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Himnaera!

Koreas vereinigtes Eishockeyteam verliert zum Auftakt 0:8. Das Ergebnis war aber unwichtig

  • Von Oliver Kern, Gangneung
  • Lesedauer: 5 Min.

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Am Ende einer langen Fragerunde konnte Park Jongah ihre Contenance nicht mehr halten, und ihr huschte ein leises Lachen übers Gesicht. Die 21-jährige Eishockeyspielerin saß vor der versammelten Weltpresse und sollte mit ihrer knapp vier Monate jüngeren Teamkollegin Jong Su Hyon viele Fragen beantworten. Über Eishockey, Sprachbarrieren, die 0:8-Niederlage gegen die Schweiz, die sie gerade erlitten hatten - und über die ganz große Politik. Irgendwann war es dann auch für Park ziemlich witzig, wie sehr sich die Antworten der beiden voneinander unterschieden.

«Vor dem Spiel war ich sehr nervös. Ich wusste, dass jeder in Korea darauf hingefiebert hatte. Der Druck war immens», sagte sie. «Ach, wir wollten alle einfach unsere beste Leistung bringen», fasste Jong ihre Gefühle vor der Partie zusammen. Nervosität contra Selbstsicherheit. Und wie war es, vor Mitgliedern der nordkoreanischen Staatsführung zu spielen? «Die größte Ehre meines Lebens», meinte Jong, und diesmal gab Park die Lässige: «Das hat das Ganze nicht wirklich spezieller gemacht. Vor so vielen Leuten zu spielen, reichte mir als Motivation schon aus.»

Auf dem Eis hatte es keine Unterschiede zwischen Nord- und Südkoreanerinnen gegeben. Das IOC scheint es Außenstehenden auch bewusst schwer machen zu wollen, zu erkennen, welche Spielerin woher kommt. Weder auf den Trikots, noch in den Spielberichtsbögen finden sich Hinweise auf die Herkunft. Erst an den offiziellen Fotos der Spielerinnen wird klar, wer aus dem Norden kommt: die zwölf in Militäruniform. Von ihnen hatte Trainerin Sarah Murray am Sonnabend zwei spielen lassen. Speziell Jong bekam viel Eiszeit und hatte beim Stand von 0:0 sogar die erste Chance zur Führung, scheiterte jedoch an Torhüterin Florence Schelling. «Ich war schon überrascht, wie gut sie spielen», sagte die Schweizerin nach dem überzeugenden Sieg. «Ich habe mir aber vorher nicht extra angeschaut, wer da aus dem Norden oder aus dem Süden kommt. Für mich waren alle einfach Koreanerinnen.»

Auch für die Schweizerinnen war der Auftakt ins olympische Turnier nicht einfach. «Wir haben versucht, uns nur auf uns zu konzentrieren, aber natürlich wussten wir, dass das ein historisches Spiel war. Korea als gemeinsames Team ist, daran war ja vor kurzem noch überhaupt nicht zu denken», sagte Schelling. «Es war eine sehr spezielle Atmosphäre, aber auch sehr schön. 60 Minuten lang herrschte eine tolle Stimmung.»

In der Tat war «speziell» wohl die treffendste Umschreibung. Auf fünf verschiedene Blöcke waren die mittlerweile schon berühmt gewordenen Schlachtenbummlerinnen aus Nordkorea verteilt worden, und die spulten in jeder Drittelpause ihr Programm ab. Egal, ob gerade auf der Bühne eine Hip-Hop-Combo die Massen zum Mitsingen und -tanzen animierte, die 230 Damen in Rot schwangen langsam ihre Arme, als hörten sie gerade traditionelle koreanische Volkslieder. Sobald der Puck aber in Bewegung war, wurden sie zu echten Cheerleadern. Ihr Schlachtruf «Himnaera», der in etwa «Auf geht’s!» bedeutet, war schon nach drei Minuten vom Rest der Halle übernommen worden. Auch nach den Gegentreffern war er immer wieder zu hören. Beim Gesang «Korea. Wir sind eins» machten dagegen nicht alle 3600 Zuschauer im Kwandong Hockey Centre von Gangneung mit. Immerhin wedelten die meisten mit koreanischen Einheitsfähnchen umher.

«Es fühlte sich so an, als würde ich zu Hause spielen. Wir hatten wirklich tolle Unterstützung von den Zuschauern. Leider konnten wir ihre Erwartungen nicht erfüllen», sagte Jong Su Hyon später. Und was dachte Kollegin Park Jongah, die wirklich hier im Süden zu Hause ist? «Vor so vielen Leuten habe ich noch nie gespielt, also war ich sehr nervös. Ich war sogar nervös, weil ich dachte, die anderen werden vielleicht nervös.»

Dass Korea bei diesem Turnier wahrscheinlich chancenlos bleibt, war vorher klar. Beide Länder spielten im vergangenen Jahr noch in der vierten Liga. «Könnten wir weiter gemeinsam spielen, würde uns das schnell besser machen», hofft Park darauf, dass das Team Korea auch nach Olympia noch zusammen bleiben kann. «Dann würden wir häufiger auf starke Gegnerinnen treffen, was uns noch mal stärker macht.» Vor Olympia hatte die Mannschaft nur knapp zwei Wochen fürs gemeinsame Training. Nachdem zuvor schon eingebürgerte Spielerinnen aus den USA und Kanada integriert werden mussten, kam mit den Nordkoreanerinnen eine weitere Sprachbarriere dazu. Der Norden hat seine eigenen Eishockeybegriffe entwickelt, der Süden hatte einfach die englischen übernommen. «Das war am Anfang schwer, aber wir haben es hinbekommen», sagte Park, und ausnahmsweise stimmte Jong mal zu. Auch die Nordkoreanerin hofft übrigens, dass das Team bestehen bleibt: «Das würde uns alle weiterbringen - nicht nur sportlich.» In ihrer Hand liegt das allerdings nicht.

Selbst wenn die beiden schon in zwei Wochen für immer auseinandergehen sollten. Eine ganz spezielle Erinnerung wird sie immer vereinen: Park und Jong hatten bei der Eröffnungsfeier am Freitag gemeinsam die olympische Fackel getragen. «Das wäre schon so eine besondere Erfahrung gewesen. Es gemeinsam mit einer Mitspielerin aus Nordkorea zu tun, hat es aber noch spezieller gemacht», sagte Park am Tag danach. Es habe nur leider keinen Probelauf gegeben, weshalb sie ob der viele steilen Stufen ziemlich überrascht gewesen sei.« Für Jong war das natürlich gar kein Problem: »Ich war so voller Stolz, dass es sich für mich überhaupt nicht schwierig anfühlte.« Da musste Kollegin Park dann lachen. Anscheinend wusste sie es etwas besser.

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