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Die ultimative Feier der Selbstachtung

Eine Ausstellung in Kreuzberg präsentiert gegenkulturelle Szenen aus Staaten des ehemaligen Ostblocks

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Die Ausstellung »Left Performance Histories« im Kreuzberger Kunstverein »Neue Gesellschaft für bildende Kunst« unternimmt den Versuch, kritische Aktionskunst vor allem der 70er und 80er Jahre aus ehemaligen Ostblockländern anhand ausgewählter Beispiele von über 25 Künstlerinnen und Künstlern zu erforschen. In den gegenkulturellen Szenen dieser Länder waren Irritation und Provokation gängige Ausdrucksmittel des künstlerischen Widerstands.

Ein anschauliches Beispiel, wie subversive künstlerische Strategien während des Sozialismus in osteuropäischen Ländern entwickelt wurden, ist das Langzeitprojekt »Ich bin ein Kunstwerk« der 1944 geborenen ungarischen Künstlerin Judit Kele. Kele stellte sich 1980 zunächst in Budapest in einer mehrtägigen Dauerperformance als Kunstwerk aus und bot sich im selben Jahr auf der Biennale in Paris dann als Kunstwerk zur Versteigerung an. Damit setzte sie auf provozierende und riskante Weise sowohl ihren Körper als auch ihre gesamte Existenz einer Situation mit ungewissem Ausgang aus. Bieter wurden in der französischen Tageszeitung »Libération« per Heiratsanzeige gesucht. Die stark eingeschränkte Reisefreiheit ihres Heimatlandes zu erweitern, wurde als Zweck in der Annonce mit benannt. Viele der Antwortenden boten ihre Hilfe auf Basis sozialistischer Solidarität an.

Performancekunst museal auszustellen, ist immer eine kuratorische Herausforderung und oft schwer lösbar. In Abgrenzung zu anderen Formen der Aktionskunst handelt es sich bei Performances um situationsbezogene, handlungsbetonte und vor allem vergängliche künstlerische Darbietungen einer Person oder Gruppe. Die Art ihrer Inszenierungen im Kontext von Kunstausstellungen hängt somit ab von den Formen der Dokumentation der historischen Aktionen, sofern diese nicht selbst in der Ausstellung (erneut) zur Aufführung kommen.

So wird auch Judit Kele ihr eingangs beschriebenes Projekt, das in der Ausstellung nur in Form von Fotos gezeigt wird, an diesem Freitag in der live aufgeführten Performance »KONTRAKTUS« zum abschließenden Höhepunkt bringen und nach fast 40 Jahren den Bund der Ehe mit sich selbst eingehen, als »ultimative Feier der Selbstachtung, der Selbstverwirklichung und der Kreativität«.

Das Ausstellungsteam schlägt vor, jede Performance als veränderliches und sich kontinuierlich neu konstituierendes Archiv zu verstehen, das bei jeder öffentlichen Präsentation aufs Neue gestaltet werden muss. Mit diesem Ansatz soll zugleich erkundet werden, wie die Geschichten der Performancekunst im Laufe der Zeit erzeugt, reguliert und interpretiert werden.

Performances, die nicht mithilfe von Fotos oder Videoaufnahmen dokumentiert wurden, existieren manchmal in Form schriftlicher Anweisungen oder Konzepte, die als Exponat gezeigt werden können. Oder es gibt Requisiten von Aufführungen, die ausgestellt werden können und so Vorstellungen von der Aktion selber vermitteln. Dadurch entsteht erhöhter Erklärungsbedarf, was die ausführlichen Beschriftungen zu allen Exponaten erklärt, für die man sich unbedingt Zeit nehmen sollte.

Neben bekannten Namen wie Vlasta Delimar, Ewa Partum, László Lakner, Tamás Király oder Sanja Iveković kann man in der thematischen Schau viele Neuentdeckungen der alternativen Kulturszenen in Polen, Ungarn, Jugoslawien und der DDR machen. Die gut präsentierte Schau verdeutlicht, dass Performances nicht nur eine Form politischer Prozesskunst sind, sondern in enger Beziehung zu Ritualen als einem grundlegenden Element menschlicher Kultur stehen. Ersichtlich wird das unter anderem in Ga᠆briele Stötzers Performance »Trisal« (1986), die in einem rund zwanzigminütigen Super-8-Film festgehalten wurde. Der Film zeigt, wie an den beiden nackten Körpern der Protagonistinnen Monika Andres und Verena Kyselka rätselhafte symbolische Handlungen vollzogen werden.

Das Ritual, bei dem Materialien wie dunkle Wolle, Steine, Hühnereier oder Fischrogen zum Einsatz kommen, zelebriert weibliche Fruchtbarkeit und verbindet sinnliche Erotik mit herber Archaik. Die Ausstellung zeigt somit auch, dass die inoffizielle Kunst in den staatssozialistischen Ländern Osteuropas mehr war als ein Sammelbecken subversiver Gesten gegen ein gesellschaftlich, kulturell und politisch repressives Umfeld. Denn viele Performances strahlen in ihrer sinnlichen Darbietung ein großes Vergnügen am spielerischen Aushebeln von Tabus, gängigen Selbstdarstellungen und gesellschaftlichen Normen von Geschlechtsidentität, Sexualität und Schönheit aus.

Selbst da, wo der sozialistische Staatsapparat von innen heraus angefochten wurde, etwa bei der Aktion »Trokut« (1979) der kroatischen Künstlerin und Feministin Sanja Iveković. Auf denkbar einfachste Weise thematisierte Iveković politischen Widerstand, indem sie sich einem Verbot widersetzte und während eines Staatsbesuchs von Tito in Zagreb auf ihrem Balkon blieb, der an der Route der Kolonne lag.

Die achtzehnminütige künstlerische Intervention, bei der Iveković nichts anderes tat, als ein Buch zu lesen, Whisky zu trinken und zu masturbieren, führte zum Eingreifen eines Geheimagenten. Auf ganz unterschiedliche Weise also erzählen die verschiedenen Performances über künstlerische Ausdrucksweisen, politische Kritik oder gesellschaftlich unangepasstes Verhalten. Alle Performances sind zeitbezogene Zeugnisse künstlerischer Kritik in einer universalen Sprache. Sie machen aber auch deutlich, dass eine wirklich kritische Haltung immer wieder neu konfiguriert werden muss, um die jeweiligen Mängel eines bestehenden Systems erfassen zu können.

»Left Performance Histories«, bis zum 25. März in der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst (nGbK), Oranienstraße 25, Kreuzberg

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