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»Syrien soll brennen, Afrin soll zerstört werden«

Wie türkische Nationalisten für die Afrin-Offensive mobilisieren

  • Von Ismail Küpeli
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Offensive der türkischen Armee gegen Afrin in Rojava/Nordsyrien, die am 20. Januar 2018 begann und bis heute andauert, genießt in der Türkei breite Unterstützung. Nicht nur die Regierungspartei AKP, sondern alle Parteien im Parlament (bis auf die linke HDP) sind für diesen Krieg.

Wer in einer solchen politischen Atmosphäre dennoch versucht, Kritik am Krieg zu üben, muss mit einer Festnahme oder sonstigen repressiven Reaktionen rechnen. Das türkische Innenministerium gab jetzt bekannt, dass 474 Menschen wegen kritischen Äußerungen in Sozialen Medien und 192 Menschen bei Protesten gegen den Krieg festgenommen wurden. Selbst sehr zurückhaltende Kritik am Krieg, wie etwa die Äußerung der Ärztevereinigung TBB, dass der Krieg ein »Problem für die öffentliche Gesundheit« sei, führte zu der Festnahme der Führungsspitze der TBB. Inzwischen wird über die Zerschlagung der TBB debattiert und der Verband als »anti-türkisch« diffamiert.

Jetzt könnte man annehmen, dass die einfache Bevölkerung eigentlich gegen den Krieg sei, aber wegen der Repressionen und der Haltung der parlamentarischen Parteien davor zurückschrecke, diese Ablehnung öffentlich zu zeigen. Dies ist jedoch allem Anschein nach eine falsche Annahme. Umfragen zeigen, dass über 80 Prozent der Bevölkerung ebenfalls die Militäroperation begrüßen. Darüber hinaus formieren sich in den Sozialen Medien immer wieder große Kampagnen, die dazu dienen, sich mit den türkischen Soldaten zu solidarisieren und die in Afrin lebenden Menschen als »Terroristen« zu verunglimpfen.

In den letzten Tagen stellte sich heraus, dass die türkische Armee bei der Afrin-Offensive deutlich höhere Verluste erleidet, als bisher bekannt gegeben. Daraufhin kam eine Social-Media-Kampagne ins Rollen, die den Glauben an eine Bevölkerungsmehrheit, die eigentlich gegen den Krieg sei, nochmals erschüttert. Das Kampagnen-Hashtag #YansınSuriyeYıkılsınAfrin (»Syrien soll brennen, Afrin soll zerstört werden«) erreichte auf Twitter weltweit Platz zwei und blieb in der Türkei recht lange stabil auf Platz eins. Eine der häufigen Forderungen bei dieser Twitter-Kampagne ist: »Taş üstünde taş omuz üstünde baş kalmamalı« (»Kein Stein auf dem anderen lassen, keinen Kopf auf den Schultern lassen«); also die totale Zerstörung und Tötung aller Menschen in Afrin.

Wenn solche Forderungen nach Massenmord so breit öffentlich akzeptiert werden, dann fehlt nicht viel bis zum Genozid. Dies ist leider keine ganz neue Entwicklung. In einer solchen Stimmung können zivilgesellschaftliche und parlamentarische Akteure nur noch eine sehr kleine Rolle spielen - und laufen immer mehr Gefahr, selbst als »Vaterlandsverräter« ins Visier der Nationalisten zu geraten. Wer darauf setzt, einen gerechten und nachhaltigen Frieden in der »kurdischen Frage« zu erreichen, muss sich mit dem zentralen Problem auseinandersetzen, dass es derzeit dafür in der türkischen Bevölkerung keine Mehrheit für einen Frieden existiert. Vielmehr erstarken jene Stimmen, die Tod und Vernichtung fordern – wieder einmal, wie vor 100 Jahren.

Ziya Gökalp, der Chefideologe der türkischen Nationalisten, dichtete 1912:

Taş üstünde taş kalmasın durma kır:
Kafalarla düz yol olsun her bayır,
Attilâ'nın oğlusun sen unutma!

Kein Stein soll den anderen liegen, warte nicht zerschlag sie
Mit [abgeschlagenen] Köpfen sollen die Wege geebnet werden
Vergiss nicht, du bist der Sohn von Attila [Herrscher der Hunnen]

Drei Jahre später folgte der Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich unter der Führung türkischer Nationalisten. Über eine Million ArmenierInnen wurden dabei ermordet. Den Weg dorthin haben auch solche Texte geebnet. Es ist sicherlich kein Zufall, dass das Gedicht von Ziya Gökalp jetzt immer wieder unter dem Hashtag #YansınSuriyeYıkılsınAfrin (»Syrien soll brennen, Afrin soll zerstört werden«) zitiert wird. Die Ideologie, die für die Taten damals verantwortlich war, ist nicht verschwunden. Sie wirkt auch heute und ebnet wieder den Weg für Tod und Vernichtung.

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