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Die Chance nach dem großen Absturz nutzen

Baden-Württemberg: Mitarbeiter des Präventionsprogramms »HaLT« bereiten sich auf Fastnachtseinsätze vor

  • Von Sebastian Stoll, Lörrach
  • Lesedauer: 4 Min.

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Katja Kiefer fährt ins Krankenhaus, sobald der Jugendliche nach dem Alkoholrausch wieder ansprechbar ist. Das ist der richtige Moment, sagt die Pädagogin, denn je frischer der Eindruck, desto größer ist die Scham des jungen Menschen - und damit auch die Bereitschaft, sich mit dem auseinanderzusetzen, was geschehen ist. Dann redet sie mit dem Patienten über die Stunden vor dem Bewusstseinsverlust. Zur Fastnacht dürfte Kiefer wieder gefordert sein.

Die meisten Saufgelage verlaufen ähnlich: Jugendliche treffen sich zu einer Geburtstagsparty, eine Flasche Wodka geht reihum, vielleicht ist er oder sie etwas schüchtern und will locker werden - und trinkt und trinkt und trinkt, bis zum Kontrollverlust. Wenn der junge Mensch dann schließlich regungslos auf dem Boden liegt, muss ein Rettungswagen gerufen werden.

Katja Kiefer ist Mitarbeiterin des Präventionsprogramms »HaLT - Hart am LimiT«, das im Jahr 2002 im südbadischen Lörrach von der Schöpflin Stiftung gegründet wurde. Begleitet werden in dem Programm mittlerweile jedes Jahr an 160 Standorten in 14 Bundesländern rund 3000 Jugendliche und ihre Eltern. Dann nämlich, wenn ein Jugendlicher einen Alkoholabsturz gehabt hat. »Wir halten keine Moralpredigt. Wir zeigen Interesse und hören zu«, sagt die Pädagogin. Damit sich der Absturz nicht wiederholt.

Die erste Frage, die Kiefer einem Patienten stellt, ist, wie es seiner Meinung nach so weit kommen konnte. Er berichtet, wie er an den Alkohol gekommen ist, wer alles dabei war, ob aus Gläsern getrunken wurde oder gleich aus der Flasche.

Meist wird es sehr schnell unangenehm, denn früher oder später ist der Punkt erreicht, an dem sich der Jugendliche nicht mehr an den Fortgang der Ereignisse erinnern kann. »Dann stelle ich die Frage: Was willst du denn dafür tun, dass das nicht mehr passiert?«

Gemeinsam entwerfen die beiden dann einen Plan. Kiefer gibt dazu Hinweise - etwa dass es ratsam sei, nicht mehr als zwei oder drei Getränke pro Party zu trinken oder nur eines in der Stunde. Denn es geht nicht darum, Alkohol zu verbieten, sondern einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Alkohol zu erarbeiten.

Auch die Eltern werden einbezogen. Im Gespräch mit ihnen wird gefragt, welche Rolle Alkohol zu Hause spielt oder welche Regeln es im Zusammenleben gibt. Ob sie im Beisein ihrer Kinder trinken. »Aber ich bin dabei sehr vorsichtig. Ich will niemanden in eine Verteidigungshaltung drängen.« Es folgen im Abstand von mehreren Wochen noch zwei bis drei weitere Gespräche, in denen der Maßnahmeplan verfeinert und überprüft wird.

Ob und wie sehr solche Programme beim Kampf gegen Rauschtrinken helfen, das lässt sich nur sehr schwer messen, sagt Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) in Hamm. »Nach einem kurzen Impuls wie diesem kann man nicht sagen: Das hat dies und jenes verhindert.«

Sinnvoll sei das Konzept, einen Jugendlichen direkt nach dem Rausch anzusprechen, aber allemal, sagt Gaßmann. »Man erreicht einen Menschen auf diese Weise in einem Moment, in dem er für das Thema offen ist.« Wünschenswert wären nach seiner Ansicht vergleichbare Programme auch für Erwachsene. »Rauschtrinken betrifft Zigtausende Menschen. Aber bei Erwachsenen fehlen solche Angebote.«

Die Zahl der Jugendlichen, die nach heftigem Alkoholkonsum ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten, ist nach Jahren des Rückgangs zuletzt wieder leicht angestiegen: auf rund 22 000 im Jahr 2016. Das sind sind die neusten Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden. Dennoch spricht die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), in ihrem letzten Jahresbericht von »erfreulichen Trends« beim Alkoholkonsum Jugendlicher.

Was sich mit den Jahren geändert habe, sei die Zeit, zu der es Einsätze gebe, sagt Pädagogin Katja Kiefer. Musste sie früher vor allem zur Fastnacht zu den Jugendlichen im Krankenhaus, so »haben wir heute eine gleichmäßigere Verteilung«. Denn die meisten Abstürze geschähen mittlerweile bei privaten Feiern mit viel Alkohol. epd/nd

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