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Ausgeschlachteter Frieden

Südkorea will eine Olympische Botschaft der Harmonie aussenden, nur der US-Vizepräsident stört ein bisschen

  • Von Oliver Kern, Pyeongchang
  • Lesedauer: 4 Min.

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Friede sei mit Dir! Fast könnte der Besucher der 23. Winterspiele in Südkorea denken, das sei das neue olympische Motto. Fürwahr, es wirkt alles ziemlich friedlich hier in Pyeongchang. Selbst die Soldaten an den Sicherheitskontrollen lächeln einen an, bevor sie nur recht oberflächlich den Rucksack durchwühlen. Mit einem Anschlag in Pyeongchang rechnet hier ohnehin niemand, der internationale Terrorismus hat glücklicherweise bisher einen Bogen um das Land gemacht. Und nun, da auch Nordkorea eine Delegation zu den Spielen geschickt hat, sind auch die ausländischen Besucher überzeugt, dass diese Olympiaausgabe eine sichere sein wird.

Die Friedensbotschaft wird ausgeschlachtet, wo es nur geht. Schon im neuen Hochgeschwindigkeitszug von Seoul in den Olympiaort liegt auf jedem Sitz ein Newsletter, der mit »PyeongChang Peace« überschrieben ist. Darin steht zum Beispiel, dass die Eröffnungsfeier an diesem Freitag »vor allem den Wert des Weltfriedens betonen wird«. Und außerdem: »Die Spiele von Pyeongchang werden ein Olympia des Friedens und der Harmonie.« Dazu strahlt jeder Fernsehkanal Bilder aus, die zeigen, wie eine ortsansässige Breakdance-Truppe Nordkoreas Sportler empfängt. Die Nachbarn aus dem Norden gucken dabei zunächst etwas peinlich berührt, klatschen dann aber doch fröhlich mit. Minuten später wird sogar gemeinsam zur Musik einer aus Pjöngjang mitgebrachten Marschkapelle getanzt. Als dann auch noch Nordkoreas Flagge feierlich im Athletendorf gehisst wird - außerhalb der Olympiastätten ist das im Süden verboten -, fließen einige Tränen bei den Gästen.

Stimmen des Zweifels, dass etwa Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un die Spiele für seine Propagandazwecke missbrauchen wird oder dass die Spiele nur ein Strohfeuer der Harmonie sein werden, bevor sich dann erneut Raketentests und Militärmanöver abwechseln, sind zumindest von Südkoreanern dieser Tage kaum noch zu hören. Das Getöse der Olympiafans ist einfach zu laut. Sogar der UN-Sicherheitsrat gibt sich anscheinend gnädig: Choe Hwi, Vorsitzender des nordkoreanischen Sportkomitees und Teil der offiziellen Delegationsleitung für Pyeongchang darf aufgrund von UN-Sanktionen eigentlich nicht reisen. Nun wurde für ihn eine Sondergenehmigung beantragt. Kim Jong Uns Schwester, Kim Yo Jong, unterliegt dagegen nur Sanktionen der US-Regierung und wird daher zur Eröffnung erwartet. Es wäre der erste Besuch eines Mitglieds der Kim-Familie in Südkorea.

Apropos US-Regierung: Der einzig vernehmbare Misston kommt dieser Tage von US-Vizepräsident Mike Pence, der auf seiner Asienreise auch in Pyeongchang halt macht. »Wir kommen, um unsere amerikanischen Athleten anzufeuern, aber auch, um unseren Alliierten beizustehen. Wir werden die Welt daran erinnern, dass Nordkorea das tyrannischste und repressivste Regime der Welt ist. Und wir werden Nordkorea nicht erlauben, die Bilder und das Image Olympias für seine Zwecke zu missbrauchen«, sagte Pence, der so etwas dann doch lieber selbst macht: Donald Trumps Vize wird bei der Eröffnungsfeier von Fred Warmbier begleitet, dem Vater des in Nordkorea misshandelten US-Amerikaners Otto Warmbier, der 2017 gestorben ist.

»Ich hoffe, dass jetzt der Sport endlich den Mittelpunkt des Interesses einnimmt«, sagte Thomas Bach am Donnerstag. Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) dürfte dabei jedoch weniger die Querschüsse von Pence im Sinn gehabt haben. Vielmehr stand das IOC auch am Tag, an dem im Gangneung Curling Centre schon die ersten Wettbewerbe starteten, noch immer unter dem Druck des russischen Dopingskandals von 2014. Russlands Olympisches Komitee war im Dezember vom IOC suspendiert worden, um den Wünschen all jener gerecht zu werden, die sich von den Gastgebern 2014 in Sotschi betrogen fühlten. Trotzdem wurden mehr als 160 russische Athleten eingeladen, von denen das IOC behauptet, sie seien sicher dopingfrei. Es war ein Versuch, eine der wichtigsten Sportnationen der Welt bei Laune und von einem Boykott abzuhalten.

Dass trotzdem mehr als 50 nicht eingeladene Sportler und Betreuer dieser Tage vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS ihre Teilnahme einklagen wollten, zeigt, dass der Plan nicht so richtig aufging. Sollte der CAS den Klägern recht geben, wäre das Chaos in manchen längst geschlossenen Starterfeldern programmiert.

Wenn Südkoreas Staatspräsident Moon Jae In um kurz vor 22 Uhr Ortszeit die Spiele im Olympiastadion für eröffnet erklärt, sollen alle Probleme vergessen sein. Läuft alles wie immer, wird es auch dieses Mal genau so kommen. Wenn erst einmal Medaillen verteilt werden, Kreuzbänder reißen und Fans in Ekstase ihre Fähnchen schwingen, wird kaum noch jemand von russischen Dopern sprechen oder vom Milliardengeschäft Olympia, das seit Jahren in finanziellen Dimensionen unterwegs ist, die vielen Menschen nur noch Angst machen.

Immerhin wurde diesmal weniger Geld ausgegeben als noch vor vier Jahren. Rund um Sotschi wurden seinerzeit wahnwitzige 50 Milliarden US-Dollar in Flughäfen, Züge, Lifte, Loipen, Autobahnen, Hotelanlagen und Skisprungschanzen gesteckt, die heute kaum noch genutzt werden. Südkorea hat offiziell nicht mal ein Viertel dessen ausgegeben. Rekorde für Winterspiele werden dennoch aufgestellt: Anzahl der Nationen (92), Teilnehmer (2952), Wettbewerbe (102). Und nicht zu vergessen die 110 000 an Athletinnen und Athleten kostenlos verteilten Kondome. Wenn das mal kein überzeugender Beweis für friedliche Spiele ist.

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