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  • Zum Faschingsdienstag

Es ist ein Kreuz mit dem Volk

  • Von Jürgen Amendt
  • Lesedauer: 3 Min.

Kürzlich war in einer bei Facebook geführten Diskussion über den zähen Prozess der Regierungsbildung in dieser Republik sinngemäß zu lesen, dass sich an den schlimmen Verhältnissen hierzulande nichts ändern werde, solange 90 Prozent der Bürger bei jeder Wahl gegen ihre ureigensten Interessen stimmen und CDU/CSU, FDP, Grüne und AfD wählen würden, anstatt bei der Linkspartei ihr Kreuz zu machen.

Es ist ein Kreuz mit dem Volk. Es tut nicht das, was Linke von ihm erwarten. Nach der Niederschlagung der Unruhen in der DDR, die am 17. Juni 1953 in der Berliner Stalinallee ihren Anfang hatten, meinte Bertolt Brecht süffisant ironisch, da das Volk offenbar das Vertrauen der Regierung verscherzt habe, müsse sich die Regierung die Frage stellen, ob es nicht besser wäre, sie löse das Volk auf und wähle ein anderes.

Ähnliches lässt sich bezüglich des Faschings feststellen. Das Volk feiert diesen respektive Karneval bzw. Fastnacht, ohne sich um die Einwände zu kümmern, die berechtigterweise gegen diese Veranstaltung vorgebracht werden. Das jährliche Ritual, das mit dem heutigen Tag zu Ende geht, ist politisch harmlos, nimmt keine Rücksicht auf ökologische Bedenken, lenkt vom wichtigen Protest gegen die Zustände in diesem Land ab und ist voller diskriminierender Witze über Minderheiten. Zu den linken Gewissheiten gehört es, sich von derartigen Volksaufläufen, die sich gegen die ureigensten Interessen des Volkes richten, zu distanzieren.

Wo aber hört bei dieser Veranstaltung der Spaß auf und beginnt der Ernst? Bei schlechten Witzen wie denen über Blondinen oder über den Altersunterschied zwischen Brigitte Macron und ihrem Ehemann Emmanuel, der derzeit das Amt des französischen Staatspräsidenten bekleidet? Oder - ganz generell gesprochen - bei Witzen, in denen es um irgendetwas mit Sex und Frauen, vorzugsweise auch ganz jungen, geht? Oder schon beim Genuss von Alkohol? Henriette Reker, parteilose Kölner Oberbürgermeisterin, hat vor Beginn der Endphase der diesjährigen Karnevalssaison kritisch bemerkt, der Karneval sei in den vergangenen Jahrzehnten zu etwas geworden, »das eher einem allgemeinen Besäufnis entspricht als dem, was unsere Karnevalskultur ausmacht«.

Nun liegt genau hier der Sinn der Narretei: in der Zivilisierung der Triebabfuhr, aber auch darin, dass die Verhältnisse, in die man sich schicken muss, nüchtern nicht zu ertragen sind. Das war vor zehn, zwanzig, ja vor hundert Jahren nicht anders. Wer den Karneval (oder wie er sonst noch in den katholischen Landen genannt wird) abschaffen will, sollte sich die Frage stellen, ob es nicht besser wäre, man löse das Volk auf und wähle sich ein anderes.

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