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Mut zum Nachdenken

Linke Theorie-Zeitschrift »Phase 2« erforscht in neuer Ausgabe »Kalte Füße, weiche Knie« das Phänomen der Angst

  • Von Markus Mohr
  • Lesedauer: 4 Min.

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Mitte Juni 1980 berichtete das Nachrichtenmagazin »Spiegel« in einer Titelgeschichte über einen möglichen Atomkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion. »Aus Versehen« hätte dieser damals ausbrechen können, so der Tenor. Es gab somit allen Grund, große Angst zu haben. Zehn Jahre später pflichtete der gerade aus der Anti-Katastrophen- und Angstpartei Bündnis 90/Die Grünen ausgetretene Thomas Ebermann diesem Gefühl mit etwas größerer historischer Tiefenschärfe bei. Auf einem Kongress der radikalen Linken in Köln wies er daraufhin, das doch ein jeder von uns große Angst davor gehabt habe, das eine von diesen US-Atomraketen just dort niedergehen könnte, wo unsere Bausparverträge laufen. Völlig frei von Angst, wusste das Publikum diese treffende Einsicht über den ambivalenten Charakter des Phänomens mit Lachen zu goutieren.

Unter dem Titel: »Kalte Füße, weiche Knie« hat nun die Redaktion der Zeitschrift »Phase 2« aus Leipzig den Themenschwerpunkt ihres aktuellen Heftes Nr. 55 den »Konjunkturen der Angst« gewidmet. Mehrere Beiträge umkreisen dabei die Themenstellung, die nach den Worten des Heftautors Alex Struwe eigentlich »analytisch wenig ergiebig« sei. Lässt man sie aber Revue passieren, so erweist sich die Thematisierung unter dem Begriff der »Angst«, der von Ilse Bindseil eben auch zutreffend als ein »Feld- Wald- und Wiesenbegriff« gekennzeichnet wurde, als außerordentlich anregend.

In einem Parforceritt skizziert dabei die Redaktion im Vorwort einige politisch aktuelle Bezüge des Phänomens. Ihr geraten dabei so einige Protagonisten ins Visier. Auch wenn die Hysterie und Angst vor dem »Gespenst des Schwarzen Blocks« der Krawalle beim G20-Treffen in Hamburg »in einem offensichtlichen Missverhältnis zur tatsächlichen Relevanz der radikalen Linken« stehe, so sei es eben die nachfolgend betriebene »Politik mit der Angst« gewesen, die wesentlich zur Legitimation von Polizeipräsenz- und Gewalt» beigetragen habe - ,,denn wer Angst hat, will und muss beschützt werden.« Aber auch das »Gespenst des Populismus« sorge zwischenzeitlich dafür, so zeigen sich die Autoren davon überzeugt, dass ein nicht geringer Bevölkerungsanteil mittlerweile von der Alternative für Deutschland bei »seinen Ängsten« abgeholt worden ist. Schlimmer noch: Auch von der Union bis zur Linkspartei werde gefordert, »Ängste ernst zu nehmen«, anstatt einer »regressiven Artikulation der Ängste« die »Forderung nach einer besseren, angstfreien Gesellschaft« entgegenzustellen.

Lukas Betzler leuchtet in seinem kundigen Beitrag unter der programmatischen Ansage »Keine Angst für Niemand« die Bedeutung des Angstbegriffs für eine kritische Theorie der Gesellschaft aus. Hier orientiert er sich wesentlich an der Entwicklung diesbezüglicher Aussagen von Theodor Adorno. Noch 1936 postulierte dieser in einem Brief an Walter Benjamin unmissverständlich: »Der Zweck der Revolution ist die Abschaffung der Angst.« 30 Jahre später - nach Faschismus, Krieg und Shoah - formulierte der nun zum ordentlichen Professor Berufene in »Erziehung nach Auschwitz« ohne Hinweis auf Revolution vorsichtiger: »Erziehung müsste Ernst machen mit einem Gedanken (…), daß man die Angst nicht verdrängen soll. Wenn Angst nicht verdrängt wird, wenn man sich gestattet, real so viel Angst zu haben, wie diese Realität Angst verdient, dann wird gerade dadurch wahrscheinlich, doch manches von dem zerstörerischen Effekt der unbewussten und verschobenen Angst verschwinden.«

Ilse Bindseil nutzt wiederum in dem Beitrag »Wenn die Hose brummt« Erinnerungen an ihren Vater, um ein indirektes Plädoyer für die Angst zu halten. Wenn eines ihrer Vorhaben ihrem Vater Angst machte, stieß er nach der Aussage: »Ich habe Angst« jene eigentümliche Bemerkung aus, die die Differenz zwischen dem jungen Mann und dem erwachsenen Vater verwischte. Ihm, dem Wehrmachtsoldaten und Kriegsgefangenen der Engländer, galt eben das als Entscheidung und Begründung in einem. Er habe in der Familie die »Aura des Feiglings« ertragen, ihm sei das richtige Unterlassen zwar nicht als Verdienst, aber doch als ein Glück erschienen.

»Heute denke ich, dass er seiner Angst dankbar war, weil sie ihn gehindert hatte, so forsch zu sein, wie er es bei seinem forschen Geist, seiner Schlagfertigkeit, seiner Begeisterungsfähigkeit, seinem Sinn für rhetorischen Schwung hätte sein können. Nicht auszudenken, wenn er, ein scharfer Hund im Geist, womöglich ein scharfer Hund im Tun geworden wäre.« Gleichwohl seien es die Erfahrungen mit ihrem Vater gewesen, an dem sie einen skeptischen Standpunkt gegenüber Ängsten gewonnen habe. Sie habe »den Glauben an ihre Autorität, den Glauben an ihre Dringlichkeit, den Glauben an ihre Wichtigkeit« verloren.

Fast passend zur Themenstellung wurde die Ausgabe der Zeitung Ende Januar auf einer Veranstaltung in Hamburg in einem gigantischen Monument der Angst aus der Zeit des deutschen Faschismus vorgestellt: In einer fensterlosen Kneipe in dem Bunker auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg. Lukas Betzler erinnerte dabei an die Hunderten Zwangsarbeiter, die die Nazis für den Bau dieses Bunkers über die Klinge springen ließen - zur Bewirtschaftung der Angst.

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