheren Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im polnischen Oswiecim

Anfang des Jahres wird in der Bundesrepublik den Opfern des Faschismus gedacht. Im Fernsehen spricht man dann über Rassismus oder Antisemitismus – und Zeitungen erinnern an damals und lassen letzte Zeitzeugen berichten oder mahnen. Selbst der Bundestag hält eine Gedenkstunde ab, bei der die AfD dieses Jahr übrigens natürlich keinen warmen Applaus absonderte. Bei Anne Will diskutierte neulich zum Beispiel Esther Bejarano, die Auschwitz überlebte, und im »Spiegel« richtete eine andere Überlebende, Gertrude Pressburger, einen ernsten Appell an die Leser. Die Erinnerung wachhalten, gerade jetzt, wo das Land nach rechts rückt und die Zeitzeugen langsam aber sicher aussterben: Das ist zweifellos ein wichtiges Anliegen.

Dieses Wachhalten der Erinnerung, das ist die große Verantwortung, der sich die deutsche Öffentlichkeit in den vergangenen Jahrzehnten ja durchaus angenommen hat. Selbst die Konservativen sind auf diese staatstragende Weise … nun ja, nennen wir es: antifaschistisch. Natürlich auch, weil dieser staatlich geförderte Antifaschismus eine nicht zu unterschätzende Angelegenheit ist, um sein Image zu wienern und als aufgeklärter Zeitgenosse eingestuft zu werden. Besonders jetzt, wo dem Konservatismus im Lande ein ultrarechter Flügel gewachsen ist. Das offizielle Holocaust-Andenken ist so eine Art Distinktion der Neocons: Wenn sie da beseelt bei der Sache sind und eine ernste und gravitätische Miene aufsetzen, sehen sie prompt weltoffener aus als all die Gauleiter da draußen.

Doch dieser offizielle Antifaschismus ist eine wohlfeile Sache. Er kostet nichts und so bleibt es recht billig, an das Vernichtungstreiben der Nazis zu erinnern. Diese zwölf Jahre unter Hitler werden so im Laufe der vergangenen Jahre immer mehr zu einem Unfall der Geschichte modifiziert. Zu einem plötzlich eingetretenen Szenario, das keiner erahnen oder vorhersehen konnte. Zu etwas dem deutschen Gemüt im eigentlichen Kern wesensfremden. Zu einer Erinnerung, die eben das ist: Ein Spot aus der Vergangenheit - aus und vorbei. Und unwiederholbar.

Und wie könnte man daran rütteln. Geschichte wiederholt sich nicht. Nicht eins zu eins. Was aber an der fast rituellen Auslegung des Gedenkens auffällt: Sie kommt als Imperativ daher. Natürlich handelt es sich um eine moralische Thematik. Aber wenn die Erinnernden nur von den heutigen Zeitgenossen fordern, sie sollten offener sein, Verständnis haben, dem Rassismus, dem Antisemitismus und dem Hass abzuschwören, dann ist das zwar eine edle Aufforderung, substanziell ist eine solche reine Ethik hingegen nicht. Falls wir etwaige Ähnlichkeiten mit damals verhindern wollen, reicht nicht der Appell an hehres Benehmen.

Sonntagsreden halten an den Werktagen nicht lange her. Und an den Werktagen grassieren nun mal die ganzen Verwerfungen des neoliberalen Konzepts: Stagnierende Löhne, Arbeitslosigkeit, Befristungen und Abstiegsangst. Die soziale Partizipation wurde arg beschnitten, die Gesellschaft fahrlässig ihrer eigenen Zersetzung überlassen. Viele Menschen haben ganz richtig das Gefühl, dass vom erwirtschafteten Wohlstand kaum oder gar nichts bei ihnen ankommt. Und das, während gleichzeitig die Politik sich selbst ein gutes Zeugnis ausstellt, für dieses Land, in dem alle gut und gerne leben.

Der offizielle Antifaschismus ist tatsächlich kostengünstig zu haben. Richtiger kostete Geld. Er käme, gerade in diesem Augenblick der Geschichte, als ökonomischer Antifaschismus besser in die Gänge. Wenn wir dieser Tage gedenken wollen, sollten wir den Schwerpunkt von den Vernichtungslagern hin zu jenen Tagen lotsen, da die Nazis Fuß fassten in der Weimarer Republik. Zu Brüning und dessen Sparpolitik, zur damaligen Beschäftigung der Politik mit sich selbst und der Verwahrlosung ganzer Bezirke, die nicht am kleinen Aufschwung der goldenen Weimarer Jahre beteiligt waren.

An der Stelle fing es mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten an. Hier begann Hitler als Führer aller Deutschen; hier ist der Anfang vom Krieg und Vernichtung zu suchen. Sofern man das Augenmerk des Mainstream-Antifaschismus auf diese Zeitspanne lenkte, müsste man über eine Sache dringend sprechen: über die Verteilungsfrage, die soziale Gerechtigkeit und über Geld. Guter Antifaschismus kostet etwas. Keine Überwindung etwa, keine Imperative: Er kostet Ausgleichszahlungen, allgemeinverträgliche Steuerbeiträge, Lohnerhöhungen und gute Sozialgesetzgebung. Es stimmt, nicht alles was etwas kostet, muss nur deshalb besser sein. Aber in dieser Angelegenheit täuscht diese Lebensweisheit.

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