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Ein Fall von Geschichts-Exorzismus

Erich Zeigner fehlt in einer Porträtreihe Leipziger Stadtoberhäupter - und daran gibt es Kritik

  • Von Hendrik Lasch, Leipzig
  • Lesedauer: 3 Min.

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Als Konrad Adenauer am 4. Mai 1945 wieder sein bereits vor der NS-Zeit ausgeübtes Amt als Oberbürgermeister von Köln aufnahm, hatten ihn die Bürger formal nicht erneut gewählt; er wurde von den US-Besatzungsbehörden eingesetzt. In Hamburg beorderte die britische Militärregierung den Kaufmann Rudolf Petersen ins Rathaus. Und in Leipzig berief der sowjetische Stadtkommandant Nikolaj Trufanow den Sozialdemokraten Erich Zeigner an die Rathausspitze - einen Mann, der ab 1923 schon sächsischer Ministerpräsident gewesen war.

In einer Galerie früherer Oberbürgermeister aus den Jahren seit 1877, die seit Kurzem im Gang vor dem Dienstzimmer von SPD-Amtsinhaber Burkhard Jung zu sehen ist, fehlt dessen vormaliger Parteifreund indes - was in der Stadt für Empörung sorgt. Man halte dies für »nicht nachvollziehbar«, sagt etwa Raimund Grafe, Vorsitzender des Erich-Zeigner-Haus e.V., der für Demokratie und Zivilcourage wirkt. In Leserbriefen an die »Leipziger Volkszeitung« (LVZ) ist von »beschämender und äußerst peinlicher Ignoranz« die Rede. Die Fraktion der LINKEN im Leipziger Stadtrat spricht von einem »erinnerungspolitischen Skandal«.

Das Rathaus begründet die Lücke in der Sammlung mit dem Umstand, dass es sich um eine Galerie »demokratisch gewählter« Stadtoberhäupter handele - ein Attribut, das für Zeigner nicht zutreffe. Dieser sei schließlich von der Militärverwaltung eingesetzt und danach zwar im Oktober 1946 auch von der Gemeindevertretung im Amt bestätigt worden. Deren Wahl im September 1946 sei jedoch »keine freie Wahl« gewesen, sagt ein Stadtsprecher. Der Verein Erich-Zeigner-Haus widerspricht und merkt zudem an, auch die Abgeordneten der CDU und LDPD hätten für Zeigner votiert.

Der gehörte zu diesem Zeitpunkt bereits der SED an - was, wie in einem der Leserbriefe an die »LVZ« vermutet wird, ein nicht unwesentlicher Grund für die Nichtberücksichtigung des vormaligen SPD-Politikers gewesen sein könnte. Zeigner hatte bereits als sächsischer Ministerpräsident im Oktober 1923 zwei KPD-Politiker als Minister berufen; einige Tage später wurde er deswegen von Reichspräsident Friedrich Ebert (ebenfalls SPD) abgesetzt.

Im Jahr 1932 unterzeichnete Zeigner dann einen Appell, der zum Zusammengehen von SPD und KPD bei der anstehenden Reichstagswahl mahnte. Seit dem Vereinigungsparteitag 1946 gehörte er der SED an, für die er bis zu seinem Tod 1949 auch im damaligen sächsischen Landtag saß.

Dass Zeigner - ebenso wie die späteren Rathauschefs der DDR-Jahre - in der Porträtsammlung fehlt, begründet Amtsinhaber Jung in der »LVZ« mit Rücksicht auf SED-Opfer, denen es »nicht zumutbar« sei, an einer Galerie mit SED-Oberbürgermeistern entlanggehen zu müssen. Die FDP sekundiert: Ihr Kreischef Friedrich Vosberg nennt Zeigner eine »Marionette der Militärmachthaber und der von ihr protegierten Kommunisten«. Zwei SPD-Ortsvereine indes widersprechen ihrem Parteifreund Jung und nennen die Entscheidung »geschichtsvergessen«.

Die LINKE wirft der Rathausspitze ein »defizitäres, letztlich totalitarismustheoretisch geprägtes Demokratieverständnis« vor und verweist auf fragwürdige Umstände bei der Wahl anderer, in die Galerie aufgenommener Rathauschefs. So seien vor dem Jahr 1918 Frauen von Wahlen ausgeschlossen gewesen: »Von welcher demokratischen Legitimierung spricht man also?« Die Genossen drängen auf eine Ergänzung der Galerie um ein Porträt Zeigners, die schon allein wegen dessen »enormer Verdienste« um den Wiederaufbau in Leipzig nach dem Zweiten Weltkrieg geboten sei. Einen entsprechenden Antrag hat die Fraktion im Stadtrat eingebracht. Auch der Zeigner-Haus-Verein fordert die Stadt auf, seinen Namensgeber in die Galerie aufzunehmen; dieser sei immerhin ein »Vorkämpfer für die Demokratie« gewesen.

Der Verein bietet sogar an, das 1948 entstandene einzige Porträt aus Zeigners OB-Jahren zur Verfügung zu stellen. Und die SPD-Ortsvereine begründen ihr Plädoyer für ein Zeigner-Porträt im »roten« Leipziger Rathaus mit Hinweis auf die »schwarze« sächsische Staatskanzlei. In einer dortigen Galerie früherer Ministerpräsidenten des Freistaats werde Zeigners Bild gezeigt.

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